Wenn Not am Mann ist, dann steht sie da wie eine Wand, "damit dat klar is". Wenn eine Frau wie sie einmal "ja" gesagt hat, dann gilt es für das ganze Leben. Inge Labsch, 1932 am Kurischen Haff geboren, eine von so vielen, die in den sechziger Jahren aus dem Osten ins Ruhrgebiet kamen und blieben. Religion: evangelisch. Eigentlich kein Gedanke, daran etwas zu ändern. Dann verliebte sie sich, er war "erzkatholisch, wie auch seine Eltern". Also ist sie "übergetreten", wie sie es nennt. Hat gepaukt, bis sie das katholisch-apostolische Glaubensbekenntnis endlich aufsagen konnte. Dann fuhr sie ins Gelsenkirchener Rathaus, ließ die Sache amtlich machen. Draußen schien an diesem Tag die Sonne. Wirklich gedankt hat es ihr die Familie nicht. St. Martin in Essen, eine der betroffenen Kirchen BILD

Es dauerte nicht lange, dann war Schluss mit der kirchlichen Gemeinsamkeit am Wochenende. Wenn die Glocken läuteten, blieb der erzkatholische Teil der Familie zu Hause, jeder fand schließlich einen guten Grund. Nur Inge Labsch, sie nahm sich Hut und Mantel; seit sie katholisch ist, hat sie sonntags nie gefehlt.

Die Liebfrauenstraße in Gelsenkirchen, dort wohnt sie im Parterre, ein kleiner Flur, links daneben ihre große Küche mit dem Fernseher auf der Kommode. Draußen vor dem Fenster die Kulisse von Gelsenkirchen – mehr Ruhrgebiet geht nicht. Ein ergrautes Wohnviertel mit einer hohen Dichte von Getränkemärkten, ein paar bunten Litfaßsäulen und diesen Autos, die an ihrem Heck blau-weiße Schalker Vereinsfarben spazieren fahren.

Mittendrin das Gotteshaus von St. Georg, neuromanisch, heller Sandstein, ein knapp 60 Meter hoher Kirchturm mit einem goldenen Ziffernblatt unterhalb der Spitze. St. Georg, eine Landmarke für die ganze Gegend. Die vielspurige Florastraße verläuft nebenan – wer samstags von auswärts kommt und auf die Arena von Schalke will, der weiß: Hinter der Georgskirche geht es dann rechts ab!

Inge Labsch, eine Frau mit weißen Haaren, mit einigem Temperament und einer kernigen Stimme gesegnet, war nie auf Schalke. Sie nahm lieber Kurs auf die Kirche. "Wenn man wat hat", sagt sie, "dann wird man et dort los." Die Kommunion ihrer beiden Kinder, die Firmung der beiden, später die Heirat des ältesten Sohnes, die Taufe der Enkelkinder, die Totenmesse für ihren Mann 2002, der an der Parkinsonschen Krankheit litt – "alles hier passiert".

St. Georg war ja immer da, eine "Schlappenkirche", wie man im Revier gern sagt. Wenn man spät dran ist, kommt man auch in Hausschuhen schnell noch hin. Weiß Gott, Frau Labsch hatte keinen Anlass, darüber nachzudenken, dass dies einmal anders werden könnte. Sonntag für Sonntag nahm sie den linken Eingang und setzte sich auf einen Platz, am besten einen in den Reihen zehn bis fünfzehn, "näher nach vorn an den Altar will niemand mehr, alle sitzen heute in der Mitte".

Eine liebe Gewohnheit, die sich auch nicht änderte, als der Küster plötzlich begann, die Heizung herunterzudrehen. Von den Wärmeschleifen, 1974 im Boden verlegt, blieben fortan nur noch jene rund um den Altar in Betrieb. Heute meint Frau Labsch, sie hätte dieses Zeichen besser deuten können. "Alle müssen sich einschränken", dachte sie damals bloß. Heute weiß sie, dass es um mehr ging als um eine Heizung.

Eine goldene Pfründe ist St. Georg nie gewesen. Heute weniger denn je. Dies konnte man auch an der Entscheidung des Pastors ablesen, den Betrieb der Turmuhr einzustellen. Andererseits wurde dem Wirt der Gaststätte Branco am Dom gestattet, seine Kneipe um einen Biergarten zu erweitern und damit noch weiter auf die Gläubigen vorzurücken. Seitdem stehen seine Tische und Stühle direkt am Eingang der Kirche, dafür zahle der Mann aber auch "reichlich wat an Pacht", erzählt man sich. Überdies stehe "mit dem Branco" beim Pfarrfest endlich "’ne ordentliche Zapfanlage" zur Verfügung.

Inge Labsch dagegen interessierte sich mehr für den Gottesdienst, bei den Predigten achtet sie auf jedes Wort. Auch an jenem Sonntag Mitte Januar ist dies so, als der Pastor ein "Bischofswort zur neuen Pfarreienstruktur im Bistum Essen" verliest, eine ziemlich unfrohe Botschaft, wie sich zeigt: Demnach werden die insgesamt 249 Pfarrgemeinden des Bistums Essen bis zum Jahr 2008 zu 42 Pfarreien zusammengelegt, 96 von 350 Kirchen will das Bistum aufgeben. Damit will der Bischof rund 15 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Die betroffenen Gemeinden, lässt der Bischof verkünden, werden keine Zuweisungen mehr aus den Kirchensteuermitteln erhalten.

