IntegrationMein Deutschland

Warum die Einwanderer auf ihre neue Heimat stolz sein können von Feridun Zaimoglu

J etzt melden sich wieder die zu Wort, die nichts verstanden haben. Jene Konservativen, die so tun, als könne man die Einwanderung rückgängig machen. Und jene Linken, in deren Augen schon die Beschreibung der Probleme, die Einwanderer verursachen, Fremdenfeindlichkeit schürt. Nur wir, die Kinder der Migranten, haben keine Stimme. Dabei könnten wir einiges klarstellen. Kaum zu glauben, dass die mir, dem im anatolischen Bolu geborenen Sohn eines Metallarbeiters und einer Putzfrau, die Spalten des Leitartikels anbietet.

Die Kulturkämpfer in allen politischen Lagern müssen begreifen: Man bringt Deutschland nicht voran, wenn man die so genannten Ausländer (sie verdienen dieses Etikett längst nicht mehr) ausgliedert. Längst wird frei und geradeheraus über das Wie der Einwanderung, des Ankommens und Dableibens gesprochen. Und da zählt vor allem der Ton: Bei aller Liebe zum Tabubruch sollte man sich nicht über die Regeln des Anstands, wie sie unter Bürgern ein und desselben Landes gelten sollten, hinwegsetzen: Wer heute Dekrete bellt, wird morgen an den gemischtethnischen Stammtischen der Nation selbst keinen Platz mehr finden.

Anzeige

Wir sind der Hysteriker und ihrer Mythen müde und wünschen uns, dass man Hoffnung macht und Kraft spendet. Die Einwanderer wollen ihre Integrations- oder einfach ihre Arbeitsleistung gewürdigt wissen. Einwanderung ist eben auch eine Herzenssache. Sage niemand, ein paar warme Worte täten ihre Wirkung nicht. Das kann man erst wissen, wenn man es mal probiert hat und nicht nur mit Ausweisung und Strafe droht.

Ja, Migration ist auch eine Zumutung, für die Einheimischen wie für die Zugewanderten. Gerade deshalb gilt es heute gegenzuhalten. Schließlich beginnt die Geschichte der Einwanderung, eine Erfolgsgeschichte zu werden. Mehr und mehr Zugezogene dringen vor in die Spitzen der Gesellschaft, tragen wirtschaftlich und kulturell etwas bei, das sich vorzeigen lässt. Und ihr Erfolg wirkt zurück, etwa auf die jungen Türken. Wer noch mehr von den Einwanderern fordert, hat dennoch Recht – wer von der Migration als einem Totalfiasko spricht, verfälscht die Bilanz.

Allerdings steht nirgendwo geschrieben, dass es automatisch besser wird. Es sind unsichere Zeiten angebrochen in Deutschland, die Arbeit ist internationalisiert, der raue Wind des schrankenlosen Wettbewerbs weht die motivierten, aber unqualifizierten Söhne unqualifizierter Gastarbeiter aus den Firmen und Betrieben auf die Straße. In den so genannten Türkenvierteln, die als Parallelgesellschaft in Verruf geraten sind, gibt es für die jungen Hauptschulabgänger kaum Arbeit und Anstellung. Da es diese nicht gibt, nicht einmal für deutschstämmige Jugendliche, bleiben die jungen Türken im sicheren Hinterland. Doch sie würden sich in Bewegung setzen lassen, sie sind mobil, und man kann sie herauslocken aus jenen Reservaten, die den deutschen Konservativen so unheimlich sind, es braucht eben Jobangebote und Lehrstellen.

Die verfemten Multikulturellen – das sind vor allem Lehrer und Sozialarbeiter – sind geschult an der bitteren Realität. Dabei haben sie gelernt, sich wendig und multifunktional zu verhalten: Sie leisten in den Migrantenmilieus Aufbauarbeit, sie geben unentgeltlich Nachhilfeunterricht, ebenjenen Kindern aus der Unterschicht, die heute von sich reden machen.

