Vorteil StudiumSeite 3/3

DIE ZEIT : Bis 2010 soll es nur noch Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen geben. Doch zurzeit herrscht ein Durcheinander neuer und alter Abschlüsse. Was empfehlen Sie Abiturienten? Zur Vorsicht noch bei den alten Studiengängen zu bleiben?

Allmendinger : Das ist keine Alternative mehr. Irgendwann bieten nur noch Hochschulen diese Abschlüsse an, die sich mit Reformen schwer tun.

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DIE ZEIT : Was erwarten Sie von den neuen Abschlüssen?

Allmendinger : Das Problem fängt schon mit dem Wort an: Abschluss. Da schwingt der Gedanke mit, dass man irgendwann mit der Bildung fertig ist. Davon müssen wir weg, wobei die neuen Studienangebote helfen werden. Ich rede jetzt nicht davon, wie die Hochschulen Bachelor und Master umsetzen. Ich rede von der grundsätzlichen Idee, die das Tor für lebenslanges Lernen öffnet. Idealerweise sollte es jetzt möglich werden, nach einem Bachelor mit 30 oder 40 noch einmal an die Hochschule zurückzukehren. Es ist einfach Unsinn, zu glauben, dass eine Ausbildung für immer reicht.

DIE ZEIT : Viele haben Angst, dass sie als Bachelor auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben.

Allmendinger : Das ist in jeder Branche anders. Insgesamt aber wird es zu spürbaren Verdrängungseffekten kommen. Denn die meisten Bachelorprogramme, die ich kenne, sind sehr praktisch orientiert, sodass manche Ausbildungsberufe ins Hintertreffen geraten könnten. Also: Bachelorabsolventen werden eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, vielleicht mit einer gewissen Anlaufzeit und zum Teil auf Kosten der Nichtakademiker. Denn so ist Deutschland nun einmal gestrickt: Ein Hochschulabschluss gilt immer noch automatisch als Gütesiegel.

Die Fragen stellten Thomas Kerstan und Jan-Martin Wiarda .

Buchtipp:
Jutta Allmendinger (Hrsg.): Karriere ohne Vorlage;
Junge Akademiker zwischen Hochschule und Beruf;
edition Körber-Stiftung, Hamburg 2006; 232 S., 14,– €

 
Leser-Kommentare
  1. Kontinuierliche Berufsverläufe weisen Nachteile in bezug auf die Freiheit der Lebensgestaltung auf. Freiheit wird allerdings dann akzentuiert, wenn Sicherheiten aus Interessengründen beseitigt werden.
    Patchwork ist gegenwärtig nicht reiner Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung, sondern zu weiten Teilen Produkt von Fremdbestimmung: Freigesetzt werden statt Sich-Freisetzen.
    Etwas Negatives - Verlust von Sicherheit - soll positiv gesehen werden - Zugewinn an Freiheit. Diese Veränderung der Sichtweise beinhaltet Anerkennung des Negativen - nicht "realistisch", sondern akkomodativ.

  2. Ich tue mich schwer zwischen dem Begriff "Arbeitsmarktexpertin" und den gegebenen Antworten keinen eklatanten Widerspruch zu sehen.
    Das Interview ist eine Wechsel von Allgmeinplätzen und haarsträubenden Aussagen, das mich zunehmend verärgert hat.
    Ein paar Beispiele: Die Aussage nichtakademische Mitarbeiter, z. B. Facharbeiter, haben keine Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten ist schlichtweg Unfug. So gehört die Meisterausbildung zu den aufwändigsten Qualifzierungs-Maßnahmen überhaupt. Viele Betriebe stellen hierfür Ihre angehenden Meister für bis zu 18 Monaten von der Arbeit frei. Für Akademiker undenkbar.
    Eine Facharbeiter ist mitnichten davon entbunden lebenslang zu lernen. Allein schon die immer schneller wechselnde Produktpalette von Betrieben zwingt ihn dazu.
    Absolventen, die längere Zeit erfolglos auf Jobsuche waren und daraufhin den Weg in die Selbständigkeit suchen, haben - das belegen auch Statistiken - minimale Chancen auf Erfolg. Dies ist mit ein wenig Erfahrung und Menschenverstand leicht nachvollziehbar. Es fehlt an Berufs-Erfahrung, es fehlt an Netwerken und Kontakten und damit an Kunden und Geschäftspartnern, es fehlt an Investitionskapital, es fehlt vor allem aber auch an Entrepreneurship und an Branchenkenntnissen, es fehlt schlichtweg an allem, was eine Selbständigkeit erfolgreich machen könnte. Einen solchen Rat zu erteilen - unabhängig ob staatliche Subventionen verfügbar sind oder nicht - halte ich für unverantwortlich.

    Ich finde den Diskurs als solchen für sehr notwendig und richtig. Wir müssen den zukünftigen Leistungsträgern eine Perspektive aufzeigen und Unterstützung anbieten. Das ist der beste Weg um die Renten langfristig zu sichern, anstatt ständig unsere Energie darauf zu verwenden für uns und unsere Interessengruppe ein möglichst großes Stück vom immer kleiner werdenden Kuchen zu sichern.

  3. Zugegeben, ich habe das Interview mit zunehmendem Widerwillen gelesen. Bei "Patchwork-Biografien", kam mir zum ersten Mal die Galle hoch. Bei "auch mal zwei jahre aus dem Beruf auszusteigen" wurde mir schwarz vor Augen.

    Was erhält "Die Zeit" für dieses Werbeinterview der sogenannten Arbeitsmarktexpertin? Erlauben Sie mir den Hinweis auf ein Standardwerk der Bewerberliteratur als ultimative Antwort: "Pieter van Tongen, Das Vorstellungsgespräch. Was Bewerber wissen sollten!!!"

    Auf Wunsch stellt der Autor der Zeitredaktion oder ihren Lesern das Manuskript (als pdf) kostenlos zur Verfügung. Auch die dezidierte Meinung zu den Fragen des Interviews ist kostenlos erhältlich. Der Umfang würde den Rahmen des Kommentars sprengen.

    Trotzdem, mein Kompliment für Formulierung der Fragen, die das Phrasenhafte und die Wirklichkeitsferne der Antworten kontrastreich herausgestellt haben.

    korfstroem

  4. Ich finde den Artikel super und zudem sehr aufbauend. Ich gehöre zu dieser "Generation Praktikum" und habe momentan natürlich das Gefühl, "falsches" Wissen erworben zu haben-und das fünf Jahre lang.
    Der Artikel zeigt für mich (als arbeitslosen Akademiker) sinnvolle Alternativen auf (Selbstständigkeit, Rückbesinnung auf erworbene Softskills). Vielen Dank!

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