Und dann kommt dieser Satz: "Abweichend von der bisherigen Planung soll nun auch die Kirche St. Georg zu den ›weiteren Kirchen‹" zählen. "Weitere Kirchen", eine Wortschöpfung des Bistums, steht für das Todesurteil. Damit sind jene Gotteshäuser gemeint, die es nun trifft, deren Türen sich schließen, weil ihr "Erhalt nicht mehr verantwortbar ist". Der Bischof macht Ernst. Jetzt ist Schluss.

In den weniger als fünf Jahrzehnten seines Bestehens hat das 1958 gegründete "Ruhrbistum" mehr als ein Drittel seiner Katholiken verloren, rund 950000 Mitglieder sind ihm geblieben. Auch hinsichtlich der Priester zeigen alle Kurven nach unten. In Essen rechnet man damit, dass sich die Zahl der Pastoren und Kapläne, die jünger sind als 65 Jahre, dramatisch verringern wird. Von derzeit etwa 240 Geistlichen auf vielleicht noch 150 Seelsorger im Jahr 2020.

Düster ist es auch um die Finanzen bestellt. Die Steuereinnahmen sind eingebrochen, Folge von Kirchenaustritten, dem Strukturwandel im Ruhrgebiet, dessen schlechter wirtschaftlicher Lage und den gestiegenen Mieten, die viele Familien seit Mitte der neunziger Jahre wegziehen ließ. Rücklagen gibt es keine, augenblicklich lässt sich der Haushalt des Bistums nur noch über Kredite finanzieren. 2006 liegen die Schulden bei rund 60 Millionen Euro, eine Zahl, die bis 2008 noch auf 70 Millionen steigen könnte. Gesundbeten lassen sich diese Fakten nicht, "man muss sie annehmen", wie der Bischof sagt.

Zehn Minuten dauert der Vortrag des knapp vier Seiten langen Papiers durch den Pfarrer, nach dem letzten Satz ist es eine Weile still im Kirchenschiff von St. Georg. Kein Rascheln, kein Husten diesmal. Hat man es richtig gehört? Was planen die? "Dann brach Tumult in der Georgskirche los, Menschen begannen zu weinen, sprangen auf, liefen ins Freie", notierte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung am Tag danach.

Das Ganze klingt, als sei keine Katastrophe eingetreten, sondern ein Wunder geschehen. Nicht die Säkularisierung scheint plötzlich mehr das Thema, sondern das Gegenteil. Mit seinem Brief gelingt Ruhrbischof Felix Genn, was über die letzten Jahre so unmöglich schien: Seine Zeilen mobilisieren, bringen plötzlich wieder Schwung in das vielerorts ermattete Gemeindeleben. Die Basis erhebt sich; wenn die Glocken läuten, strömen die Gläubigen nun wieder in Scharen herbei – ein Bild, wie sonst nur an Weihnachten oder zu Ostern gesehen.

Die Menschen eint die Frage: Dürfen die Kirchenoberen ihren Gläubigen einfach das Gotteshaus wegnehmen? Ist denn eine Kirche ein Warenhaus oder ein Kino, das man nach Kassenlage aufmacht und wieder schließt? Was hält das Ruhrgebiet dann noch zusammen?

In Gelsenkirchen steigen Frömmigkeitspegel und Kampfeslust. Nicht mit uns! Schnell ist diese Haltung in St. Georg mehrheitsfähig. Ein Förderverein zur Erhaltung der Kirche ist rasch gegründet, 60 Personen sind nach vier Wochen beisammen, wer mitkämpfen will, bezahlt fünf Euro pro Monat. Unterschriftenlisten mit bald 2500 Namen, tägliche Abendandachten, Mahnwachen im Schein roter Grablaternen – vorneweg Inge Labsch. Über das katholische Hirtenwort ist sie nun, wenn auch nicht wieder zur Protestantin, so doch zur Protestierenden geworden.

Bei den Vollversammlungen treffen sich die Köpfe des Widerstandes dienstagabends bei Branco am Dom. Jemand sagt, er habe "kein Problem mit Gott, nur mit seinem Bodenpersonal". Niemand lacht.

In der Runde sitzen zwei junge Theologiestudenten, Universität in Bochum, dunkel die Pullover, ein Holzkreuz baumelt auf ihrer Brust. Wenn sie reden, dann reden sie leise, dann mischen sich Enttäuschung und Wut. Habe die katholische Kirche nicht immer die wertvolle Mitarbeit der pastoralen Laien angemahnt, zuletzt beim Papstbesuch in Köln? Wie hohl sei doch das Ganze, "wenn es drauf ankommt, werden wir wieder nicht gefragt. Da ist die Tür zu."