Was können die Jungen selbst tun, wenn sie ausbrechen wollen aus den engen Verhältnissen? Die pubertierenden jungen Wilden wissen sehr gut, dass Geld Probleme löst. Der wahre Ausstieg aus der Unterschicht und der Aufstieg in das Bildungs- und Besitzbürgertum kosten Kraft und Nerven – und den Abschied von der kurzfristigen Überlebensstrategie. Als Vorbild taugen die Frauen der ersten Generation. Sie sind die türkischen, kurdischen, arabischen Trümmerfrauen, sie haben das Unmögliche geschafft und die Familien in sehr harten Zeiten zusammengehalten. Die Töchter setzen diese Traditionslinie fort. Sie vergeuden ihr Potenzial und ihre Reserven nicht in Ehrenhändeln und Schlägereien. Sie werden einen Großteil der künftigen fremddeutschen Elite bilden.

Natürlich hilft guter Wille allein nicht. Man muss unmissverständliche Leitregeln für alle Beteiligten aufstellen. Zum einen: Gewalt führt ins Abseits. Messer gehören in die Hand von Metzgern und Schächtern, es lassen sich damit sonst nur billige Augenblickstriumphe erdrohen. Zum anderen: Achtung zu haben ist das moralische Gebot der Stunde. Spätestens jetzt sollte man sich von dem Begriff "Respekt" verabschieden. Er ist zur hohlen Phrase von Vorortschlägern verkommen, die ihn benutzen, um ihre Rücksichtslosigkeit zu legitimieren. Lehrerinnen und Lehrer sind Respektspersonen – wie in den Herkunftsländern der ausländischstämmigen Kinder auch.

Die türkischen Verbände müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie Bildung und Kultur nur ungenügend vermittelt haben. Aber die Mehrheit der Migranten verlangt nach konkreten Vorschlägen, es herrscht – wie sonst nur zu Beginn der Einwanderung – mitunter sogar eine Aufbruchstimmung. Tatsächlich kann man stolz sein auf die deutschen Verhältnisse. Die vermeintlichen multikulturellen Musterländer wie Holland und Frankreich sind abgebrannt.

Wir alle haben eine gemeinsame Sprache. Ich will Türken in Massen sehen, die deutsche Fahnen schwenken. Das wäre keineswegs eine übersteigerte patriotische Geste. Gerade die Menschen aus dem Volk würden das als ein schönes, symbolisches Bekenntnis begreifen. Auf Ehre und Gewissen kann man die Zugewanderten, die Töchter und die Söhne, auf einen gemeinsamen Eid verpflichten. Sie gehören dazu, sie sind keine Fremdkörper, sie werden nicht ihrem Schicksal überlassen.

Es wird in Deutschland keinen Euroislam geben. Im nächsten Jahrzehnt wird sich vielmehr ein deutscher Islam herausbilden, eine Laienbewegung von Muslimen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Sie werden eher dazu imstande sein, auf die Ängste der Anwohner einzugehen, die sich von einer Moschee in ihrer unmittelbaren Nähe nichts Gutes versprechen. Die Muslime haben, wenn sie sich zu Recht und Freiheit bekennen, ein berechtigtes Anliegen: Ihr Glaube muss sichtbar werden, sie haben lange genug in Hinterhöfen ausgeharrt.

Jobs, Regeln, Deutsch und freie Religion – das sind die Säulen einer neuen deutschen Gesellschaft. Der Aktionsplan dafür sieht so aus: zunächst ein emotionaler Appell auf hoher Ebene vom Innenminister, noch besser von der Bundeskanzlerin. Womöglich muss die Rede mit türkischen Untertiteln versehen sein. Zusammenarbeit mit der auflagenstärksten türkischen Zeitung Hürriyet. Die Bildungsoffensive muss die türkischen Haushalte, also die Eltern erreichen. Mehr Geld – natürlich –, damit die Kinder Deutschkurse bereits im Vorschulalter erhalten.

