Es gibt legendäre Aufführungen von "Warten auf Godot", aber diese gilt als die beste von allen. Samuel Beckett selbst hat sie am Berliner Schiller-Theater inszeniert. Die Proben begannen am 28. Dezember 1974, die Premiere war am 8. März 1975. Es wurde ein Welterfolg; die Berliner "Godot"-Truppe wurde auf Gastspielreisen in New York, London, Tel Aviv gefeiert. Die Schauspieler waren Stefan Wigger (Wladimir), Horst Bollmann (Estragon), Carl Raddatz (Pozzo), Klaus Herm (Lucky) und Torsten Sense (ein Junge, Godots Bote). 31 Jahre nach der Premiere wollen wir die Künstler dieser Aufführung noch einmal zusammenbringen. Und es gelingt: In Godots Reich, auf der Bühne des Schiller-Theaters, das 1993 in einem tollkühnen Akt der Berliner Kulturverwaltung geschlossen worden ist, treffen sich Klaus Herm (81), Horst Bollmann (81), Stefan Wigger (74) und Torsten Sense (45; er ist nicht auf den Bildern zu sehen). Die Künstler freuen sich, sie sind ergriffen, sie gehen die alte, versunkene Bühne ab, und sie überlegen, wo damals das legendäre "Godot"-Bäumchen stand. Sie denken an Beckett. Und an ihren Kollegen Carl Raddatz, der im Mai 2004 im Alter von 92 Jahren starb.

DIE ZEIT: Meine Herren, man stellt sich Beckett als Eremiten vor. Aber in Ihrer Gesellschaft ist er aufgeblüht; er hat sich Sie als Schauspieler für seine Godot- Inszenierung gewünscht.

Horst Bollmann: Ich habe hier einen Brief von Beckett, in dem er sich beim Schiller-Theater bedankt. Er schreibt: "Ich erinnere mich wehmütig an diese glücklichen und aufregenden Zeiten, als ich solcher Freundschaft und Nachsicht begegnete und so viel über Theater im Allgemeinen und über meine eigenen Stücke erfuhr. Samuel Beckett." Er hat sich in unserem Kreis sehr wohl gefühlt, so wie wir glücklich mit ihm waren. Er machte die Menschen frei.

Stefan Wigger: Man konnte ihn alles fragen, und seine Antworten waren meist sehr simpel formuliert. Es war ein Spiel. Er wollte keine Erklärungen, weil jede Entschlüsselung Einschränkung bedeutet.

ZEIT: Der Regisseur Beckett war unkompliziert im Umgang mit den Werken des Dramatikers Beckett?

Bollmann: Beckett hat ja 1967 in Berlin schon das Endspiel inszeniert, und ich durfte damals den Clov spielen. Zu Beginn der Proben fragte er die Schauspieler, ob wir einverstanden seien, dass wir nicht über Philosophie, sondern nur über Situationen reden. Trotzdem musste man bei bestimmten Sätzen nachfragen. Mein erster Monolog war: "Ein Körnchen kommt zum anderen, eins nach dem anderen, bis der Haufen entsteht, der unmögliche Haufen." Tja, was heißt "der unmögliche Haufen"? – Das ging zurück auf den Philosophen Zenon: Körnchen kommt zu Körnchen, aber ein Haufen wird es nie. Beckett sagte mir: Es ist wurscht, ob das jemand versteht, aber es muss gesagt werden.

Klaus Herm: Er hat bisweilen auch gesagt: Morgen komme ich nicht. Sie können alleine wunderbar arbeiten. Welcher Regisseur lässt die Schauspieler alleine arbeiten?

Bollmann: Beckett kam nach Berlin mit einem dicken Skizzenbuch, in dem jedes Detail, jeder Schritt der Inszenierung skizziert war – ein Stück übers Stück, eine Partitur. Auf diesem Netz von Vorgaben konnte man dann spielen und große Freiheit entwickeln. Wir haben irrsinnig viel gelacht auf den Proben – auch mit Beckett!

Wigger: Die einzigen Bilder von Beckett, die ihn lachend zeigen, besitzen wir.

ZEIT: Es wird erzählt, die Herren Wigger und Bollmann hätten Klaus Herm, der den mit Gepäck bepackten Sklaven Lucky spielte, auf der Probe schwere Steine in seinen Koffer geschmuggelt.

Herm: Ja, das mit den Steinen stimmt. Aber es war keine Probe, es war eine Vorstellung.

Wigger: Schlimmer noch, Bolli und ich haben ihn während einer Probe mal verkloppt. Es gibt doch die Szene, wo er platt auf dem Boden liegt und wir ihn beschimpfen und schlagen. Auf einer Probe haben wir ihm während dieser Szene einmal so richtig den Arsch versohlt.

Herm: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Das muss ich verdrängt haben.

Wigger: Ich weiß es aber noch. Beckett hat sich sehr darüber amüsiert. Eine Viertelstunde später hat er gefragt, welche Szene wir denn noch einmal spielen wollten. Darauf wir unisono: die Szene, in der wir ihn verkloppen! Beckett amüsierte sich sehr; es kam ihm entgegen, dass wir uns wie spielende Kinder verhielten.

ZEIT: Wie kam der Kontakt mit Beckett zustande?

Bollmann : Wir hatten Godot schon mal am Schiller-Theater gespielt, 1965, auch mit Klaus Herm als Lucky; Stefan spielte damals aber Estragon und ich den Wladimir. Den Pozzo spielte Bernhard Minetti.

Wigger: Bei den Proben hatten wir große Schwierigkeiten; wir wussten nicht weiter mit dem Stück. Es gab Spannungen im Ensemble. Schließlich kamen wir auf die Idee: Mein Gott, der Autor lebt doch, den kann man doch fragen.