Eine Erklärung wäre, dass die da oben im Bistum gar nicht wissen, was in einer Gemeinde passiert. Wenn Michael Wagner, Lehramtsstudent und Obermessdiener von St. Georg, auf den kirchlichen Alltag zu sprechen kommt, dann packt ihn die Fassungslosigkeit. Er ist ein junger Mann, der, wenn es nötig ist, auch dazwischengeht, und sei es mitten in der Kirche. Anlass gibt es immer wieder, gerade an den großen Tagen, "wenn Firmlinge kommen oder die Kommunionkinder mit der Familie, mit den Freunden".

Seltsame Freunde sind es heute. Wieder und wieder hat Wagner bei ihnen klingelnde Handys konfisziert, Picknicks im Chorraum beendet und Raucher trotz ihres Protestes der Kirche verwiesen. Bei der letzten Firmung in Gelsenkirchen fragte ihn tatsächlich jemand: "Ey, sag mal, wie heißt denn der Typ da am Kreuz?"

Wagner macht eine Pause, diese Frage hat er immer noch nicht verkraftet, sie steckt ihm immer noch in den Knochen. "Wenn das alles so verkommen ist", meint er dann, "dann muss man etwas tun! Wieso werden dann unsere Kirchen geschlossen?"

Dabei ist es so lange noch gar nicht her, jedenfalls wenn man in kirchlichen Zeitspannen denkt, da kannte der missionarische Überschwang an der Ruhr keine Grenzen. Mehr Anfang war nie, als Papst Pius XII. im Jahr 1957 den Sauerländer Franz Hengsbach zum ersten Bischof des neuen Ruhrbistums machte, das damals aus "territorialen Abtretungen" der Bistümer Münster, Paderborn und Köln zusammengefügt wurde.

Gleich bei seiner Antrittsrede am 1. Januar 1958 machte sich der neue Mann, der ein Stück Kohle in seinem Bischofsring trug, die Sprache der Bergleute zu Eigen. "Ich bin jetzt vor Ort gegangen. In Gottes Namen wollen wir die erste Schicht verfahren."

Rastlos durcheilte Hengsbach sein Revier, ein Mann, der die Kinder segnete und die Kumpel mochte. Weil er in der Zeit des großen Zechensterbens unten an den Fördertürmen stand, erhielt er Grubenlampen ohne Zahl, wurde gar zum "Ehrenbergmann" ernannt. Als Militärbischof der Bundeswehr beförderte ihn die Truppe zum "Ehrenmitglied" der Feldjäger, für einen Seelenhirten eine vielleicht etwas heikle Würde.

In Essen gründete Hengsbach die bischöfliche Hilfsaktion Adveniat, initiierte Anfang der achtziger Jahre Schweigemärsche "zum Schutz des ungeborenen Lebens", bei denen ihm beinahe 30000 Menschen sittsam folgten. Als "Außenminister" der Deutschen Bischofskonferenz, mittlerweile zum Kardinal ernannt, empfing "Kumpel Franz" in seiner Residenz am Essener Burgplatz Würdenträger aus aller Welt, 1987 gar seinen irdischen Chef, Papst Johannes Paul II. "Fast wie Krupp", noch heute schwärmen viele Essener gerne von dieser großen Zeit.

Bei aller Umtriebigkeit, mit Hingabe widmete sich Hengsbach seiner eigentlichen Passion: der Vermehrung der Gemeinden, dem Bau von Kirchen. Ein seltsamer Wettstreit, der die Stadt damals erfasste. Boomtown Essen – Bistum Essen. Während der SPD-Oberbürgermeister für die Stadt unermüdlich mehr Schwimmbäder forderte, "Immer ein Bad im Bau!", träumte Hengsbach von seinen neuen Kirchtürmen.

Der Gedanke an den Strukturwandel in der Region, an die ersten Krisen bei Kohle und Stahl, mochte anderen das Herz schwer machen, Hengsbach war frei davon. Er wollte die Zahl der Gemeindemitglieder verdoppeln. Und keines seiner Schäfchen sollte es zum nächsten Gotteshaus weiter haben als drei Kilometer; länger als 15 Minuten sollte niemand laufen müssen. "Gottvertrauen statt Realismus", ächzt heute ein hoher Würdenträger des Bistums, der lieber nicht genannt sein will. "Genau jene Zahl von Kirchen, die Hengsbach damals bauen ließ, haben wir jetzt zu viel, die müssen alle weg."

Genau genommen sei das ganze Fundament der Diozöse recht bizzar, meint Ulrich Engelberg, Chefredakteur von RuhrWort, der Wochenzeitung im Bistum Essen. Zwar ist Engelberg erst seit Oktober 2005 im Amt, seitdem stieg der Verkauf des Blattes um 700 auf jetzt insgesamt rund 30000 Exemplare, seine Einschätzung wiegt dennoch schwer. Der Job bringt es mit sich, dass er bei Bischof Genn, seinem Herausgeber, ein und aus gehen darf. Jeden Dienstag um 8.15 Uhr ist Jour fixe, dabei erscheint der Chef gern leger in einer Strickjacke, "meist zündet er als Erstes eine Kerze an". Dann erörtern die beiden die Lage.

