Dossier Sag beim Abschied leise Amen

Das Bistum Essen schließt fast hundert Kirchen. Eine Reise durch das Revier der verletzten Seelen

Wenn Not am Mann ist, dann steht sie da wie eine Wand, »damit dat klar is«. Wenn eine Frau wie sie einmal »ja« gesagt hat, dann gilt es für das ganze Leben. Inge Labsch, 1932 am Kurischen Haff geboren, eine von so vielen, die in den sechziger Jahren aus dem Osten ins Ruhrgebiet kamen und blieben. Religion: evangelisch. Eigentlich kein Gedanke, daran etwas zu ändern. Dann verliebte sie sich, er war »erzkatholisch, wie auch seine Eltern«. Also ist sie »übergetreten«, wie sie es nennt. Hat gepaukt, bis sie das katholisch-apostolische Glaubensbekenntnis endlich aufsagen konnte. Dann fuhr sie ins Gelsenkirchener Rathaus, ließ die Sache amtlich machen. Draußen schien an diesem Tag die Sonne. Wirklich gedankt hat es ihr die Familie nicht.

Es dauerte nicht lange, dann war Schluss mit der kirchlichen Gemeinsamkeit am Wochenende. Wenn die Glocken läuteten, blieb der erzkatholische Teil der Familie zu Hause, jeder fand schließlich einen guten Grund. Nur Inge Labsch, sie nahm sich Hut und Mantel; seit sie katholisch ist, hat sie sonntags nie gefehlt.

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Die Liebfrauenstraße in Gelsenkirchen, dort wohnt sie im Parterre, ein kleiner Flur, links daneben ihre große Küche mit dem Fernseher auf der Kommode. Draußen vor dem Fenster die Kulisse von Gelsenkirchen – mehr Ruhrgebiet geht nicht. Ein ergrautes Wohnviertel mit einer hohen Dichte von Getränkemärkten, ein paar bunten Litfaßsäulen und diesen Autos, die an ihrem Heck blau-weiße Schalker Vereinsfarben spazieren fahren.

Mittendrin das Gotteshaus von St. Georg, neuromanisch, heller Sandstein, ein knapp 60 Meter hoher Kirchturm mit einem goldenen Ziffernblatt unterhalb der Spitze. St. Georg, eine Landmarke für die ganze Gegend. Die vielspurige Florastraße verläuft nebenan – wer samstags von auswärts kommt und auf die Arena von Schalke will, der weiß: Hinter der Georgskirche geht es dann rechts ab!

Inge Labsch, eine Frau mit weißen Haaren, mit einigem Temperament und einer kernigen Stimme gesegnet, war nie auf Schalke. Sie nahm lieber Kurs auf die Kirche. »Wenn man wat hat«, sagt sie, »dann wird man et dort los.« Die Kommunion ihrer beiden Kinder, die Firmung der beiden, später die Heirat des ältesten Sohnes, die Taufe der Enkelkinder, die Totenmesse für ihren Mann 2002, der an der Parkinsonschen Krankheit litt – »alles hier passiert«.

St. Georg war ja immer da, eine »Schlappenkirche«, wie man im Revier gern sagt. Wenn man spät dran ist, kommt man auch in Hausschuhen schnell noch hin. Weiß Gott, Frau Labsch hatte keinen Anlass, darüber nachzudenken, dass dies einmal anders werden könnte. Sonntag für Sonntag nahm sie den linken Eingang und setzte sich auf einen Platz, am besten einen in den Reihen zehn bis fünfzehn, »näher nach vorn an den Altar will niemand mehr, alle sitzen heute in der Mitte«.

Eine liebe Gewohnheit, die sich auch nicht änderte, als der Küster plötzlich begann, die Heizung herunterzudrehen. Von den Wärmeschleifen, 1974 im Boden verlegt, blieben fortan nur noch jene rund um den Altar in Betrieb. Heute meint Frau Labsch, sie hätte dieses Zeichen besser deuten können. »Alle müssen sich einschränken«, dachte sie damals bloß. Heute weiß sie, dass es um mehr ging als um eine Heizung.