Es stimmt schon: Die Einheit ist noch nicht vollendet. Die heute lebenden Westdeutschen, Ostdeutschen und Fremddeutschen sind vielleicht nur Vorfahren des eigenartigen Volkes, das wir in dreißig Jahren abgeben werden. Dann wird zusammenwachsen, was zusammengehört.

Der in Kiel lebende Schriftsteller Feridun Zaimoglu, geboren 1964, veröffentlichte zuletzt den Roman "Leyla"

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Doch sie würden sich in Bewegung setzen lassen, sie sind mobil, und man kann sie herauslocken aus jenen Reservaten, die den deutschen Konservativen so unheimlich sind, es braucht eben Jobangebote und Lehrstellen."

    ... die es möglicherweise sehr bald in einer Türkei geben wird, welche sich auf Europa zubewegt.

    Warum bereiten wir diese "unqualifizierten Söhne unqualifizierter Gastarbeiter" nicht ganz bewusst in auf eine strategische Rolle in der Türkei vor, welche zwischen türkischer und deutscher Wirtschaft und Kultur vermittelt?

    Warum wollen wir dieser bilingual aufgewachsenen "mobilen Jugend" eine deutsche Fahne in die Hand drücken, wenn sie doch die europäische Fahne in die Heimat ihrer Eltern tragen könnten?

    Was wohl setzt einen türkisch-stämmigen Jugendlichen schneller in Bewegung: "Ein emotionaler Appell auf hoher Ebene vom Innenminister " oder von der deutschen Bundeskanzlerin + das übliche Bildungsangebot - oder eine vom türkischen Ministerpräsident verkündete strategisch wichtige Mission + eine Eliteausbildung, welche auch die innere Zerrissenheit und das Heimatverlust-Trauma der Eltern auflöst?

    Warum möchte der Autor den islamischen Glauben "aus den Hinterhöfen" holen und sichtbar machen, wenn genau diese Sichtbarkeit von Religionen und ihren Symbolen immer wieder zu irrationalen Konflikten führt, und das weltweit?

    Sicherlich werden einige Leute diese ganzen Überlegungen als Abschiebe-Euphemismus und Blödsinn brandmarken. Nichtsdestotrotz sollte man diese Fragen ganz offen stellen dürfen, und Meinungen einholen - vor allem auch von denjenigen, die es konkret betrifft.

  2. Endlich jemand, der nicht ideologisch verblendet ist, weder stockkonservativ noch links. Die Einwanderung ist eine Erfolgsgeschichte! Ein Blick nach England oder Frankreich zeigen es ganz deutlich.

    Jawohl, ich bin praktizierender Muslim (nicht nur Kulturmuslim) und sehe mich als Deutscher, der - ja genau - auch die Zeit liest. Und erst recht, wenn Feridun Zaimoglu den Leitartikel schreibt. Die Necla Keleks und Günter Becksteins versuchen aus jeder negativen Seite Profit zu schlagen, aber die breite Masse der Türken bzw. Muslime fühlen sich hier beheimatet. Zugeben muss mann, dass die 1. Generation nicht genügend die deutsche Sprache gelernt hat. Man muss aber auch sehen, dass diese Generation aus ungebildeten Schichten, meistens direkt aus dem anatolischen Dorf nach Deutschland gekommen sind. Aus diesem Hintergrund gesehen haben sie großartiges geleistet. Und die hier geboreenen und aufgewachsenen Generationen sprechen längst sehr gut Deutsch und fühlen sich auch als deutsche Muslime. Diesen gehört die Zukunft, egal wie düster die Perspektive noch gemalen wird.
    probleme gibt es, klar! Aber Hauptgrund ist die ökonomisch desolate Lage Deutschlands. Schauen Sie nur die deutsche Jugend an. Sie stehen den türkischen, arabischen Jugendlichen nicht nach, im Gegenteil! Assozial ist asozial, egal welche Herkunft.
    Man muss der Jugend eine Perspektive geben. Dazu kann sowohl das Christentum einen Beitrag leisten, als auch der Islam. Gerade die gewalttätigen Jugendlichen mit türkischer Herkunft haben eben keinerlei Bindung zum Islam. Ein praktizierende Muslim ist sich seiner Verantwortung für die Gesellschaft bewusst, und würde in keinster Weise seiner Umwelt schaden zufügen.
    Nochmals vielen Dank an Feridun! Weiter so!!!

