Stünden da nicht diese rätselhaften Kolosse mit ihren langen Nasen, wäre uns das Eiland vielleicht so unbekannt wie irgendeines auf der Rückseite unseres Globus. Aber eben dort, in den unendlichen Weiten des Pazifiks, auf einem kleinen Flecken Erde, 163 Quadratkilometer groß, gibt es diese faszinierenden Statuen aus Vulkanstein, fast 900 an der Zahl, stumme Zeugen einer untergegangenen Kultur. Die Osterinsel – oder Rapa Nui, wie die Ureinwohner sowohl ihr Land als auch sich selbst bezeichnen – ist der einsamste bewohnte Ort der Erde, am weitesten entfernt von jeder andern menschlichen Siedlung. Die nächsten Nachbarn leben 2200 Kilometer weiter westlich auf den Pitcairn-Inseln; zum nächsten Festland, zur Küste Chiles im Osten, sind es gar 3700 Kilometer.

Als der niederländische Seefahrer Jacob Roggeveen an Ostern 1722 die Insel entdeckt, wundert er sich über die seltsame Welt, in die er da geraten ist. Kein Baum ist höher als drei Meter. »Wir konnten nicht verstehen«, schreibt er in sein Tagebuch, »wie Menschen, die weder über dicke Holzbalken zur Herstellung irgendwelcher Maschinen noch über kräftige Seile verfügten, dennoch solche Bildsäulen aufrichten konnten.« Immerhin sind die meisten Statuen vier bis sechs Meter hoch und rund zehn Tonnen schwer. Und überhaupt: Wie sind diese Menschen hierher gekommen? Ihre Boote seien nicht nur klein und zerbrechlich, sondern auch undicht, stellt der Holländer fest, »weshalb sie gezwungen sind, die Hälfte der Zeit mit Schöpfen zu verbringen«. Wie aber sollen sie mit solchen Nussschalen wochenlang auf dem Meer unterwegs gewesen sein?

Die meisten der Rätsel sind inzwischen halbwegs befriedigend gelöst. Sprachforscher haben nachgewiesen, dass die Osterinsulaner von Westen her, aus Polynesien, eingewandert sind. Der Zeitpunkt ist umstritten. Vielleicht erst im 12. Jahrhundert. Pollenanalysen haben ergeben, dass auf der Insel einst die größten Palmen der Welt wuchsen. Der Wald wurde abgeholzt, um die Statuen zu transportieren, um Kanus zu bauen und um Leichen einzuäschern.

Dem Raubbau folgte die Erosion des Bodens, der immer weniger Feldfrüchte hergab. Mit den Bäumen verschwanden die Landvögel. Auf Delfinfleisch und Fisch mussten die Insulaner verzichten, weil das Holz für seetüchtige Boote fehlte. Ein Teufelskreis. Die ökologische Katastrophe führte zu Stammeskriegen und schließlich – gegen Ende des 17. Jahrhunderts – zum rapiden Rückgang der Bevölkerung. 1994 hat Hollywoodstar Kevin Costner aus dem Stoff einen viel diskutierten Film gemacht (Rapa Nui); und just tauchte die beispielhafte Geschichte in dem Buch Kollaps des amerikanischen Geografen Jared Diamond wieder auf, das weltweit auf den Bestsellerlisten steht.

Etwa 15000 Einwohner hat die Insel wohl einst beherbergt. Roggeveen trifft gerade noch einige tausend Rapa Nui an. Kein Einziger von ihnen, so können wir annehmen, hat je einen Menschen von irgendeiner andern Insel oder gar vom Festland gesehen. Irgendwo weit hinter dem Horizont, wo die Sonne ins Meer sinkt oder aus dem Wasser steigt, mag es anderes Land und andere Menschen geben. Sie wissen es nicht. Aber die Großeltern haben es erzählt, die es von ihren Großeltern hörten.

Und nun, 1722, kommen also Fremde auf drei großen Schiffen an. Einige Rapa Nui paddeln ihnen neugierig entgegen. Doch dann fällt der erste Schuss, »worauf sie alle ins Wasser sprungen und davon schwummen«, wie der mecklenburgische Korporal Carl Friedrich Behrens, damals 21 Jahre alt, vermerkt. Zehn bis zwölf Einheimische sterben. Die erste Begegnung der beiden Welten ist gezeichnet von Arroganz, Angst und Aggression. Viele Menschen kommen am Strand zusammen. »Weil einigen sich unterstanden, unser Gewehr anzugreiffen«, schreibt der Korporal, der als erster Europäer die Insel betritt, »ward Feuer unter sie gegeben, worüber sie hefftig erschracken, und auseinander lieffen.«