Eine goldene Pfründe ist St. Georg nie gewesen. Heute weniger denn je. Dies konnte man auch an der Entscheidung des Pastors ablesen, den Betrieb der Turmuhr einzustellen. Andererseits wurde dem Wirt der Gaststätte Branco am Dom gestattet, seine Kneipe um einen Biergarten zu erweitern und damit noch weiter auf die Gläubigen vorzurücken. Seitdem stehen seine Tische und Stühle direkt am Eingang der Kirche, dafür zahle der Mann aber auch »reichlich wat an Pacht«, erzählt man sich. Überdies stehe »mit dem Branco« beim Pfarrfest endlich »’ne ordentliche Zapfanlage« zur Verfügung.

Inge Labsch dagegen interessierte sich mehr für den Gottesdienst, bei den Predigten achtet sie auf jedes Wort. Auch an jenem Sonntag Mitte Januar ist dies so, als der Pastor ein »Bischofswort zur neuen Pfarreienstruktur im Bistum Essen« verliest, eine ziemlich unfrohe Botschaft, wie sich zeigt: Demnach werden die insgesamt 249 Pfarrgemeinden des Bistums Essen bis zum Jahr 2008 zu 42 Pfarreien zusammengelegt, 96 von 350 Kirchen will das Bistum aufgeben. Damit will der Bischof rund 15 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Die betroffenen Gemeinden, lässt der Bischof verkünden, werden keine Zuweisungen mehr aus den Kirchensteuermitteln erhalten.

Und dann kommt dieser Satz: »Abweichend von der bisherigen Planung soll nun auch die Kirche St. Georg zu den ›weiteren Kirchen‹« zählen. »Weitere Kirchen«, eine Wortschöpfung des Bistums, steht für das Todesurteil. Damit sind jene Gotteshäuser gemeint, die es nun trifft, deren Türen sich schließen, weil ihr »Erhalt nicht mehr verantwortbar ist«. Der Bischof macht Ernst. Jetzt ist Schluss.

In den weniger als fünf Jahrzehnten seines Bestehens hat das 1958 gegründete »Ruhrbistum« mehr als ein Drittel seiner Katholiken verloren, rund 950000 Mitglieder sind ihm geblieben. Auch hinsichtlich der Priester zeigen alle Kurven nach unten. In Essen rechnet man damit, dass sich die Zahl der Pastoren und Kapläne, die jünger sind als 65 Jahre, dramatisch verringern wird. Von derzeit etwa 240 Geistlichen auf vielleicht noch 150 Seelsorger im Jahr 2020.

Düster ist es auch um die Finanzen bestellt. Die Steuereinnahmen sind eingebrochen, Folge von Kirchenaustritten, dem Strukturwandel im Ruhrgebiet, dessen schlechter wirtschaftlicher Lage und den gestiegenen Mieten, die viele Familien seit Mitte der neunziger Jahre wegziehen ließ. Rücklagen gibt es keine, augenblicklich lässt sich der Haushalt des Bistums nur noch über Kredite finanzieren. 2006 liegen die Schulden bei rund 60 Millionen Euro, eine Zahl, die bis 2008 noch auf 70 Millionen steigen könnte. Gesundbeten lassen sich diese Fakten nicht, »man muss sie annehmen«, wie der Bischof sagt.

Zehn Minuten dauert der Vortrag des knapp vier Seiten langen Papiers durch den Pfarrer, nach dem letzten Satz ist es eine Weile still im Kirchenschiff von St. Georg. Kein Rascheln, kein Husten diesmal. Hat man es richtig gehört? Was planen die? »Dann brach Tumult in der Georgskirche los, Menschen begannen zu weinen, sprangen auf, liefen ins Freie«, notierte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung am Tag danach.

