Aus Politischen Zeitschriften
Israels Lobby und Amerikas Interessen
Nur selten haben Wissenschaftler den Wunsch und den Mut, ein Tabu zu brechen. In den Vereinigten Staaten ist die Bindung an Israel zu einem Tabu geworden. Umso bemerkenswerter ist daher der Artikel The Israel Lobby, den zwei der ersten Namen der Disziplin Internationaler Beziehungen, die Professoren Stephen Walt von Harvard und John Mearsheimer von der Uni Chicago, Ende März bezeichnenderweise nicht in den USA, sondern in der London Review of Books veröffentlicht haben.
Die beiden sind wie weiland der britische Premier Lord Palmerston der Überzeugung, dass Staaten keine Freunde haben, sondern nur Interessen. Deshalb finden sie keine rationale Antwort auf die Frage, warum Amerika sich so eng mit dem Staat Israel verbunden habe, obgleich dies seinen Interessen schade.
Israel sei ein Belastung, wenn die USA in der arabischen Welt als fairer Partner anerkannt werden wollten. Im »Kampf gegen den Terrorismus« habe der Schulterschluss zu einer zusätzlichen Gefährdung Amerikas beigetragen. Die »Schurkenstaaten« im Nahen Osten würden nur deshalb zu einer Bedrohung Amerikas, weil dies seine Sicherheit mit der Israels identifiziere.
Das Argument, Israel habe schon deshalb Anspruch auf den Schutz Amerikas, weil es von Feinden umgeben sei, die Juden den Holocaust erlitten hätten und das Land im Übrigen eine Demokratie sei, vermag die Wissenschaftler nicht zu überzeugen. Zwar gebe es starke moralische Gründe, sich für die Existenz Israels einzusetzen. Aber diese Existenz sei nicht in Gefahr. Israel sei heute »die stärkste Militärmacht im Nahen Osten«. Andere Demokratien erhielten nicht entfernt die gleiche Unterstützung. Und »die tragische Geschichte des jüdischen Volkes verpflichtet die Vereinigten Staaten nicht zur bedingungslosen Unterstützung Israels«.
Warum also leistet Amerika diese Unterstützung dennoch? Walt und Mearsheimer finden die Erklärung anderswo: Wenn Amerika sich mit Israel identifiziere, als sei’s ein Stück von ihm, dann liege der Grund in dem starken Einfluss, den eine lockere Koalition von Personen und Organisationen auf das Denken der amerikanischen politischen Klasse ausübe, um diese auf eine proisraelische Politik festzulegen.
Wie Iran zur größten Bedrohung der USA aufgebauscht wird
Nun kann niemand amerikanischen Juden und ihren christlichen Verbündeten untersagen, auf die Politik ihres Landes einzuwirken, und die Autoren wollen das auch keineswegs. Was die Israel-Lobby jedoch von anderen, weniger mächtigen Interessenvertretungen unterscheide, sei zweierlei: zum einen ihre meist erfolgreichen Versuche, israelkritische Stimmen zu unterbinden. Zum anderen ihr Bestreben, Amerika zu militärischen Maßnahmen zu bewegen, die zwar mancher in Israel, zumal unter den dortigen Falken, für angemessen halten mag, die aber den Interessen der Vereinigten Staaten objektiv entgegenstünden.
Walt und Mearsheimer geben Beispiele. Wie Wahlkämpfer, die es an Israel-Treue fehlen lassen, von der Lobby abgeschossen werden. Wie ehemalige Mitarbeiter proisraelischer Interessenverbände in hohen Regierungsämtern die Nahostpolitik des Landes mitprägen. Wie selbst zaghafte Versuche amerikanischer Regierungen, auf Israel Druck auszuüben, durch die erfolgreiche Mobilisierung proisraelischer Stimmen im US-Kongress blockiert werden.