Beim Geld, meint der Bischof, "da sind sich Brüder Fremde"

Trotz dieser engen Nähe zur Macht ist der Journalist bislang noch nicht dahintergekommen, was es mit den sonderbaren Grenzen des Bistums auf sich hat. Warum behielt Paderborn die Großstadt Dortmund, warum Köln das wohlhabende Fachwerkstädtchen Kettwig am grünen Strand der Ruhr, das schon seit Jahrzehnten zur Stadt Essen gehört? Immerhin, so viel lässt Engelberg durchblicken: "Hätte das Bistum die Steuerzahler aus Kettwig, dann wäre unser Haushalt fast im Lot." Warum das Bistum Köln mit seinen Kettwigern nicht hilft? "Was das Geld angeht", meint der Bischof, "da sind sich Brüder Fremde."

Das Dilemma ist also mit Händen zu greifen, zumal sich das Bistum Essen, wie bereits in einem Leserbrief an das RuhrWort leidenschaftlich gefordert, nicht so einfach selbst wieder auflösen kann. "Dies", erläutert Engelhard, "liegt allein in der Entscheidung des Vatikans."

Was also blieb? McKinsey!

Ein Novum. Internationale Unternehmensberater, die mit Chirurgenblick durch kirchliche Bücher blättern, Typen, die ohne Gebet und weitere Umschweife gern gleich zur Sache kommen. Wenigstens, so erinnert man sich im Bistum noch immer dankbar, schickten McKinsey & Company Mitte der neunziger Jahre drei Männer, die "das Kreuzzeichen sicher beherrschten". Sie gaben an, "selber in der Kirche" zu sein, und vielleicht waren sie es ja wirklich.

Erhaltung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zur Absicherung des pastoralen und sozialen Dienstes des Bistums Essen lautet der Titel des vertraulichen Berichts, den die Berater schließlich im Oktober 1997 präsentierten. Eine Zäsur für die Kirche als Institution. So hatte noch niemand mit ihr gesprochen. Sie, die älteste Gemeinschaft von allen, war nun ein Konzern geworden.

McKinsey rät, sich um die "Deckungslücken" zu kümmern

Mit keinem Wort, so erinnern sich Leser an die Lektüre des telefonbuchdicken Schmökers enttäuscht, würdigt der Bericht die Seelsorge, den ewigen Dienst am Menschen, an all den Mühseligen und Beladenen. Stattdessen ziehen sich teufliche Begriffe wie "Deckungslücken", "strukturelle Defizite" und "Reduzierung des Personalbestandes" durch die Seiten.

Angeraten wurden "Kennziffernsysteme" und "Controllingansiedlungen" – die Berater meinten es ganz ernst, auch den worst case sprachen sie offen an: die Gefährdung des Ruhrbistums in seinem Bestand. Und das Bistum akzeptierte die neuen Spielregeln. Man nahm die Passiva endlich in den Blick.

Schnell fanden sich bei den Personalkosten, sie machten ungesunde 85 Prozent des Bistumsetats aus, Einsparungsmöglichkeiten von 60 Millionen Mark. "Die Altersstruktur der Mitarbeiter", erinnert sich Finanzreferent Ludger Krösmann, habe die Gelegenheit geboten, "elegant" abzubauen. "Bei manchen war die Pensionsgrenze ja längst überschritten."

Doch dann geriet die Sanierung noch einmal ins Stocken. Bischof Hubert Luthe, der nach Hengsbachs Tod 1991 dessen Nachfolger geworden war, trat im Mai 2002 im Alter von 75 Jahren von seinem Amt zurück. Bei einem Wechsel auf dem Bischofsstuhl ist eine so genannte Sedis vakanz zu respektieren. "Da passierte monatelang gar nichts", sagt Krösmann.

Dann kommt der Neue in Essen an. Im Juli 2003 wird Felix Genn in sein Amt eingeführt. Er braucht sechs Monate, dann hat er das ganze Ausmaß des finanziellen Abgrunds erfasst. Er formuliert, mit Unterstützung der Profis einer Unternehmensberatungsgesellschaft in Münster, sein "Zukunftskonzept".

Schon dieses Wort aus dem Munde eines Bischofs! Seit es die Runde macht, wechselt sein Fahrer, "Herr Mallmann", immer mal wieder zur Vorsicht das Nummernschild an dem metallicfarbenen Dienst-Audi, einem A6. Zurzeit hat er ein Kennzeichen aus Dortmund angeschraubt. "Man weiß nie", meint Herr Mallmann.

An diesem Abend steuert er den Wagen in die Gemeinde St. Josef, Bottrop, nördliches Ruhrgebiet. Zur Sicherheit hat er das Navigationsgerät eingeschaltet, denn irgendwie sieht es auch in Bottrop nicht viel anders aus als in Gelsenkirchen.

"Nicht wahr, Herr Mallmann, so allmählich erfahren wir uns das Ruhrgebiet", meint der Bischof, als der Audi auf die Schnellstraße nach Bottrop biegt. Ein kurzes Nicken, Felix Genn schaut wieder hinaus in die Nacht.

Zu seinem schwarzen Anzug besitzt der Bischof einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Wenn er ihn trägt, er damit durch Essens Straßen schlendert, dann lässt der Hut ihn ganz gelassen wirken, fast beschwingt. Jetzt liegt er neben ihm, nahe der linken Hand, die nach einem roten Buch gegriffen hat, dem Handbuch des Bistums Essen. Dürre Fakten, kleine Schrift. Gelegentlich knipst Genn die Leselampe an, "Herrn Mallmann stört das nicht". Dann blättert er durch die Kapitel mit den Kurzbeschreibungen seiner Pfarreien, jede steht für tausend Wünsche.