Das Ganze klingt, als sei keine Katastrophe eingetreten, sondern ein Wunder geschehen. Nicht die Säkularisierung scheint plötzlich mehr das Thema, sondern das Gegenteil. Mit seinem Brief gelingt Ruhrbischof Felix Genn, was über die letzten Jahre so unmöglich schien: Seine Zeilen mobilisieren, bringen plötzlich wieder Schwung in das vielerorts ermattete Gemeindeleben. Die Basis erhebt sich; wenn die Glocken läuten, strömen die Gläubigen nun wieder in Scharen herbei – ein Bild, wie sonst nur an Weihnachten oder zu Ostern gesehen.

Die Menschen eint die Frage: Dürfen die Kirchenoberen ihren Gläubigen einfach das Gotteshaus wegnehmen? Ist denn eine Kirche ein Warenhaus oder ein Kino, das man nach Kassenlage aufmacht und wieder schließt? Was hält das Ruhrgebiet dann noch zusammen?

In Gelsenkirchen steigen Frömmigkeitspegel und Kampfeslust. Nicht mit uns! Schnell ist diese Haltung in St. Georg mehrheitsfähig. Ein Förderverein zur Erhaltung der Kirche ist rasch gegründet, 60 Personen sind nach vier Wochen beisammen, wer mitkämpfen will, bezahlt fünf Euro pro Monat. Unterschriftenlisten mit bald 2500 Namen, tägliche Abendandachten, Mahnwachen im Schein roter Grablaternen – vorneweg Inge Labsch. Über das katholische Hirtenwort ist sie nun, wenn auch nicht wieder zur Protestantin, so doch zur Protestierenden geworden.

Bei den Vollversammlungen treffen sich die Köpfe des Widerstandes dienstagabends bei Branco am Dom. Jemand sagt, er habe »kein Problem mit Gott, nur mit seinem Bodenpersonal«. Niemand lacht.

In der Runde sitzen zwei junge Theologiestudenten, Universität in Bochum, dunkel die Pullover, ein Holzkreuz baumelt auf ihrer Brust. Wenn sie reden, dann reden sie leise, dann mischen sich Enttäuschung und Wut. Habe die katholische Kirche nicht immer die wertvolle Mitarbeit der pastoralen Laien angemahnt, zuletzt beim Papstbesuch in Köln? Wie hohl sei doch das Ganze, »wenn es drauf ankommt, werden wir wieder nicht gefragt. Da ist die Tür zu.«

Eine Erklärung wäre, dass die da oben im Bistum gar nicht wissen, was in einer Gemeinde passiert. Wenn Michael Wagner, Lehramtsstudent und Obermessdiener von St. Georg, auf den kirchlichen Alltag zu sprechen kommt, dann packt ihn die Fassungslosigkeit. Er ist ein junger Mann, der, wenn es nötig ist, auch dazwischengeht, und sei es mitten in der Kirche. Anlass gibt es immer wieder, gerade an den großen Tagen, »wenn Firmlinge kommen oder die Kommunionkinder mit der Familie, mit den Freunden«.

Leser-Kommentare
  1. Nein - manche Kirchen sind wohl nicht mehr zu retten: ihr Innenleben sieht aus wie ihre Aussendarstellung: ungepflegt, ohne Kern, ohne Energie, ausgelaugt, fertig. Wer "Kirche" als Organisation im christlichen Religionsbetrieb versteht, der wird insbesondere in Deutschland tatsächlich einen verheerenden Eindruck von Kirche und Kirchlichkeit gewinnen.

