Papst der Zumutung

Ein Jahr Benedikt XVI.: Er will kein Moralprediger sein, aber einen Kulturkampf gegen die totale Diesseitigkeit führen. Was Joseph Ratzinger aus einem unmöglichen Amt macht – und warum sein Sekretär sich wie ein Schneepflug fühlt

Wie langsam er vorankommt. Er rückt fast gar nicht näher, wie er da ein paar Dutzende Meter entfernt Hände schüttelt und redet. Benedikt XVI. geht die prima fila entlang, die »erste Reihe« in der Generalaudienz auf dem Petersplatz, wo die platziert sind, die ihn persönlich begrüßen dürfen. Es heißt, dass er die Papstfolklore nicht mag, die Maskottchenrolle, dass er als alter Mann seine Zeit nicht mit Scheinbegegnungen vertun will. Ein Papst ist eine Sehenswürdigkeit, die prima fila die Gelegenheit für ein Foto, das sich zu Hause herumzeigen lässt, wenn man durch einen Bekannten im Vatikan oder über die Botschaft des eigenen Landes beim Heiligen Stuhl hier einen Platz ergattert hat.

Benedikt XVI. macht sich rarer als sein Vorgänger. Aber nun diese zugängliche Langsamkeit, mit der er da entlangkommt und die einen fast unruhig machen kann. Er redet wirklich mit den Leuten, von Sprache zu Sprache wechselnd, während aus der zweiten, dritten Stuhlreihe verzweifelt die Arme ausgestreckt werden, um ihn wenigstens zu berühren. Er hat lange mit jedem einzelnen Bischof geredet, der sich an seinem Thronsessel eingefunden hatte, und sich nicht davon stören lassen, dass die Nächsten warten mussten, die violetten Schärpen flatternd im römischen Frühlingswind. Die Frau nebenan muss er von früher kennen, er fragt nach den Kindern und danach, ob der Baum im Garten noch steht. Er wirkt nicht wie einer, der Angst hat, seine Zeit zu vertun.

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An der Seite von Benedikt XVI. geht ein hochgewachsener Priester, jünger wirkend als seine knapp fünfzig Jahre, von den Medien und den Italienerinnen sofort nach der Papstwahl in seiner Ansehnlichkeit entdeckt (»George Clooney des Vatikans«): Georg Gänswein, der Privatsekretär des Papstes, sein engster Mitarbeiter. Er war schon in den späten Kardinalszeiten Joseph Ratzingers Sekretär, aber einem Papst zu dienen ist anders. »Solange er in der Glaubenskongregation war«, wird Gänswein am Nachmittag im Apostolischen Palast sagen, über dem Petersplatz, »hatte ich mein eigenes Dach, meinen eigenen Mittagstisch. Jetzt ist man von morgens bis abends beisammen. Da wächst ein mehr familiäres Element.« Alles greift auf einmal nach dem Chef, und sein Sekretär muss ihn schützen: »Ich habe mich gefühlt wie ein Schneepflug, mit der Spitze nach oben: Es kommt eine Lawine, und wenn die ihn treffen würde, wäre der Papst platt.«

Etwas Scharfes, etwas Spitzes liegt mitunter in seinen Worten

Die Generalaudienz ist eine merkwürdige Veranstaltungsart, eine Unform, zwischen Volksfest und Gottesdienst. Im Zentrum steht eine Katechese, eine Bibelauslegung des Papstes; natürlich kommen die Leute nicht dafür, sondern um ihn zu sehen. Benedikt XVI. kümmert sich nicht darum, er spricht wie zu einem aufmerksamen Publikum – über die zwölf Apostel, mit denen die Kirche begann. Nichts Aktuelles, sondern das Ewige und Ursprüngliche: Mitten im Vatikan-Tourismus, mitten in Rom mit seinem Macht- und Prachtballast, holt der 264. Nachfolger des Apostels Petrus das Urchristentum hervor, den reinen Anfang. Es ist geradezu unwirklich schön, wie vor dem Blick des Papstes alle Schlacken von der Kirche abfallen, wie aus einer anderen Welt, ohne Pädophilie-Skandale und Priestermangel und Glaubenskrise. Das Unchristliche in der Kirche kommt nur vor als »die Grenzen und Schatten unserer gebrechlichen und sündigen Menschennatur«. Darüber hätte man noch ein paar Worte mehr verlieren können, etwas mehr zweifeln und leiden und kämpfen, bevor man sich zur wasserklaren Quelle zurückgearbeitet hat.

Der Papst sagt etwas gegen den großen kaiserzeitlichen evangelischen Theologen Adolf von Harnack mit seinem bürgerlichen, liberalen, individualistischen Jesusbild, und man fragt sich, ob die Leute das wirklich verstehen. Dann sieht er vom Blatt auf und improvisiert ein bisschen: »Jesus ja, Kirche nein«, das sei vor ein paar Jahren ein Modeslogan gewesen, aber diesen kirchenlosen Privaterlöser gebe es nicht, das sei ein »Fantasie-Jesus«. Da hat für einen Augenblick etwas anderes sein Haupt erhoben, etwas Spitzes und Scharfes. Das gibt es also auch noch bei diesem Papst.

