Österreich Nur ein Trinkgeld für Mister X
Milliarden-Jongleur, Kunst- Connaisseur, Bankrotteur: Die Welt des BAWAG- Totengräbers Wolfgang Flöttl
Willkommen in der Welt des Wolfgang Flöttl. Jenes Mannes, der dank der Hilfe seines Vaters, des Ex-Bawag-Generaldirektors Walter Flöttl, eine atemberaubende Karriere in der internationalen Finanzwelt hinter sich und nun im schlimmsten Fall eine hinter Gittern vor sich hat. Jenes Mannes, der – aus heutiger Sicht – die Bawag an den Rande des Ruins brachte, weil er rund eine Milliarde Euro auf Kosten des Instituts verspekulierte und dadurch eine innenpolitische Krise auslöste. Jenes Mannes, der 15 Jahre lang als begnadetes Finanzgenie galt, durch die Heirat mit Präsidenten-Enkelin Anne Eisenhower in höchste gesellschaftliche Kreise Eingang fand und nun nur knapp einem internationalen Haftbefehl entging.
»Er hat seit Jahren einen ordentlichen Wohnsitz in New York«, sagt Flöttls Wiener Rechtsanwalt Herbert Eichenseder. »Sollte ihm eine Vorladung ordnungsgemäß zugestellt werden, dann wird er auch zur Vernehmung kommen. Wozu also ein Haftbefehl?« Ob doch noch nach dem heute 51-Jährigen gefahndet wird, entscheidet das Wiener Oberlandesgericht in den nächsten Wochen.
Ein außergewöhnlicher Lebenslauf: Nach dem Jus-Studium in Wien inskribierte Wolfgang Flöttl, Enkel eines Schusters aus dem Burgenland, 1978 an der London School of Economics. Nur ein Jahr später wechselte er zur Harvard Business School, wo er schließlich 1981 dank der Unterstützung von Nachhilfelehrern seinen Abschluss schaffte. Damals war der Titel Master of Business Administration noch eine ganze Menge wert und für Flöttl junior gleichbedeutend mit einem Job bei Kidder, Peabody & Co., einer der führenden Investmentbanken an der Wall Street. Gemeinsam mit Häusern wie Merrill Lynch, Morgan Stanley oder Goldman Sachs war Flöttls neuer Brötchengeber eines der großen Institute, die Mitte der achtziger Jahre einen Quantensprung in riskante Investmentmanöver wagten. Diese Banken läuteten die Ära des Turbokapitalismus ein, waren für Mega-Fusionen verantwortlich, prägten den Begriff Shareholder Value und pflasterten so den Highway der Globalisierung.
Wolfgang Flöttl bewährte sich in diesem Haifischbecken und schaffte es 1987 zum Vice President. »Das sind zwar noch nicht die höchsten Weihen«, so ein Kollege von der Bank of America. »Aber die Branche wusste, was er konnte.« Zum Vergleich: Michael Treichl, Sohn des Ex-Creditanstalt-Generals Heinrich und älterer Bruder von Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, war zu dieser Zeit bereits Partner von Lazard Fréres, einem besonders exklusiven Investmenthaus.
Nach ein paar Lehrjahren im Finanzroulette machte sich Flöttl junior 1987 mit dem Hedge Fonds Ross Capital Markets selbstständig – und scharte rund um seine Firma ein undurchsichtiges Dickicht an Tochter-, Schwester- und Neffenunternehmen. »Zu dieser Zeit wurden jährlich etwa hundert Hedge Fonds gegründet, doch 90 Prozent waren schnell wieder weg vom Markt«, so ein Kollege von Flöttl bei der Deutschen Bank. »Ein guter Trader schaffte es, 100 bis 200 Millionen Dollar von privaten Investoren aufzutreiben, auf die er bis zum Zwanzigfachen Kredit aufnehmen konnte. Das heißt: zwei bis vier Milliarden Spielgeld.«
Das heißt auch: pro Deal zwischen zwei in schlechten und 20 Prozent Gewinn in guten Zeiten – wenn alles klappt. Dank der rund 1,5 Milliarden Dollar oder etwa 20 Milliarden Schilling an Bawag-Vermögen, die ihm sein Vater von 1990 an für gewagte Wetten am Finanzmarkt zur Verfügung stellte, mischte Flöttl erfolgreich in dem Börsencasino mit. Selbst nachdem 1994 die Vater-Sohn-Geschäfte nach öffentlichem Aufruhr in Wien abgestellt wurden, war er in der Lage, 23 Milliarden Schilling flugs zurückzuzahlen.
In der Zwischenzeit kultivierte Wolfgang Flöttl einen Lebensstil, der laut dem Online-Magazin The Street schlicht nach »The Smell of Money« roch. Weißer Rolls Royce, Butler, Yacht, Luxusappartement in der New Yorker Park Avenue, ein Sommerhäuschen auf Long Island im exklusiven Southhampton (Keewaydin, Halsey Neck Lane), erstanden für 5,6 Millionen Dollar von Ex-Sony-Chef Mickey Schulhof (es ist seit Mai 2000 für 23 Millionen Dollar auf dem Markt), und natürlich zwei Gulfstream-Jets – für sich und seine Frau.
- Datum 12.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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