Dossier Sag beim Abschied leise AmenSeite 5/5

Seit vielen Jahrzehnten hat er als Theologe auf die Fehlentwicklungen in der Kirche hingewiesen, auf das gestörte Verhältnis zwischen den Gläubigen und denen, die man bei Branco in Gelsenkirchen als »das Bodenpersonal Gottes« bezeichnet. Kleriker. Psychogramm eines Ideals heißt sein heiß diskutiertes Buch aus dem Jahre 1989. Viele Priester empfanden es als »Netzbeschmutzung«, der Erzbischof von Paderborn entzog ihm die Lehrerlaubnis und erteilte das Predigtverbot. »Ich wurde für verrückt erklärt.«

Doch Drewermann schreibt weiter. 15000 Anhänger lesen noch immer jedes neue Werk, »mein Durchlauf«, wie es der Autor nennt. Als Gast in Talkshows sagt er seine Meinung, in seinem Wohnzimmer, wo sich auch das Bett befindet, stapeln sich die Kassetten dieser Auftritte zu schwankenden Türmen.

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Schon vor 40 Jahren habe er davor gewarnt, neue Kirchen zu bauen, übrigens auch der »albtraumartigen Heizkosten« wegen. »Was wir brauchen, sind Mehrzweckhallen, Räume für Theater, für Begegnungen.« Wie er es in Erinnerung hat, »fingen diese Austritte aus der Kirche mit der 68er Generation an. Schon damals drohte der Status der Volkskirche, ihre Betreuung für jedes Dorf, auseinander zu brechen.« Einen Moment hält Drewermann inne, es gibt so viel, was sich zur Not der Kirche und der Menschen sagen ließe. Vieles ist kompliziert, die einfachen Worte möchte er finden. »Wenn ein Haus brennt«, meint er dann, »dann muss die Feuerwehr kommen, dann hilft keine Gebäudeordnung, die versichert, dass es keine Brände geben kann.«

Kierkegaard, Erich Fromm, Wolfgang Borchert, die Bibel – gedankliche Stützen für seine Thesen findet er fast überall. Ganze Passagen aus dem Evangelium, aus Romanen, aus der Lyrik, aus den eigenen Büchern zitiert Drewermann flüssig aus dem Kopf. Schräg hinter ihm, an der Wand des Zimmers, hängt ein metergroßer Kunstdruck, ein Schlachtengemälde. Otto Dix. Furchterregend, eine Apokalypse, ein Weltuntergang. Flandern 14 heißt das Werk, auch das hat er mal interpretiert.

Was macht die Kirche richtig? Die Frage überrascht ihn. »Eigentlich«, antwortet Drewermann lächelnd, »hätte sie so viele schöne Bilder zu vermitteln.«

Sind die Helden eines jahrzehntelangen Kampfes nun müde geworden? Die Bischöfe rufen McKinsey, und der ewige Rebell ist vor wenigen Monaten, an seinem 65. Geburtstag, aus der Kirche ausgetreten. Eher lakonisch als kämpferisch wiederholt er noch einmal seine alte Diagnose: »Die Hauptmacht der Kirche war ihre Kontrolle über die Schuldgefühle, dies gelingt nicht mehr.« Und wenn es nicht nur die Schuldgefühle sind?

Am nächsten Tag berichten die Zeitungen, dass die Diozöse München und Freising für den Besuch des Heiligen Vaters im Herbst fünf Millionen Euro bereitgestellt hat. Bereits nach einem Tag seien für einen Auftritt des Papstes in München 10000 Bestellungen für Platzkarten eingegangen. Die neue Strahlkraft ist nicht zu übersehen. Ist es das, was am Ende der Reformen steht? Bündelung der Kräfte für ein Woodstock der Gläubigen? Kirche als Event?

Allzu schnelle Schlüsse verbieten sich, wie es aussieht. Aus leeren oder gar geschlossenen Kirchen folgt nicht, dass die christlichen Gefühle erloschen wären. Sie lodern hell auf beim Katholikentag, bei den Taizé-Treffen oder wenn der Papst die Jugend nach Kerpen ruft – und genauso sehr, wenn sein Bistum Essen den Gläubigen fast hundert Kirchen vor der Nase zuschlägt, auf immer. Dann erwacht das schlafende religiöse Gefühl. Dann schießt es für einen Moment für ein Ziel mit der Kirche in eins. Dann ist einmal nicht mehr Alltag, Gewohnheit oder Achselzucken.

In Nordrhein-Westfalen ist der deutsche Papst schon gewesen. Einhundert Millionen Euro hat der Weltjugendtag gekostet, ausgerichtet an ganz profaner Stelle, auf einem Braunkohlenfeld bei Kerpen. Es wurde aufgeschüttet, abgetragen und planiert, dann endlich stand der Altar.

Hunderttausende verfolgten den Gottesdienst im Freien, danach fuhren sie nach Hause zurück. Nach Essen, Bochum oder anderswo. Im grünen Pfarrbrief von St. Georg in Gelsenkirchen findet das Ereignis später noch einmal auf Seite 14 links unten Erwähnung. Niemand der Verantwortlichen im Bistum Essen, der von sich aus auf jenes Ereignis im Herbst zu sprechen käme.

Unterdessen hat der Bischof einen Brief nach Gelsenkirchen geschrieben. Er will die Kirche von St. Georg einstweilen weiter mit seinen Steuermitteln unterstützen. Bei Branco sind sie froh. »Ein Sieg.« Nach 29 Tagen kann die Mahnwache nun eingestellt werden.