Er kommt aus Trier, "einem Bauern- und Winzer-Bistum". Gefreut hat er sich auf das neue Amt in Essen, "diese städtische Region". Aber nach wenigen Wochen entfuhr ihm ein erstes "O Gott, o Gott". Das passiert ihm fortan immer wieder. Denn alle Zahlen, die man ihm hinlegt, sind irgendwie schlecht. Diese ganzen Diagramme und Schaubilder, die für "eine dramatische, geistige Veränderung in der Gesellschaft" stehen. Genn spricht von "einer Wandlung, deren Umfang noch kaum jemand richtig realisiert hat". Eigentlich zum Weglaufen, aber Genn muss nach Bottrop.

Ihm fehle "Herzenswärme", urteilt der pensionierte Pastor einer Essener Innenstadtkirche über den Bischof. Er sei zu sehr "ein Kopfmensch", da sei "Kumpel Franz" doch ganz anders gewesen. Zu viel Vernunft!, was im Ruhrgebiet noch immer als ein schwerer Vorwurf gilt. Genn ficht das nicht an. Sein Amt sei in diesen Zeiten "verwoben in einer Gesellschaft der Ansprüche und der Besitzstandwahrung". Die Bürger seien heute "nicht mehr automatisch Christen", was, da will er nichts beschönigen, sicher auch mit "nachlassender Strahlkraft" der Kirche zu tun habe. "Da gibt es viel Patina." Sein Blick streift die halb leere Wasserflasche, die vor ihm in der Sitztasche klemmt. Er reckt den Kopf, ist die Kirche schon zu sehen? Dann sagt Herr Mallmann: "Wir sind da." Im Schein der Leselampe sieht der Bischof plötzlich ziemlich müde aus. Wenige Minuten später steht er im Gemeindehaus von St. Joseph zu Bottrop.

Graue Gardinen, gebastelter Osterschmuck, ein paar Primeln und 20 Augenpaare, die konzentriert das Muster der Tischdecke studieren. Beifall für den Besucher? Stattdessen Fragen ohne Zahl. Was wird aus dem Kindergarten, was aus unserem Jugendheim, was aus den Pfarrbüros? Ist die Altenbetreuung gesichert? Was ist mit dem Fahrdienst, will jemand wissen, "wie komme ich sonst von der Kirche nach Hause"?

All das hört sich Genn geduldig an. Er sichert zu, "Anregungen und Kritik" mit nach Essen zu nehmen. Er bittet die lieben Brüder und Schwestern, doch nicht sofort "von der Klage zur Anklage" zu kommen. Dann hat er genug gehört. "Eine Sozialgestalt von Kirche geht nicht zu Ende", ruft er kraftvoll durch den Saal, "sie ist zu Ende!" Ein etwas rätselhafter Satz.

Zwei Stunden und drei Wasserflaschen später sitzt Genn wieder neben seinem Hut im Auto. Er erinnert sich an all jene, "die mir am Anfang Angst machen wollten, als sie von meinen Plänen hörten". Lieber Himmel, Herr Bischof, "wenn wir jetzt Kirchen schließen, bleiben uns doch noch mehr Leute weg". Er mag es nicht mehr hören. "Ein Gottesdienst im Pfarrsaal? Warum eigentlich nicht!" So ist die religiöse Lage, das Ende der Komfortzone ist erreicht.

Kirchen könnten zu Kletterzentren werden oder auch zu Ärztehäusern

Also wird sondiert. "Kirchen sind Zelte", nicht weniger, aber auch nicht mehr. Was sind diese Zelte wert? Heinz-Peter Heidrich hat man gefragt, den Vorstandssprecher der Bank im Bistum Essen. Ein Diplomvolkswirt und Katholik, sein Haus gewährt dem Bischof die Kredite. "Kirchen stellen keine Sicherheiten dar", hat Heidrich kühl geantwortet, sie seien "in dem Sinne" nicht zu verwerten. Wenn man überhaupt etwas sagen könne, dann dies: "Der Wert einer Kirche bemisst sich nach dem Grundstückswert minus Abrisskosten."

Seitdem prüft "das Gebäudemanagement" des Bistums, seinerzeit von McKinseys Leuten dringend eingefordert, nun anderweitige Verwendungsformen einer Kirche. Herbert Fendrich, Kulturbeauftragter des Bistums, möchte die sakralen Räume am liebsten für "kirchennahe Einrichtungen" nutzen. Fendrich denkt an Altenheime, Kinderheime oder an eine Heimstatt für die Caritas. Wenn das nicht geht, kämen auch Kletterzentren in Betracht, Restaurants oder notfalls auch ein Ärztehaus.

Hat die evangelische Kirche nicht vorgemacht, was alles denkbar ist, sind die Bänke erst mal rausgeschleppt? Im Sauerland machte in einem ehemaligen Gotteshaus die Tanzkneipe Don Camillo auf, die Johanneskirche in Weil am Rhein beherbergt nun die Stadtbibliothek, in die 200 Jahre alte Dorfkirche im brandenburgischen Milow zog die örtliche Sparkasse ein, und nebenan in den Niederlanden klingen in den Chören bereits die Supermarktkassen.