  3. Ach ja,wer sind dann die randalierenden Immigranten,kommen die vom Mond? Wenn Frankreich eine Erfolgsgeschichte ist in Sache Integration dann ist fuer Deutschland wirklich Hoffnung.

    • DLucky
    • 13. April 2006 13:50 Uhr

    Guten Tag!
    1. Wie schon in einem der Leserkommentare geschrieben wurde, leben in Deutschland nicht nur türkische und moslemische, sondern auch alle anderen "Ausländer". Da ich einer dieser anderen Gruppe angehöre, fühle ich mich in der großen Diskussion vernachlässigt.
    2. Ist der Diskussionsbedarf bezüglich des Themas in Deutschland sehr groß, da jeder seine Meinung kundtun muss. Und manchmal auf einer, in meinen Augen, sehr unfreundlichen Weise.
    3. Jeder, aber wircklich jeder Nichtdeutsche kann seine eigene Geschichte von seinem Leben in diesem Land berichten.

    Mein Vorschlag lautet:
    geht hinaus und fragt doch mal all die Frauen, Männer und Kinder, was für sie eine gelungene Integration bedeutet.
    Was wünschen sie sich, was man anders machen kann, um die Integration besser vollziehen zu können.
    Man setze an einen Tisch die Ausländerbehörde, ausländische Studierende, ein paar Psychologen, nehme Papier und Stift zur Hand, und mache ein nettes Konzeptchen aus:
    die Auslönderbehörde nenne alle ausländischen Mitbewohner einer Stadt und teile sie nach ihrer Herkunft(Land).
    Dann nehmen die Studies sich ihrer Lansleute an, gehen von Tür zu Tür, und befrage die Landsleute. Diese berichten von Erfahrungen, Sorgen, Nöten, sogar Freuden.
    Das ganze dauert natürlich, aber bestimmt nicht weitere 30 Jahre.
    Ich kann mir vorstellen, dass nach der Auswertung dieser, fiktiven, Befragung Vieles klarer wird.
    Und dann lässt man erst die Politiker ran. Aus der Empfehlung können sie ein neues Einwanderung-. Ausländer-, oder wie immer es sie nennen wollen, Gesetz machen.
    Immerhin sind die "Hartz-Gesetze" auch aus einer Emfpehlung entstanden. Warum sollte es keine "Ausländerempfehlung" von Ausländern selbst geben???

    In diesem Sinne, frohe Ostern!
    Mit freundlichen Grüßen,
    eine Ausländerin, die keiner was gefragt hat :-)

  4. in dieser Debatte ueber Immigration ist die Forderung von mehr Anpassung an im besonderen die Muslime an uns .Warum sollte ich meine Angewohnheiten,vertrauten Sitten und Gebraeuche aendern wegen Fremden,die sich hier sesshaft machen wollen weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive fuer sich sehen.Jeder,der ins Ausland geht muss wissen dass es dort anders zu geht als im Heimatland,wenn er das nicht einsieht dann sollte er wirklich zu Hause bleiben.