»Was der Papst denkt, weiß man aus dem, was er sagt«

Ein Jahr Benedikt XVI. Am 19. April 2005 wurde er gewählt, nach dem großen Welttheater um Sterben, Tod und Begräbnis von Karol Wojty¬a. Jedem Nachfolger war globale Aufmerksamkeit garantiert – und das Scheitern: In der Gigantenrolle würde keiner mit Johannes Paul II. konkurrieren können. Der neue Papst musste anders sein. Die Ratzinger-Karikaturen hat Benedikt XVI. widerlegt, das Klischee vom menschenscheuen Hardliner. Er hat den Kirchenkritiker Hans Küng zu einer stundenlangen Privataudienz empfangen, er kann auf einem Jeep fahren und Babys küssen, sein ärgster Feind würde nicht bestreiten, dass er Freundlichkeit, Bescheidenheit und Demut ausstrahlt. In den Augen der Welt ist er wie ein als streng berüchtigter Lehrer, von dem die Klasse plötzlich entdeckt: Er ist gar nicht so. Aber wie ist er? Was denkt der Papst? Was für eine Kirche will er, was will er in der Welt bewegen?

Den Vatikan umgibt eine Aura von Geheimnis, wenn nicht von Dan-Brown-artigen Verschwörungstheorien. Hier sitzt die Kurie, die Regierung der katholischen Weltkirche, mit Ministerien, die Kongregationen oder Päpstliche Räte heißen. Eine eigene Welt, eine Lebensform, ein Hofstaat ist es auch. Ein Kardinal ziert eine feine römische Gesellschaft – aber nur einer pro Abend, damit sich die Eminenzen nicht in die Quere kommen. Mit Empfehlungsschreiben hochmögender Prälaten eine Wohnung in einer der zahllosen kirchlichen Liegenschaften der Ewigen Stadt zu bekommen kann für einen kleinen Kurienbeamten zur kafkaesken Lebensaufgabe werden. Klatsch und Intrigen in dieser Verwaltung des Heiligen werden sofort als theologische oder kirchenpolitische Indizien gelesen. Das da vorne, flüstert der Bekannte aus einer der Vatikanbehörden auf dem Abendspaziergang, ist der »Reisemarschall« des alten Papstes, Bischof Boccardo, der kürzlich abgelöst wurde. Was bedeutet sein Sturz? Vielleicht bedeutet er auch gar nichts. Im Restaurant muss dann leise gesprochen werden, weil am Nachbartisch ein ehemaliger Schweizergardist sitzt, der aus der Leibwache des Papstes verstoßen wurde, nun durch die Bars und Lokale um St. Peter gespenstert und schlecht über Seine Heiligkeit redet.

Leser-Kommentare
    • SMunk
    • 16.04.2006 um 19:12 Uhr

    Die Funktion des Papstes ist sicherlich eine der unmöglichsten Aufgaben der sich ein einzelner Mensch stellen kann.

    Die Postmoderne ist davon geprägt, dass jeder zu jedem Zeitpunkt aus seiner unmittelbaren Lebenssituation einen Kick herauszuziehen vesucht. Es zählt die Aktion, der Augenblick, die unmittelbare Lustbefriedigung.

    Dass das Leben wie es immer gewesen ist, aber eben auch aus einem Werden, Sein und Vergehen besteht,wird verdrängt.Mit absoluter Augenblicksorientierung verliert man die Chance jemals den Sinn des Lebens zu finden.

    Sicherlich haben die Kirchen für den modernen Menschen inakzeptabel, zu viel auf das Reich jenseits des Lebendigen vertröstet. Trotzdem bleibt es die Grundtatsache des Lebens, dass nach der Geburt der Tod das einzig wirklich sichere Ereignis im Leben bleibt.

    Warum lebe ich, wenn ich doch früher oder später sterben muss?

    Diese Frage kann nur die Religion und im abendländischen Raum eben Judentum und Christentum beantworten.

  1. 2. @SMunk

    Lieber SMunk,

    Sie schreiben: "Warum lebe ich, wenn ich doch früher oder später sterben muss? Diese Frage kann nur die Religion und im abendländischen Raum eben Judentum und Christentum beantworten."

    Diese Frage beantwortet vor jeder Religion die Biologie.

  2. Das ist wieder mal ein schöner Schrieb für alle "Papstverstehenwoller". Alle anderen erfahren hier zumindest, dass der Herr Ratzinger wahrscheinlich wohl doch nicht so dogmatisch und engstirnig sein soll, wie bisher von vielen vermutet.

    Er ist und bleibt aber nichts anderes als der Pate der historisch wohl grössten Verbrechensorganisationen die das Antlitz unseres Planeten jemals gesehen hat.

    Vielleicht wäre es mal einen Zeit Artikel Wert, die grosse Papst-Lüge etwas bekannte zu machen mit welcher die Kirche zum grössten Grundbesitzer der Welt aufstieg - und welche Auswirkungen das z.B. in unserer Bundesrepublik noch immer hat.

    Weil wir gerade wieder bei Falschheiten sind: da wird der Papst gerade wieder mal zitiert wie er über "die 12 Apostel" frömmelt. Mir, wie wohl jedem anderen eifrigen Bibelleser, ist noch immer unklar wie man auf diese "12" Apostel kommen kann. Das Geheimnis des Glaubens!

    Solcher, wie auch anderer Unsinn darf zuhauf an unseren Schulen verbreitet werden, an schutzlose, unkritische Subjekte. Ich fordere endlich an unseren schulen auch den kritischen Umgang mit Religion und den ihr unterliegenden Quellen zu lehren!

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