Er hat sein Endgewicht gefunden, wie es scheint. Joschka Fischer ist jetzt ein dicker, grauhaariger Mann im grauen Anzug, ein Ex-Außenminister, der sich am vorigen Montag bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik von Marietta Slomka interviewen lässt.

Manchmal, wenn er Lust hat, antwortet er auf ihre Fragen. Manchmal verweigert er die Antwort und erzählt etwas völlig anderes. Er zieht gleichzeitig die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel runter, deswegen sieht es immer so aus, als rieche er gerade etwas Unangenehmes. Er sagt: Politik ist Kampf. Oder: Das Faszinosum von Politik. Oder: Der schwere Lehm der Mehrheitsbildung.

Die Frage, welches sein größter Fehler als Politiker gewesen sei, beantwortet er nicht. Die meiste Zeit schimpft er auf die Journalisten. Bei den Journalisten gibt es ein Phänomen der Selbstüberschätzung, sagt er, und der Grenzüberschreitung. Die maßen sich etwas an, es war klar, die wollten uns weghaben. Die Journalisten glauben, sie sind so mächtig, sie können entscheiden, welche Mehrheiten es gibt. Marietta Slomka wirft ein, dass fast alle abgewählten oder nicht gewählten Politiker die Schuld bei den Medien suchen, niemals bei sich selber. Auch Edmund Stoiber zum Beispiel. Das überhört Joschka Fischer.

Politik ist Kampf. Die Medien sind ein Rivale, den man nie ganz besiegen kann.

Marietta Slomka sagt, dass er, Fischer, einen regelrechten Hofstaat aus Journalisten besessen habe, bei einer Party habe sie beobachtet, wie Journalisten sich vor ihm niederknien, tatsächlich knien, nur um kein Wort von ihm zu verpassen. Fischer antwortet: Das ist eine Frage, die dürfen Sie nicht an mich stellen.

Dann schimpft er über bestimmte Journalisten, Aufsteiger, 40-Jährige, Frühberufene, die meinen, Politik besser machen zu können, also besser als er. Er wischt sie mit dem Arm weg. Wahnsinn: Plötzlich bewegt er sich genau wie Helmut Kohl.

Der Name Jürgen Trittin fällt. Alter Rivale. Fischer schweigt. Ein Moment des Schweigens. Kein Wort zu Trittin. Es geht um das Privatleben. Slomka wirft Fischer vor, dass er sein Privatleben immer dann öffentlich gemacht hat, wenn es ihm nützlich schien. Dieses Interesse am Privatleben kann man eben nicht nach Belieben an- und ausknipsen, meint Slomka. Fischer wird scharf. Die Körpermasse richtet sich auf. Ich weiß ja auch einiges über Ihr Privatleben, Frau Slomka. Dann sinkt er wieder zusammen. Buddha spricht. Es war weltpolitisch eine faszinierende und sehr herausfordernde Zeit, dafür bin ich unserem Land und meiner Partei sehr dankbar.