Den Irak-Krieg führen sie zurück auf die Koalition von Israel-Lobby und Neokonservativen, die oft über enge Beziehungen zu Israel verfügen. Und sie beobachten mit wachsender Besorgnis, wie dieselbe Koalition heute Iran zur größten Bedrohung Amerikas aufbauscht: »Die atomaren Ambitionen des Irans stellen keine unmittelbare Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar. Wenn Washington eine atomare Sowjetunion, ein atomares China und selbst ein atomares Nord-Korea ertragen kann, dann kann es auch mit einem atomaren Iran leben.«
Man kann über viele dieser Thesen streiten, und das ist es auch, was die beiden Autoren anstreben: eine »offenere Debatte über die Interessen Amerikas«. Ob ihnen das allerdings gelingen wird, ist zurzeit wenig wahrscheinlich. Bisher haben sie zu Hause nur dreierlei geerntet: publizistisches Wegschauen, den wohlfeilen Vorwurf des Antisemitismus und den opportunistischen wissenschaftlicher Schludrigkeit. Es ist eben auch in Amerika nicht mehr so einfach, ein Tabu herauszufordern.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
- Kommentare 11
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Die Autoren von "The Israel Lobby", Mearsheimer und Walt sagen ziemlich zu Anfang ihres Papiers, daß Israels Konzeption als "jüdischer Staat" zentralen amerikanischen Werten widerspreche. Israeli kann man nur werden (bei der Einwanderung), wenn man jüdischer Abstammung ist. Das widerspricht natürlich der amerikanischen Idee die sagt:
`e pluribus unum` - jeder kann Amerikaner werden. Israels Idee ist aber:`Wir sind die Kinder Israels/Jakobs`, und wir kehren zurück ins Land unserer biblischen Väter. Das israelische Einwanderungsgesetz nennt sich "Law of Return" (Rückkehrgesetz)- das sagt alles.
Klaus Bloemker
Ich sollte noch hinzufügen, daß man nach dem Law of Return nicht nur dann automatisch Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft hat, wenn man aufgrund seiner Abstammung geborener Jude ist, sondern auch dann, wenn man zum Judentum konvertiert ist. Andererseits bekommt man die Staatsbürgerschaft nicht, wenn man - obwohl als Jude geboren - eine andere Konfession angenommen hat. Das entspricht der Logik Israels als "jüdischer Staat, ist allerdings "at odds with core American values", wie Mearsheimer und Walt schreiben.
Diese Kritik geht an den Kern des jüdisch-israelischen Selbstverständnisses und hat daher einige Israel-Fans unter den amerikanischen Juden wie Stephen Walts Harvard Kollegen (und O.J.Simpson Verteidiger) Alan Dershowitz besonders in Rage gebracht. "Trash" hat er das Paper genannt.
Klaus Bloemker
Frankfurt am Main
Warum wurde mein Kommentar "der Esel des Messias" nach mehreren Tagen gelöscht? War das vielleicht der Einfuß der `Israel Lobby` auf Die Zeit - eine Lobby, die versucht, die öffentliche Debatte über Israel zu kontrollieren, wie Mearsheimer und Walt in ihrem Paper schreiben? Glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr hier handelt es sich um eine `Lobby`, die im Herzen von sagen wir 2/3 aller Juden existiert, deren Identität untrennbar mit Israel verbunden ist und die daher reflexhaft auf jeden Angriff auf die raison d`etre Israels reagieren. Irgend jemand muß sich beschwert haben. Aber warum hat der- diejenige nicht in freier Debatte etwas geantwortet?
Ich hatte geschrieben (ich zitiere aus dem Gedächtnis):
"Der Zionismus ist mal sekular angetreten zur `Lösung der Judenfrage`, nun ist er zum "Esel des Messias" geworden: zur ERLÖSUNG der Juden. Good luck!"
Das klingt natürlich etwas blasphemisch:`Alles Gute Ihr messianischen Israelis bei der Erlösung Eures Volke und Heiligen Landes.` Na und?
Der Westen regt sich über die Aufregung der Muslime über die Mohammed-Karrikaturen auf. Aber löscht mein Post, in dem ich mich über den jüdisch-israelischen Messianismus lustig mache. So lustig ist dieser Messianismus allerdings leider nicht.
Nochmal zur Sache. Ich habe praktisch nur (indirekt) zitiert aus: Seffi Rachlevsky, Der Esel des Messias, Tel Aviv, 1998. Er beschreibt den Aufstieg des messianischen Fundamentalismus in Israel, der den Zionismus als den weltlichen Arm Gottes sieht (der Esel auf dem der Messias kommen wird), durch den sich der göttliche Wille und die Erlösung des jüdischen Volkes vollzieht.
Man muß hier wissen - wie ich in meinem gelöschten Kommentar geschrieben habe - der Esel ist ein heiliges Tier im Judentum. Der Messias kann nur auf einem Esel kommen. Daher ritt Jesus ja auch auf einem Esel zum Passafest in Jerusamelem ein. Und hier noch was: Der Name "Yahwe" ist wahrscheinlich abgeleitet vom Eselschrei.