    Nun ist Kirche aber zunächst die von Jesus Christus begründete Gemeinschaft derer, die an ihn als den auferstandenen Retter und Erlöser glauben. Diese Kirche braucht nicht gerettet zu werden. Wer meint, den Schöpfer der Welt retten zu müssen, hat nicht wirklich nachgedacht. Diese Kirche verkündet den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus als einzigen Herrn und als den einzigen Weg zu einem sinnvollen Leben. Karl Barth formuliert es in der Barmer Erklärung angesichts der aufziehenden Naziherrschaft so: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. ... Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk." Dieser Auftrag gilt für jede Kirche und jede Gemeinde. Daran muss sie sich messen lassen. Eine "Kirche", die diesen Auftrag nicht ausführt, ist tatsächlich nicht mehr zu retten.

    Übrigens: es gibt nicht nur aufgelassene Kirchen, es gibt auch Gemeindeneugründungen und neue Kirchenbauten. Der Bund der freien evangelischen Gemeinden in Deutschland will in 10 Jahren 100 neue Gemeinden gründen. In Bad Schönborn hat die Freie evangelische Gemeinde 2005 ein neues Gemeindezentrum eingeweiht. Kirche, die Jesus Christus verkündet muss nicht gerettet werden, sie lädt ein zu einem sinnerfüllten Leben mit Jetzt-Bezug und Ewigkeits-Perspektive. Weil nicht einmal die Hölle so einer Kirche etwas anhaben kann, braucht sie sich weder zu fürchten noch anzupassen, sondern einfach nur ihren Auftrag ausführen.

    P.S.: Ich lade ZEIT-Redakteure gerne nach Bad Schönborn ein, um einmal andere Kirchen kennen zu lernen. sie sind uns herzlich willkommen. Adresse und e-mail auf unserer homepage: http://bad-schoenborn.feg...

  2. Zu tun und zu erreichen gibt es für die Kirche jede Menge, gerade an der Basis: der Arbeit in der Gemeinde und den Gemeindemitgliedern. Suche nach Sinn und Not gibt es heute wieder genug, das ist schlicht auch ihr Job - und nicht die kräftezehrenden, letztlich schöngeistigen Diskussionen der letzten Jahrzehnte, die den meisten den Glauben genommen haben.

  3. Für sie geht er vordergründig vielleicht zuerst um Geld und Machtverlust. Solange die Kirchenoberen eine der Kernaussagen des Religionsstifters Jesus v. Nazareth, z.B. ’Die Bergpredigt’ als reine Utopie abtun und nicht mehr ernsthaft anstreben verliert sie logischerweise an Anziehungskraft. Auch der Streit zwischen den Konfessionen/Alleinvertretungsanspruch macht sie unglaubwürdig. Bei den heutigen Sorgen und Problemen der Menschen braucht es Hoffnung und Perspektive. Nicht die Drohung mit Tod und Verdammnis.

    Dabei kann uns die eigentliche Lehre Christi den Weg weisen in eine schöne friedvolle Zukunft, in Einheit und Gemeinschaft aller Menschen (alle Menschen die willens sind, ohne Ausgrenzung.)

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  4. Das sicher nicht - aber typisch ist doch dieses: "In Nordrhein-Westfalen ist der deutsche Papst schon gewesen. Einhundert Millionen Euro hat der Weltjugendtag gekostet, ausgerichtet an ganz profaner Stelle, auf einem Braunkohlenfeld bei Kerpen."
    Und wessen Geld war das? Das des Vatikans? Oder der Kölner Erzdiözöse? Nein, es war staatliches Geld, fast ausschließlich. Also überwiegend das Geld von Kirchenfernen, von Freidenkern, Atheisten - und solchen "Gläubigen", die die Kirche nur als Zeremonienmeister nutzen. Menschen also, die ganz andere Vorstellungen von der menschlichen Glückseligkeit haben.
    M.a.W.: die Kirche, welche auch immer, hat sich überlebt, weil sie inhaltsleer geworden ist, sie wird nicht mehr gebraucht. Nein, wirklich nicht? Von den Mächtigen schon - die brauchen immer noch einen Stabilitätsfaktor. Und da ist die Kirche wieder in einer ihrer Lieblingsrollen der Vergangenheit.

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