  5. tja, leider interessiert die notwendige bildungsoffensive in der migranten-community die derzeitigen entscheidungsträger offenbar am allerwenigsten.
    das land nrw verabschiedet sich aus der hochschulförderung, eine berittene polizei ist in zeiten knapper kassen offenbar wichtiger.
    stattdessen darf man sich dann z.b. in duisburg auf die erhebung von studiengebühren an der uni einrichten bei gleichzeitig schlechter ausstattung und qualität der lehre (siehe che-ranking), da rektor zechlin keinen anderen weg sieht/sehen will.
    der zu befürchtende erfog dieser maßnahme dürfte in rückläufigen studierendenzahlen und vor allem eine sozial selektierte studierendenschaft münden.
    beides angesichts sich abzeichnendem fachkräftemangel und deer notwendigkeit, mehr akademischen nachwuchs "zu erzeugen".
    prima.
    so recht herr zaimoglu mit seinem beitrag hat, es scheitert mal wieder an den doch so weitsichtigen eliten in politik und bildungsbranche.
    schade.

    • svarez
    • 13. April 2006 10:11 Uhr

    Fremd heißt unvertraut. Unvertraut bedeutet ungewohnt. Fremd ist also, wer sich nicht eingeübt hat. Wer also Fremdheit in der einen oder anderen Richtung überwinden will, muß sich praktisch einüben in die Riten des anderen. Ich glaube nicht, daß ich mich jenseits der 30 noch in die Traditionen der jeweilgen Einwanderegruppen hineinfinden kann, ich habe anderes zu tun, muß mich mit den Anfeindungen einer kalten Arbeitsgesellschaft auseinandersetzen, das gleiche gilt erst recht für die sozial Exkludierten. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, diese soziale Realität durch ein paar gute Worte der Bundeskanzlerin zu beseitigen, denn Bewußtsein schafft kein Sein, es ist leider umgekehrt. Was tun? Vielleicht bleibt nichts anderes übrig, als die Fremdheit auszuhalten, damit wäre schon viel gewonnen.

    • iceman
    • 13. April 2006 17:50 Uhr

    Als ich ein Kind war sah ich eine Zeichnung mit einem Mann (vielleicht eine Heiligen- oder Legendenfigur), der mit dem eigenen Körper eine Brücke bildete - über einen Abgrund hinweg - um zwei Gruppen von Menschen auf ihren Felsen miteinander zu verbinden.
    Dieses Bild hat sich mir ähnlich stark eingeprägt wie das des heiligen Christophorus, der mit einem Kind auf den Schultern einen Fluss durchschreitet.

    Mein Eindruck ist, dass Zaimoglu ebenfalls versucht, einen Übergang zu schaffen, also Migranten und Deutsche miteinander zu verbinden.
    Zaimoglu ist vom ehemaligen Rebell zum Fährmann geworden, er ist als Mensch und Schriftsteller gereift.
    Er bezieht seine innere Spannung nicht mehr aus der Beschreibung der Gegensätze, sondern aus der Suche nach der erfolgreichen Passage, aus der Umschiffung von gefährlichen Studeln und reissenden Strömungen.
    Er hat begriffen, dass ein ewiges Nebeneinander oder gar Gegeneinander nicht funktionieren kann.

    Vielen mag Zaimoglu als zu relativistisch erscheinen, also als zu wenig eindeutig:
    Den einen spricht er nicht deutlich genug die Sprach- und Bildungsdefizite der Migranten an, den anderen fordert er zu wenig strukturelle Hilfen und "Respekt" ein.

    Aber sein Weg ist der richtige.

    Als Angela Merkel vor einigen Wochen die Fussball-Nationalmannschaft besuchte, da war mein erster Gedanke:
    "Was zum Teufel hat die da zu suchen. Die sollte sich lieber in die Wohnviertel der Migranten begeben und sich auf Veranstaltungen von Bildungsvereinen präsentieren".
    Meine Vorstellung von einer guten Kanzlerin ist eine, bei der man sie auf Fotos sieht, wie sie mit muslimischen Frauen (teils mit Kopftuch und teils ohne) an einem Tisch sitzt.
    Also eine Kanzlerin, die von den Migranten das Erlernen der deutschen Sprache einfordert, aber auch mehr Geld für die Frühförderung von Kindern in die Hand nimmt.

