John James Audubon hatte den Ehrgeiz, alle amerikanischen Vögel abzubilden. Nicht nur das, er wollte sie möglichst lebendig darstellen und in ihrer wirklichen Größe. Obwohl immer von Schulden und Armut verfolgt, gelang es ihm, diesen Plan zu verwirklichen. Heute ist Audubon der berühmteste Vogelmaler überhaupt, sein Werk im Ganzen ist unbezahlbar, die letzten vollständigen Riesenbände seiner Birds of America liegen in den klimatisierten Kellern großer Museen, und die einzelnen Blätter der etwa sechzig aufgeschnittenen Ausgaben sind Sammelobjekte geworden, ebenso gesucht wie teuer. Johann Friedrich Naumann (1780 - 1857) BILD

Johann Friedrich Naumann, geboren 1780, gestorben 1857, lebte etwa zur gleichen Zeit wie Audubon. Wenn ihm die Wucht und die Dramatik der Audobonschen Bilder fehlte, so machte er dies durch Eleganz und Präzision wett. Seine Stiche sind kleiner im Format, aber von hoher künstlerischer Qualität und ebenso der lebenden Natur abgeschaut wie Audubons amerikanische Vögel. Naumann und Audubon sind die beiden Vogelmaler, die fast gleichzeitig und ohne einander zu kennen, mit dem bis dahin herrschenden Prinzip brachen, nach ausgestopften Vögeln zu arbeiten, was früheren Vogeldarstellungen etwas Lebloses, Steifes und Unnatürliches gegeben hatte. Im Gegensatz zu Audubon ist Naumann, übrigens ein Vorfahr des ZEIT- Herausgebers Michael Naumann, heute auch in der Birdwatcher-Gemeinde kaum noch bekannt, sein zwölfbändiges Werk Die Vögel Mitteleuropas liest niemand mehr, und seine Stiche kann man auf Flohmärkten kaufen. Dabei galt er zu seiner Zeit als der größte Ornithologe Deutschlands, Goethe bewunderte seine sprachliche Ausdruckskraft, und die nach 25-jähriger Arbeit vollendete Ausgabe der Vögel Mitteleuropas mit Naumanns eigenhändigen Stichen wurde als ein Werk der Wunder betrachtet. Er ist ein vergessenes deutsches Genie.

Die Naumanns saßen seit mehreren Generationen auf Gut Ziebigk im Herzogtum Anhalt-Cöthen. Das Land hier ist flach wie ein Tisch, und die Felder der Naumanns lagen direkt an der Elbe, die damals noch ein Fluss war und kein Kanal. Fast regelmäßig trat sie im Frühjahr über die Ufer und flutete die Ländereien. Das zog riesige Schwärme von Watvögeln an, und darauf geht wohl das leidenschaftliche Interesse schon des Vaters, Johann Andreas Naumann, an der Ornithologie zurück: »Die Liebe zu den schönen Luftbewohnern schien bei mir so stark eingewurzelt, dass es mir unmöglich war, die Vögel mit gleichgültigen Augen anzusehen, und in meinen Jünglingsjahren wurde dieselbe zur Leidenschaft.«

»Zwitschernde und schirkende Töne, hellpfeifende oder sanft einlullende«

Der alte Naumann war ein Sonderling und Autodidakt. 1791 veröffentlichte er ein Buch mit dem bezeichnenden Titel Der philosophische Bauer oder Anleitung, die Natur durch Beobachtung und Versuche zu erforschen. Das Werk, das seinen Sohn berühmt machen sollte, wuchs aus den Forschungen des Vaters sozusagen heraus, er schrieb dessen Naturgeschichte der Land- und Wasservögel des nördlichen Deutschland fort und erweiterte sie auf die Vögel Mitteleuropas.

Die Vorrede schrieb noch der Alte: »Die Bewohner der Lüfte, die Vögel, sind der Gegenstand, womit ich meine Leser zu unterhalten und zum Lobe des Allgewaltigen aufzumuntern gedenke… Mein Sohn hat die sämmtlichen Vögel nach der Natur gemalt.«

Malen konnte Johann Friedrich. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll – diese wunderbaren Stiche, die er auf Kupferplatten selbst herstellte und druckte, oder den energischen, zupackenden, aber oft auch poetischen Stil seiner Prosa.

Hier ist ein Beispiel. Naumann schildert, oder besser, er empfindet das Lied des Sumpfrohrsängers nach, den er die »Nachtigall der Marschgegenden« nennt. »Es besteht aus einer Menge höchst abwechselnder Strophen, wovon viele sanftpfeifend und wirklich flötend sind, manche auch wieder eine täuschende Nachahmung anderer Vogelstimmen zu sein scheinen. Bald flötet die eine Strophe, als wenn sie aus dem Gesange der Drossel entlehnt wäre; bald sind es zwitschernde und schirkende Töne, die auf einmal in hellpfeifende oder sanft lullende, in auf- und absteigende, in kurz abgebrochene oder in geschleifte übergehen; bald folgen Töne, wie aus einem der Gesänge der Garten- oder Mönchsgrasmücke erborgt, dann wieder die wiederholt nachgeahmten Lockstimmen der Rauchschwalbe, der Kohlmeise, selbst sperlingsartige Stimmen in dem buntesten Gemisch durcheinander, dass man nicht satt wird, ihm zuzuhören.« Bienenfresser (Merops apiaster) und Rosenstar (Pastor roseus), gezeichnet von Johann Friedrich Naumann BILD