Alles Gute an Die Zeit`! Der Artikel zur `Lobby` ist gut!
Klaus Bloemker
Frankfurt am Main
Ein New York Times Opinion Artikel von heute, von Tony Judt, erwähnt den Zeit-Artikel hier positiv. Er sagt, Christoph Bertram habe richtig gesagt: `Es ist selten (in Amerika), Wissenschaftler zu finden, mit dem Wunsch und dem Mut, ein Tabu (wie das der Israel Lobby) zu brechen`.
Tony Judt fragt sich, woher das kommt. Diese Lobby ist natürlich das, was Mearsheimer/Walt den sprichwörtlichen "Elephant im Raum" nennen, den jeder sieht. Aber keiner sagt: `Da steht ein Elephant`. Warum schweigt man über den Elephanten?
Tony Judts Antwort ist: Angst (fear), die Angst, als Antisemit dazustehen oder dem Antisemitismus ("jüdische Verschwörung"), Vorschub zu leisten.
Ich glaube, Angst ist in der Tat das zentrale Motiv, sowohl bei Nicht-Juden wie bei Juden. Die Nicht-Juden haben Angst vor dem Antisemitismusvorwurf und die Juden haben Angst vor dem Antisemitismus. Aber es sind zwei verschiedene Formen von Angst. Die Nicht-Juden haben "fear", die Juden aber Angst (auch engl."angst"). Angst/fear ist unser gemeinsame Nenner des Schweigens.
Klaus Bloemker
Frankfurt am Main
P.S.
Man muß nochmal sagen, verglichen mit dem Schrott, den z.B. Spiegel-online und der Berliner Tagesspigel zur `Israel Lobby` geschrieben haben ... war Die Zeit hier wirklich professionell.
Richard Cohen sagt in der WP vom 25.4.2006: "mein Freund Joseph Joffe hat dringend einen kalten Wickel nötig" (für seine Behauptung, das Mearheimer/Walt Papier stelle die `Protokolle der Weisen von Zion`in den Schatten. - Joffe in The New Republic.)
Da hat er recht. Ich glaube, ich hatte Die Zeit zu früh gelobt. Joffes Artikel ist im übrigen nichts mehr als ein braver high-school Besinnungsaufsatz zu dem Thema: `Warum wir alle treue Amerikaner sind`.
Im übrigen, Joffes Artikel wäre in Deutschland nicht politisch korrekt. Er sagt, egal ob du Ukrainer, Engländer, Jude oder Deutscher bist (von der Ethnie)- alle sind ersteinmal treue Amerikaner.
In Deutschland sollte man Juden nicht in eine Linie mit anderen Ethnien bringen: Kurden, Juden, Kroaten etc.
Politisch korrekt ist zu sagen: Muslime, Juden, Katholiken etc. Andernfalls ist man möglicherweise Rassist.
Klaus Bloemker
Frankfurt am Main
P.S.
Merkwürdig, daß sich hier niemand außer mir zu dem Thema äußert. Immerhin hat auch bei uns die `Lobby` (Salomon Korn` vom Zentralrat der Juden) versucht, die Veröffentlichung von Norman Finkelsteins Buch `Die Holocaust Industrie (Piper Verlag) zu verhindern.