    Den Migranten macht man oft zum Vorwurf, dass sie so autoritätsgläubig seien.
    Das stimmt auch.
    Aber gerade wenn das so ist, wäre die starke mediale Präsenz der Kanzlerin (und vieler anderer Politiker) unter den Migranten etwas, das von den Migranten als starkes Symbol verstanden würde.

    Der Bau von Moscheen:
    Deutschland entwickelt sich langfristig zu einem Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung muslimisch sein wird.
    Es wäre daher absurd, den Bau von Moscheen verhindern zu wollen. Andererseits ist es tatsächlich eine Frechheit, wenn Moscheen mit der Bezeichnung "Eroberermoschee" hingestellt werden - das ist nicht mehr vermittelbar.
    Sicherlich gibt es zwischen beiden Extremen eine vernünftige Lösung.

    Die deutsche Sprache:
    Den eigenen Kindern die deutsche Sprache zu vermitteln sollte selbst für sehr traditionelle Muslime kein Problem sein. Zwar darf der Koran in der Moschee nur im Original gelesen werden, aber für den Hausgebrauch eignet sich die deutsche Sprache nicht weniger gut als die türkische.
    Spiritualität hängt nicht vom Gebrauch eines Dialektes ab.

    Der integrative Erfolg eines Menschen hängt von seinem Sprachverständnis ab.
    Und es gibt wohl kaum eine Mutter, die sich für das eigene Kind keinen Erfolg wünscht.
    Hier fehlt oft nur das Problembewusstsein, oder auch die praktische Möglichkeit, Deutsch einzuüben.
    Wir müssen uns immer klar machen, dass die durchschnittliche Migrantenfamilie nicht die ZEIT auf dem Frühstückstisch liegen hat.
    Viele rudimentäre Erkenntnisse betreffs Bildung und moderner pädagogischer Erziehung sind schlicht nicht vorhanden.
    Die Erfahrung zeigt aber, dass sich muslimische Eltern in den Bildungsvereinen sehr aktiv und interessiert beteiligen. Das ist sehr ermutigend.

    Und natürlich bestimmt das Bewusstsein das Sein:
    An Weihnachten 1914 gab es an der Frontlinie zwischen den Deutschen und den Alliierten (also zwischen Franzosen UND Krauts, liebe kajsa!) einen spontanen Waffenstillstand über mehrere Tage.
    Die verfeindeten Truppen trafen sich im Niemandsland, es wurde Fussball gespielt, man feierte eine Messe, auf den Schützengräben standen Weihnachtsbäume, ein deutscher Tenor gab ein Solokonzert, die anderen sangen "Merry Christmas" - und man begrub gemeinsam die Toten.

    Um wieviel leichter sollte es für uns sein, die Unterschiede zu überwinden.
    Warum sollen muslimische Kinder im Kindergarten nicht St.-Martinslaternen basteln und auch an den Umzügen teilnehmen dürfen, während deutsche Kinder mit einigen Gebräuchen des Islam vertraut gemacht werden?

    "Die verfemten Multikulturellen":
    Die Multi-Kultis sind zurecht verfemt, ganz klar, weil sie zu oft den undifferenzierten Sozpäd-Schmusekurs gepflegt haben. Eine gemeinsame Identität mit den Migranten kann man nicht entwickeln, wenn man sich selbst (respektive das eigene Land) verabscheut, oder wenn man alle Migrationsprobleme konsequent ignoriert oder klein redet, und gleichzeitig nicht bereit ist, problematische Zuwanderung künftig etwas stärker einzuschränken.
    Ursache für die meisten Integrationsprobleme war der beständige Familiennachzug - das offen zu sagen gehört zu einer ehrlichen Analyse.
    Im Moment haben wir in Deutschland eine Art "Verdauungsproblem", deshalb sollte es für´s erste genug sein mit weiterer Zuwanderung.