"Ich sag mal so", sagt der Küster, "Hauptsache, kein Puff"

Ein Tabu gibt es, immerhin, an dem auch das Bistum Essen nicht rühren will: Keine Bar! Keine Moschee! Insoweit gelten die "Arbeitshilfen 175", von der Deutschen Bischofskonferenz an Allerheiligen 2003 offenbar in einem Zustand tiefer Sentimentalität verfasst. "Eine Kirche", stellen die Bischöfe da fest, "ist ja nicht irgendein Gebäude."

Sie raten "bei der Profanisierung" zu einem Ritus "mit aller Feierlichkeit". Am besten ist die Kirche beim Abschied "festlich geschmückt, alle Kerzen (vor allem auch die Kerzen bei den Apostelkreuzen) sind entzündet." Was jedoch nicht infrage kommt, ist "die kultische Nutzung durch nichtchristliche Religionsgemeinschaften (zum Beispiel Islam, Buddhismus, Sekten)", diese "ist – wegen der Symbolwirkung einer solchen Maßnahme – nicht möglich".

Uneingeschränkt gilt dies auch für St. Marien in Bochum, einen neugotischen Bau, 1868 bis 1872 errichtet. Bis auf ihren Turm wurde sie im Krieg zerstört, später wiederhergestellt, ein beeindruckendes Zeugnis der Bochumer Geschichte. Trotzdem fehlt sie in der Denkmalliste der Stadt. Sie ist das erste Gotteshaus im Bistum, von dem man sich trennte. Rußgeschwärzt, mittlerweile von einem Bauzaun und leeren Bierflaschen umsäumt. 2003 wurden zum letzten Mal die Kerzen angezündet. Dann kam der Spediteur Schenker mit seinen Lastwagen.

Die Messgewänder, die Orgelpfeifen, die 54 Bänke, alles wurde aufgeladen und nach Donezk in der Ukraine geschafft, in Bochums Partnerstadt. Jetzt ist die Kirche ein ganz profaner Ort, an dem der Kalk von den Wänden rieselt. Nicht zum Ansehen.

Also lässt Peter Knobel, der ehemalige Küster, keinen mehr rein, "auch die vom Bistum nicht". Er hat den Schlüssel, und den gibt er nicht raus. Knobel schützt die Totenruhe seiner Kirche. Was jetzt werden soll? "Hauptsache", meint Knobel bei einem Pils im Kolpinghaus, "ich sag mal so, Hauptsache, kein Puff."

Dann erinnert er sich an den Besuch des Bischofs, der vor ein paar Wochen in der Gegend war. "Die Marienkirche liegt mir schwer im Magen", habe Felix Genn gesagt. Das hat Knobel gut gefallen. "Die Trauer auch bei diesem Mann." Zwei Tage später, wie jeden Dienstag um 17.15 Uhr, hat er wieder auf den Knopf gedrückt, "und hab sie läuten lassen". Einfach so. Nicht alle Glocken im Turm, nur drei. "Alle vier mach ich nur an den hohen Feiertagen an."

Unter dem Eindruck einer solchen Treue ist im Essener Bistum selbst ein Mann wie Generalvikar Hans-Werner Thönnes ins Grübeln gekommen. Stimmt das Tempo der Veränderung? Was ist mit der Rücksicht auf die Seelen? "Vielleicht war es falsch, dass wir beim Geld anfingen", räsoniert der Vikar. "Wir hätten stärker die pastoralen Fragen berücksichtigen müssen." Dann aber ist er wieder schnell ganz bei sich.

Hans-Werner Thönnes, 1953 in Essen geboren, kam zusammen mit dem Bischof ins Amt. "Wir verstehen uns blind", beschreibt er das Verhältnis zum Chef. Auch ohne große Worte sind die Rollen der beiden fest umrissen. Genn steht für die guten Nachrichten, der Vikar mehr für den Rest. Also füllt Thönnes seinen Part nach Kräften aus.

Im bischöflichen Haus wirkt er wie jemand, der sich in der Tür geirrt hat. Von Kardinal Hengsbach zum Priester geweiht, ist er inzwischen zu einem Manager gereift, der ohne großen Anlauf von dem "Produkt Kirche" spricht. Einer, der Kosten trimmt und kaum hinhört, wenn jemand in Bottrop einen Fahrdienst für den Kirchgang fordert. Thönnes, randlose Brille, ein Mann mit Kurzhaarschnitt, der die Zahlen im Kopf hat, der am Ende eines langen Sanierungstages, statt im Herrgottswinkel Zwiesprache mit dem Schöpfer zu halten, freudig joggend durch den Stadtwald keucht.

Vor seiner Verwendung in Essen war Thönnes als Regens am Priesterseminar in Bochum für die Ausbildung zuständig. Die Idee, mit Hilfe einer Werbeagentur dem Priestermangel zu begegnen, kam von ihm: "Wir brauchen keine frommen Jungs. Wir brauchen Priester." Oder: "Wer Licht in die Welt bringen will, wird Elektriker oder Priester." So lauteten die Zeilen der Kreativen auf frohen Postkarten mit lächelnden Jünglingen beim Ballspielen.