Inge Labsch beugt sich dem Reporter entgegen. Sie habe vor kurzem hier in ihrer Küche einen Film gesehen, Gottes verlassene Häuser oder so ähnlich. Jemand habe darin erzählt, dass man in seiner ehemaligen Kirche nun Teakholzmöbel verkaufe. Es sei eigenartig, aber immer noch machten die Kunden ein Kreuzzeichen, wenn die das Geschäft betreten.

Zu Ende geguckt hat sie die Sendung nicht. Frau Labsch musste weg. Eine Andacht in der Kirche.

 
Leser-Kommentare
  1. Nein - manche Kirchen sind wohl nicht mehr zu retten: ihr Innenleben sieht aus wie ihre Aussendarstellung: ungepflegt, ohne Kern, ohne Energie, ausgelaugt, fertig. Wer "Kirche" als Organisation im christlichen Religionsbetrieb versteht, der wird insbesondere in Deutschland tatsächlich einen verheerenden Eindruck von Kirche und Kirchlichkeit gewinnen.

    Nun ist Kirche aber zunächst die von Jesus Christus begründete Gemeinschaft derer, die an ihn als den auferstandenen Retter und Erlöser glauben. Diese Kirche braucht nicht gerettet zu werden. Wer meint, den Schöpfer der Welt retten zu müssen, hat nicht wirklich nachgedacht. Diese Kirche verkündet den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus als einzigen Herrn und als den einzigen Weg zu einem sinnvollen Leben. Karl Barth formuliert es in der Barmer Erklärung angesichts der aufziehenden Naziherrschaft so: "Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. ... Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk." Dieser Auftrag gilt für jede Kirche und jede Gemeinde. Daran muss sie sich messen lassen. Eine "Kirche", die diesen Auftrag nicht ausführt, ist tatsächlich nicht mehr zu retten.

    Übrigens: es gibt nicht nur aufgelassene Kirchen, es gibt auch Gemeindeneugründungen und neue Kirchenbauten. Der Bund der freien evangelischen Gemeinden in Deutschland will in 10 Jahren 100 neue Gemeinden gründen. In Bad Schönborn hat die Freie evangelische Gemeinde 2005 ein neues Gemeindezentrum eingeweiht. Kirche, die Jesus Christus verkündet muss nicht gerettet werden, sie lädt ein zu einem sinnerfüllten Leben mit Jetzt-Bezug und Ewigkeits-Perspektive. Weil nicht einmal die Hölle so einer Kirche etwas anhaben kann, braucht sie sich weder zu fürchten noch anzupassen, sondern einfach nur ihren Auftrag ausführen.

    P.S.: Ich lade ZEIT-Redakteure gerne nach Bad Schönborn ein, um einmal andere Kirchen kennen zu lernen. sie sind uns herzlich willkommen. Adresse und e-mail auf unserer homepage: http://bad-schoenborn.feg...

  2. Zu tun und zu erreichen gibt es für die Kirche jede Menge, gerade an der Basis: der Arbeit in der Gemeinde und den Gemeindemitgliedern. Suche nach Sinn und Not gibt es heute wieder genug, das ist schlicht auch ihr Job - und nicht die kräftezehrenden, letztlich schöngeistigen Diskussionen der letzten Jahrzehnte, die den meisten den Glauben genommen haben.

  3. Für sie geht er vordergründig vielleicht zuerst um Geld und Machtverlust. Solange die Kirchenoberen eine der Kernaussagen des Religionsstifters Jesus v. Nazareth, z.B. ’Die Bergpredigt’ als reine Utopie abtun und nicht mehr ernsthaft anstreben verliert sie logischerweise an Anziehungskraft. Auch der Streit zwischen den Konfessionen/Alleinvertretungsanspruch macht sie unglaubwürdig. Bei den heutigen Sorgen und Problemen der Menschen braucht es Hoffnung und Perspektive. Nicht die Drohung mit Tod und Verdammnis.

    Dabei kann uns die eigentliche Lehre Christi den Weg weisen in eine schöne friedvolle Zukunft, in Einheit und Gemeinschaft aller Menschen (alle Menschen die willens sind, ohne Ausgrenzung.)

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  4. Das sicher nicht - aber typisch ist doch dieses: "In Nordrhein-Westfalen ist der deutsche Papst schon gewesen. Einhundert Millionen Euro hat der Weltjugendtag gekostet, ausgerichtet an ganz profaner Stelle, auf einem Braunkohlenfeld bei Kerpen."
    Und wessen Geld war das? Das des Vatikans? Oder der Kölner Erzdiözöse? Nein, es war staatliches Geld, fast ausschließlich. Also überwiegend das Geld von Kirchenfernen, von Freidenkern, Atheisten - und solchen "Gläubigen", die die Kirche nur als Zeremonienmeister nutzen. Menschen also, die ganz andere Vorstellungen von der menschlichen Glückseligkeit haben.
    M.a.W.: die Kirche, welche auch immer, hat sich überlebt, weil sie inhaltsleer geworden ist, sie wird nicht mehr gebraucht. Nein, wirklich nicht? Von den Mächtigen schon - die brauchen immer noch einen Stabilitätsfaktor. Und da ist die Kirche wieder in einer ihrer Lieblingsrollen der Vergangenheit.

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