Wochenschau Straßen-Drama
Detlev Buck über die Neuköllner Rütli-Schule und seinen Film »Knallhart«, der von der Gewalt in dem Berliner Stadtteil erzählt
DIE ZEIT: Herr Buck, Lehrer einer Neuköllner Hauptschule haben in der vergangenen Woche in einem öffentlichen Hilferuf kapituliert. Sie fordern die Schließung der Rütli-Schule, weil sie der Gewalt nicht mehr Herr werden. Es scheint, als werde die Botschaft Ihres Films Knallhart, der in Neukölln spielt, nachträglich bestätigt.
Detlev Buck: Was heißt nachträglich? Jetzt stürzen sich alle auf diese eine Schule in Neukölln, dabei sind die Probleme doch seit langem bekannt, und zwar überall in Deutschland.
ZEIT: Manche Kritiker, auch in der ZEIT, haben Ihnen vorgeworfen, ausländerfeindliche Stimmung zu machen.
Buck: Das ist Unsinn gewesen. Der Film sagt: Hingucken. Wirklichkeit wahrnehmen. Es ist nicht leicht, den eigenen Blick auf die Wirklichkeit auszuhalten. Ich bedauere es, wenn der Berliner Schulsenator Klaus Böger mit Schulklassen Das Leben der Anderen, einen Film über die Stasi, besucht und die Gegenwart knallhart ignoriert. Zur Stasi-Frage kann natürlich jeder problemlos Stellung beziehen. Das ist sehr angenehm für Böger, denn in diesem Fall ist historisch geklärt, wer die Guten und wer die Bösen sind. Da kann Böger keine Fehler machen.
ZEIT: Zurück zum aktuellen Fall, der Schule in Neukölln. Die deutschen Schüler sind dort mit 17 Prozent in der Minderheit, etwa ein Drittel der Schüler sind türkischer, ein weiteres Drittel arabischer Herkunft.
Buck: Was mich an der Diskussion stört, sind die Extreme. Vor einigen Wochen, als mein Film in die Kinos kam, wollten manche Medien nicht einmal akzeptieren, dass es Gewalt unter türkischen Jugendlichen gibt. Jetzt heißt es, dass alle Mädchen, die in Problembezirken kein Kopftuch tragen, nonstop als Hure beschimpft werden. Da machen es sich manche zu einfach. Wer sagt, der Multikulti-Traum sei ausgeträumt, täuscht sich. Wir müssen jetzt erst anfangen zu träumen, indem wir klar machen, dass unsere Gesellschaft sich extrem verändert hat.
ZEIT: In einigen Fernsehberichten der vergangenen Tage mischen sich auf unangenehme Weise Film und Wirklichkeit. Da wird über die Rütli-Schule berichtet, und Schlägerszenen aus Ihrem Film werden dazwischengeschnitten.
Buck: Jeder sucht gute Bilder, den Ansatz kann ich verstehen. Allerdings werden immer dieselben Szenen verwendet, die brutalsten des Films. Dabei zeige ich die Figur des Schlägers Erol auch in anderen, stilleren Momenten. Einmal will ihn seine Frau, die Mutter seiner Kinder, nicht mehr in die Wohnung lassen und beschimpft ihn vor der ganzen Nachbarschaft als Versager. Mir war immer wichtig, dass der Täter auch als Opfer gezeigt wird. Der Film ist eine griechische Tragödie auf der Straße!
ZEIT: Sie haben sich für Ihren Film intensiv mit Migration beschäftigt. Sind Sie desillusioniert?
Buck: Nein, sonst könnten wir auch Europa wieder zutüten. Es gibt Wege, die sich lohnen begangen zu werden. Zum Beispiel den jener Schule im Wedding, die einen Verhaltenskodex aufgestellt hat, an den sich jeder zu halten hat. Damit geht es los, obwohl es banal klingt: Gegenseitiger Respekt entsteht nur durch eine gemeinsame Basis, die alle respektieren.
Das Gespräch führte Christoph Amend
- Datum 06.04.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 06.04.2006 Nr.15
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