Als Folge der Kampagne meldete sich zwar der Verband der Elektriker in Bochum, der begeistert war und sich, "für unsere Mitglieder", ein paar von diesen netten Karten wünschte. Weitere Nachfragen blieben aus. Zurzeit werden in Bochum 22 Priesterkandidaten gezählt, 60 hätten im Hause bequem Platz. Der Generalvikar findet die werbliche Anstrengung trotzdem richtig, es sei "ein Signal" gewesen.

Nach Lage der Dinge sei die Kirche – "Der größte Bremser ist das System" – auf einen neuen Typus von Priester angewiesen. Auf Seelsorger, die verstanden haben, "dass wir nicht mehr die Sicherheit bieten können, die sich viele wünschen". Für einen Augenblick führt der Generalvikar die Hände zusammen wie zu einem Gebet. "Ja", doziert er dann, "Seelsorge wird ein Stück Abenteuer, sie ist nichts mehr für die frommen Jungs."

So drückt er aufs Tempo, ganz so, als sei die Kirche mittlerweile auf dem Weg an die Börse. Eine Synode vor Beginn der Reformen, gar etwas mehr Demokratie? "Nein, diese Zeit haben wir nicht." Was er von seinen Katholiken erwartet, ist "ein schnellerer Blick nach vorn".

Also führen seine Mitarbeiter jeden Tag Buch über die Leistung des Essener Reformmotors. Sie "dokumentieren jeden Schritt", auch zur Anschauung für all die Prokuristen in anderen deutschen Bistümern, die den ganzen Weg noch vor sich haben. Genug Stoff wäre da für "eine Anleitung, wie man es macht". Vielleicht gebe er zu seinem Thema tatsächlich mal was heraus, in ein paar Jahren, dann, wenn es wieder ruhig geworden ist in Essen. "Ein Büchlein" allenfalls, mehr soll es nicht sein.

Die Katholiken im Ruhrbistum führen in diesen Tagen nicht nur wegen der österlichen Fastenzeit ein entsagungsreiches Leben. Erbauung und Trost? Immerhin, es bleibt ihnen die Domschatzkammer, ein ewiger Ort der Ruhe im Schatten des Essener Münsters mitten in der City.

Direkt nebenan, auf der Kettwiger Straße, wurde vor ein paar Tagen in rasender Fahrt ein Nissan Pick-up in ein Juweliergeschäft gesteuert. Jetzt sucht die Polizei nach den Tätern, den Uhren und dem Auto. Von solcher Hektik bekommt man in der Schatzkammer nichts mit.

Die Stiegen führen hinauf und wieder hinunter. Die einzigartigen Kunstschätze der Essener Äbtissinnen, die kleine Krone Kaiser Ottos III., der als Kind schon zum deutschen König wurde, die Armreliquiare und die Pariser Gewandspangen – mit Perlen und Edelsteinen besetzt – funkeln ein bisschen verloren im Raum. Das Kapitelkreuz aus dem 14. Jahrhundert, "Silber vergoldet", unbeachtet und erhaben steht es in der Ecke, nicht weit von der Vitrine mit dem Bischofsring, aus "Gold und Presskohle" von "Kumpel Franz".

Paderborn, eine Schatzkammer ganz anderer Art, gut 150 Kilometer von Essen entfernt: Paderwall heißt die Straße, an der er wohnt. Dritter Stock, Eugen Drewermann bittet hinein in seine "Bücherhöhle", kurz neigt er den Kopf, der Händedruck ist sanft, an die zwanzig Therapiegespräche macht er hier noch immer jede Woche.

Die Bischöfe gegen Drewermann, Drewermann gegen die Bischöfe – viele Katholiken haben den Konflikt gebannt verfolgt, weil darin Zweifel zur Sprache kamen, die sie selbst umtrieben. Er trägt seine Strickjacke, Sandalen mit derben Socken. Noch immer hat er kein Telefon, keinen Kühlschrank und ein Auto auch nicht. Ablenkung hat er sich niemals gestattet. Mit langsamem Schritt geht Drewermann die Regale entlang, in einer Bücherlücke brennt eine rote Lampe aus Salzkristall. "Die finde ich schön", es bleibt an diesem Nachmittag bis auf Weiteres der einzige heitere Satz.

Seit vielen Jahrzehnten hat er als Theologe auf die Fehlentwicklungen in der Kirche hingewiesen, auf das gestörte Verhältnis zwischen den Gläubigen und denen, die man bei Branco in Gelsenkirchen als "das Bodenpersonal Gottes" bezeichnet. Kleriker. Psychogramm eines Ideals heißt sein heiß diskutiertes Buch aus dem Jahre 1989. Viele Priester empfanden es als "Netzbeschmutzung", der Erzbischof von Paderborn entzog ihm die Lehrerlaubnis und erteilte das Predigtverbot. "Ich wurde für verrückt erklärt."