In seinem Bericht über Stephen Walt und John Mearsheimers intellektuellen Amoklauf in der London Review of Books (Israels Lobby und Amerikas Interessen, Zeit, 12.4.06) scheint Christoph Bertram am meisten beeindruckt von dem Mut, ein Tabu zu brechen. Ich musste daran denken, wie ich einmal bei einem Spaziergang in einem tirolischen Dorf eine Tafel für die tapferen gefallenen Söhne des Dorfs im zweiten Weltkrieg sah, auf der stand: viel Feind, viel Ehr. Allerdings ist neben seinen unkritischen Betrachtungen über die haarstäubende Logik und einseitige Polemik der Verfasser des Artikels The Isreal Lobby die Behauptung von Herrn Bertram, dieser mutige Tabubruch habe leider statt einer offenen Debatte über die Interessen Amerikas nur dreierlei geerntet: publizistisches Wegschauen, den wohlfeilen Vorwurf des Antisemitismus und den opportunistischen wissenschaftlicher Schludrigkeit. Vielleicht kann Herr Bertram nicht gut genug Englisch, um die Antworten auf den Artikel (zum Teil von Kollegen der Verfasser), die die London Review of Books auf ihre Internetseite druckt, als publiszistische Reaktionen zu vertehen. Interessierte Leser sei unter anderem auf den Link http://www.lrb.co.uk/v28/... verwiesen. Welche seiner bodenlosen Unterstellungen und polemischen Feindbilder sieht Herr Bertram in der im am 5. April im Washington Post erschienenen Antwort von Eliot Cohen erfüllt? Ein publizistisches Wegschauen kann man sie jedenfalls nicht nennen. Vielleicht soll dieser wie andere Kritiker diskreditiert werden als einer der vielen unsichtbaren Drahtzieher, die aus Loyalitätskonflikten heraus die Politik der armen Vereinigten Staaten von ihren eigentlichen Interessen abbringt. Wenn Herr Bertram besser Englisch könnte, müsste ihm auch klar sein, dass das Großschreiben der Lobby in dem ursprünglichen Artikel von Walt und Mearsheimer nur deshalb benutzt wird, um ein Feinbild zu stärken und abzugrenzen. Hier kann die Rede nicht von irgendeiner sachlichen Darstellung sein. Ich will nicht beginnen, über die persönlichen oder professionellen Motive Herrn Bertrams, die sachlich leeren und in langen perfiden Traditionen gewurzelten Tiraden Herrn Walts und Herrn Mearsheimers zu bewundern, zu mutmaßen. Derlei Unterstellungen im Sinne von ich verstehe nicht, warum sie so handeln, also müssen sie dies aus mir feindlichen Motiven heraus tun, wie sie die Basis des ursprünglichen Artikels bilden, helfen nie, einen konstruktiven Dialog zu fördern. Auf jeden Fall verdienen die Zeit-Leser differenziertere Berichterstattung.
Der Leser wifo erwähnt einen Artikel von Eliot Cohen (Professor an der Johns Hopkins University, Baltimore) in der Washington Post zu Mearsheimer/Walt. Cohen sagt: "Yes, it`s anti-Semitic." Fragen wir mal:
Wadurch wird Kritik an Israel bzw. ihrer Lobby antisemitisch?
Wodurch wurde früher Kritik an der Sowjetunion und ihrer westlichen Lobby antikommunistische Kritik? Natürlich konnte man eine konkrete XY-Politik der Sowjetunion kritisieren. Das war okay.
Aber wehe, jemand griff die ideologische Basis an: den historischen Materialismus oder Lenins Avangarde-Theorie des Proletariats. Dann war man ein `antikommunistischer dumpfer Bildzeitungsleser`.
Same thing heute mit `anti-Semitic`.
Klaus Bloemker
Frankfurt am Main
Wer sich in den letzten Jahren kein umfassendes Bild über einseitige und unkritische Berichterstattung über die USA und Israel machen konnte, dem seien folgende Links an's Herz gelegt:
http://www.smh.com.au/art...
http://www.fitug.de/debat...
Dort steht, daß Journalisten des Springer-Verlages den Staat Israel zu unterstützen haben und seit 9/11 ein Passus in die Arbeitsverträge eingefügt ist, demzufolge Solidarität mit den USA zu üben sei.
Nun kann man dem Springer-Verlag einiges vorwerfen, aber wenigstens weiß jeder, wo er dran ist.
Die selben Klauseln kommen, ungeschrieben, in der überwiegenden Mehrheit der deutschen Medien auch zum Tragen.
Das Leben eines Palästinensers oder Irakers scheint dort weinger wertvoll zu sein als ein amerikanisches oder israelisches.
Ob dies dem Einfluß von Lobbies oder vorauseilendem Gehorsam im Sinne der Vermeidung von Antisemitismusvorwürfen ist, sei dahingestellt.
Als mündiger Mensch, vor allem als veranwortungsvoller Journalist, sollte sich niemand nehmen lassen, die Fakten so zu beschreiben, wie sie sind. Aber, schönen Gruß von der Reflex-Gesellschaft, das könnte Antiamerikanismus oder gar Antisemitismus sein...
Gelangweilt von stereotypen Entkräftungsversuchen der Zeit und mit Gruß aus Bilderberg,
Ihr Prinz Bernhard
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