    "Unmissverständliche Leitregeln":
    Feridun Zaimoglu bezieht das mehr auf die reine Gesetzestreue.
    Leitregeln müssen aber mehr sein als ein blosses "Nicht-kriminell-Sein" oder ein freiwilliger Verzicht auf´s Taschenmesser.
    Leitregeln sind ein Verhaltenskodex für alle, etwas Freiwilliges, auf dessen Grundlage man miteinander leben möchte.

    Türkische Nationalisten und Islamisten:
    Auch die gibt es nicht zu knapp.
    Aber am effektivsten wird man sie los, wenn sich die muslimische Community quasi "von innen reinigt".
    Mit mehr Bildung und Teilhabe am Erfolg der Migranten werden diese negativen Leitbilder auf natürliche Weise verschwinden, weil sie keinen Zulauf mehr erhalten.
    Jedenfalls ist es wenig effektiv, einen Sumpf trockenzulegen, indem man ihn mit kleinen Förmchen und Eimerchen auslöffelt.
    Besser ist Dränung, also die Entwässerung des Bodens durch ein Röhren- und Grabensystem.
    Das spart Kraft und Nerven, und geht viel schneller.

    Zaimoglu hat Recht, wenn er davon spricht, dass "Holland und Frankreich abgebrannt" sind.
    Vielleicht liegt das ja daran, dass es dort zwar eine stärkere ÄUSSERE Gleichstellung gibt (alle Menschen sind Franzosen; alle Menschen haben auf dem Papier die gleichen Rechte), dafür aber weniger Bemühungen, sich wirklich miteinander auseinanderzusetzen.
    In Deutschland gibt es viele Tabus, historisch bedingt, aber wir haben immer noch eine gewisse Streitkultur.
    Solange Menschen und Gruppen noch miteinander streiten ist noch Hoffnung.
    Die schlimmsten Ehen sind die, in denen die Partner sich nur noch anschweigen.
    In französischen Zeitungen sind offene Kritikäusserungen wie hier auf dem blog undenkbar - dafür gibt es aber im Alltag eine ganz starke Ausgrenzung in Form der stillschweigenden Verachtung.
    Deutschland gefällt mir besser - wir können uns zusammenraufen.

    Bildung und Intelligenz:
    In den Sechzigern sind keine türkischen Zahnärzte und Architekten eingewandert - aber das bedeutet nicht, dass alle Nachkommen dumm wären.
    Immerhin hat die erste Generation eine starke Mobilität, Selbstvertrauen und Antriebskraft bewiesen - alles positive Eigenschaften, die ein geistig träger Mensch nicht besitzt.
    Unter den Migranten gibt es noch sehr viel Potential zu fördern, für sich selbst und für die Gesellschaft.

    Die Zukunft:
    Wird definitiv härter!
    Auf Deutschland kommt in den nächsten Jahrzehnten eine schwere Zeit zu.
    Da wird viel improvisiert werden müssen, um den sozialen Frieden im Land noch zu bewahren.
    Jobs und Ausbildungsplätze fallen niemandem in den Schoss, sondern können nur über schulische und berufliche Qualifikationen errungen werden.
    Viele bildungs- und sprachschwache Jugendliche sind für die Zukunft schon weitgehend verloren.
    Durch diese Durststrecke werden wir uns "durcheiern" müssen. Wenn das Bildungspotential der Migranten künftig nicht besser genutzt wird, dann gibt es lauter Verlierer:
    Deutschland verliert einen Teil seiner Wettbewerbsfähigkeit, und die Migranten verlieren auch, weil die Anteile am Sozialkuchen immer kleiner werden.

    Integrationspolitik ist ein Langstreckenlauf:
    Den kann man nur erfolgreich bewältigen, wenn man sich gut vorbereitet (mit viel Disziplin und Geduld), und wenn man beim Laufen niemals stehen bleibt.
    Bernd Heinrich schreibt in seinem Buch "Laufen":
    "Niemals stehenbleiben, immer weiterlaufen, von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch, und Meter um Meter".

    Nach dem Motto kann man weit kommen.

Service