Doch Drewermann schreibt weiter. 15000 Anhänger lesen noch immer jedes neue Werk, "mein Durchlauf", wie es der Autor nennt. Als Gast in Talkshows sagt er seine Meinung, in seinem Wohnzimmer, wo sich auch das Bett befindet, stapeln sich die Kassetten dieser Auftritte zu schwankenden Türmen.

Schon vor 40 Jahren habe er davor gewarnt, neue Kirchen zu bauen, übrigens auch der "albtraumartigen Heizkosten" wegen. "Was wir brauchen, sind Mehrzweckhallen, Räume für Theater, für Begegnungen." Wie er es in Erinnerung hat, "fingen diese Austritte aus der Kirche mit der 68er Generation an. Schon damals drohte der Status der Volkskirche, ihre Betreuung für jedes Dorf, auseinander zu brechen." Einen Moment hält Drewermann inne, es gibt so viel, was sich zur Not der Kirche und der Menschen sagen ließe. Vieles ist kompliziert, die einfachen Worte möchte er finden. "Wenn ein Haus brennt", meint er dann, "dann muss die Feuerwehr kommen, dann hilft keine Gebäudeordnung, die versichert, dass es keine Brände geben kann."

Kierkegaard, Erich Fromm, Wolfgang Borchert, die Bibel – gedankliche Stützen für seine Thesen findet er fast überall. Ganze Passagen aus dem Evangelium, aus Romanen, aus der Lyrik, aus den eigenen Büchern zitiert Drewermann flüssig aus dem Kopf. Schräg hinter ihm, an der Wand des Zimmers, hängt ein metergroßer Kunstdruck, ein Schlachtengemälde. Otto Dix. Furchterregend, eine Apokalypse, ein Weltuntergang. Flandern 14 heißt das Werk, auch das hat er mal interpretiert.

Was macht die Kirche richtig? Die Frage überrascht ihn. "Eigentlich", antwortet Drewermann lächelnd, "hätte sie so viele schöne Bilder zu vermitteln."

Sind die Helden eines jahrzehntelangen Kampfes nun müde geworden? Die Bischöfe rufen McKinsey, und der ewige Rebell ist vor wenigen Monaten, an seinem 65. Geburtstag, aus der Kirche ausgetreten. Eher lakonisch als kämpferisch wiederholt er noch einmal seine alte Diagnose: "Die Hauptmacht der Kirche war ihre Kontrolle über die Schuldgefühle, dies gelingt nicht mehr." Und wenn es nicht nur die Schuldgefühle sind?

Am nächsten Tag berichten die Zeitungen, dass die Diozöse München und Freising für den Besuch des Heiligen Vaters im Herbst fünf Millionen Euro bereitgestellt hat. Bereits nach einem Tag seien für einen Auftritt des Papstes in München 10000 Bestellungen für Platzkarten eingegangen. Die neue Strahlkraft ist nicht zu übersehen. Ist es das, was am Ende der Reformen steht? Bündelung der Kräfte für ein Woodstock der Gläubigen? Kirche als Event?

Allzu schnelle Schlüsse verbieten sich, wie es aussieht. Aus leeren oder gar geschlossenen Kirchen folgt nicht, dass die christlichen Gefühle erloschen wären. Sie lodern hell auf beim Katholikentag, bei den Taizé-Treffen oder wenn der Papst die Jugend nach Kerpen ruft – und genauso sehr, wenn sein Bistum Essen den Gläubigen fast hundert Kirchen vor der Nase zuschlägt, auf immer. Dann erwacht das schlafende religiöse Gefühl. Dann schießt es für einen Moment für ein Ziel mit der Kirche in eins. Dann ist einmal nicht mehr Alltag, Gewohnheit oder Achselzucken.

In Nordrhein-Westfalen ist der deutsche Papst schon gewesen. Einhundert Millionen Euro hat der Weltjugendtag gekostet, ausgerichtet an ganz profaner Stelle, auf einem Braunkohlenfeld bei Kerpen. Es wurde aufgeschüttet, abgetragen und planiert, dann endlich stand der Altar.

Hunderttausende verfolgten den Gottesdienst im Freien, danach fuhren sie nach Hause zurück. Nach Essen, Bochum oder anderswo. Im grünen Pfarrbrief von St. Georg in Gelsenkirchen findet das Ereignis später noch einmal auf Seite 14 links unten Erwähnung. Niemand der Verantwortlichen im Bistum Essen, der von sich aus auf jenes Ereignis im Herbst zu sprechen käme.

Unterdessen hat der Bischof einen Brief nach Gelsenkirchen geschrieben. Er will die Kirche von St. Georg einstweilen weiter mit seinen Steuermitteln unterstützen. Bei Branco sind sie froh. "Ein Sieg." Nach 29 Tagen kann die Mahnwache nun eingestellt werden.

Inge Labsch beugt sich dem Reporter entgegen. Sie habe vor kurzem hier in ihrer Küche einen Film gesehen, Gottes verlassene Häuser oder so ähnlich. Jemand habe darin erzählt, dass man in seiner ehemaligen Kirche nun Teakholzmöbel verkaufe. Es sei eigenartig, aber immer noch machten die Kunden ein Kreuzzeichen, wenn die das Geschäft betreten.

Zu Ende geguckt hat sie die Sendung nicht. Frau Labsch musste weg. Eine Andacht in der Kirche.