Oliver Kahn Die Angst des TorwartsSeite 3/3
Ein Jahr später, in den vergangenen Tagen, trug Oliver Kahn auffallend häufig eine schwarze Baseballkappe. Sie beschattete sein Gesicht, war Schutz und Statement – »Kahn« war darauf gestickt und die »1«, als sei das ein Fakt, eine Symbiose. Ottmar Hitzfeld, der Kahn beim FC Bayern sechs Jahre lang trainiert hat, sagt heute: »Kahn war immer die Nummer eins. Er ist es nicht gewohnt, infrage gestellt zu werden. Deshalb war in diesem Zweikampf die psychologische Ausgangsposition nur für ihn schwierig.« Druckte ein Fußballmagazin ein Bild der Nationalmannschaft, nahm es bis zuletzt eines mit Kahn und nicht mit Lehmann. Malte ein Kind die deutsche Elf, zeichnete es im Tor ein blondes Wesen. »Kahn« war das Original, war tatsächlich Synonym für »Nummer 1« – umso unfassbarer muss für ihn sein, was jetzt geschah. Allein dass es Umfragen gab, die »Kahn oder Lehmann?« fragten. Und dass diese Umfragen nun kippten. In der Politik heißt so etwas Erdrutsch oder Dammbruch. Kahn konnte nicht so schnell reagieren, wie die Stimmung umschlug. Da reichten auch seine Reflexe nicht.
Dieser Monolith von Torwart wirkte plötzlich gestrig. Die Welt ist nicht mehr so eindeutig, wie Kahn sie in seinem Fall noch immer gern hätte. In Zeiten des Sowohl-als-auch, der Reform der Rechtschreibreform, der Großen Koalition der kleinen Schritte wirkte Kahn am Ende fast wie ein alter Alleinherrscher, dessen Palast schon umstellt ist, der aber Durchhalteparolen aus dem Fenster ruft, wenn er bis zuletzt auf seiner Homepage mitteilte: »Keine Diskussion, ich bin die Nummer eins.«
Kahns Auftritt im Internet ist eine der Fassaden, hinter die der Torwart sich zurückgezogen hatte, schon bevor die Entscheidung fiel. Wer www.oliver-kahn.de aufruft, wird mit »Erfolgsregeln« begrüßt, zum Beispiel mit der »No. 9 – Fehler dienen dazu, sich weiterzuentwickeln, Perfektion als Prozess zu begreifen«. Man kann auch T-Shirts bestellen. Die Motive zeigen immer wieder Kahns Gesicht. Es ist das Gesicht eines grimmigen Fußballritters. Selbstdarstellung und öffentliche Wahrnehmung sind dabei erstaunlich deckungsgleich: Wenn man sich Kahn vor Augen führt, fallen einem zuerst das Kinn ein, der Kiefer und die Stirn, all die Macht- und Abwehrsignale, die ein Gesicht zu bieten hat. Aber wo sind die Augen? Da sind nur Sehschlitze.
Es gab eine Zeit, in der Kahn versucht hat, seinen Panzer abzulegen. Das war die Phase, in der er sich ungefährdet fühlte, nach 2002. Er schrieb ein Buch, dass zwar den absolutistischen Titel Nummer eins trug, in dem aber auch von »Angst« die Rede war. Über seinen Ehrgeiz schrieb er: »Die Gefahr ist, dass Besessenheit einen Prozess der Selbstzerstörung einleitet. Oft ist er ziemlich weit fortgeschritten, bis man ihn wahrnimmt.« Der Süddeutschen Zeitung sagte er damals: »Ich wollte ein paar Erfahrungen niederschreiben, und mir war wichtig, dass die Menschen vielleicht sehen: ›Aha, der Oliver Kahn hat noch ein paar andere Facetten.‹ Anstatt immer nur den Kahn, der mit offenem Mund im Tor steht, brüllt und seine Kollegen würgt.« Der Zeit antwortete er in jenen Jahren auf die Frage, ob er auch mal grundlos glücklich sei: »Da bin ich auf der Suche.«
Kahn war immer Darwinist – jetzt ist er erstmals in der Rolle des Opfers
Zuletzt war er wieder der Kahn, der mit offenem Mund im Tor steht und brüllt. Die Frage ist, ob Kahn besser beraten gewesen wäre, sich nicht derart zu stilisieren, oder ob Jürgen Klinsmann ihn bewusst in eine no win- Situation gebracht hat: Präsentierte sich Kahn als der Fehlerlose, würde ihm trotzdem irgendwann ein Fehler unterlaufen, der dann umso schwerer wöge. Gäbe Kahn sich indes nicht ganz verbissen, könnte es heißen, er nähme die Situation nicht ernst. Jedenfalls hat der Bundestrainer in Kauf genommen, einen von zwei guten Torleuten zu demontieren. Er hat vor den Augen des Fußballvolks ein großes Drama eröffnet, bei dem von vornherein klar war, dass einer der beiden Kontrahenten verlieren würde – über das sportliche Maß hinaus. Ottmar Hitzfeld, unter dem Kahn seine besten Jahre hatte, sagt, er habe »eine andere Philosophie als Klinsmann. Der Druck, der auf einem Torwart lastet, ist ohnehin immens. Meine Philosophie war deshalb immer, den Torwart zu stärken.«
Natürlich ist Kahn in diesem Spiel nicht nur das Opfer. Er hatte, anders als Lehmann, die starke, laute Lobby des FC Bayern hinter sich und mit ihr die Bild- Zeitung, die jüngst bedauernd feststellte, wie viele Werbegagen Kahn entgangen seien, seit seine Position im Tor infrage stehe. Das Blatt servierte Klinsmann quasi die Rechnung.
Dabei hätte der frühe Kahn mit dem späten Kahn wohl kein Mitleid gehabt. Es gibt eine Aufzeichnung des Sportstudios im ZDF vom 10. November 1990 – das war der Tag, an dem die Karriere des Oliver Kahn begann. Sein damaliger Verein, der Karlsruher SC, spielte gegen den VfL Bochum, und Karlsruhes Torwart Alexander Famulla griff in der ersten Halbzeit zweimal daneben. Beim Stand von 1:1 kam ein Fernschuss von halbrechts, Famulla ließ ihn unerklärlicherweise durch. 1:2 zur Halbzeit, der Trainer wechselte Kahn ein, Famulla verließ noch während des Spiels das Stadion. In der ZDF-Aufzeichnung fragt ein Reporter den 21 Jahre alten Kahn, ob er sich vor dem Spiel habe vorstellen können, dass er nachher die neue »Nummer eins« sei. Kahn blickt auch damals schon ins Nichts und sagt: »Ja gut, wenn ich überlege, gestern hätte ich mir das durchaus vorstellen können, weil ich bis gestern eigentlich damit gerechnet habe, dass ich heut’ von Anfang an spiele.« Der Reporter fragt nach, wie es sich anfühle, wenn man durch das Leid des Konkurrenten in eine neue Rolle gerate. »Ja gut«, sagt Kahn, »ist sicherlich richtig, wir sind alle Kollegen, und das tut einem dann schon ein bisschen leid, aber das ist halt mal so in dem Geschäft.«
Kahns Mitspieler Stefan Wimmer, dritter Torwart beim KSC, hat dem Spiegel einmal erzählt, Famulla habe mit Kahn nicht auf einem Zimmer schlafen wollen. »Der hatte Angst, dass er ihm nachts das Kopfkissen aufs Gesicht drückt. Olli hat jeden, der Handschuhe anhatte, als Feind betrachtet.« Ein paar Jahre später sagte Kahn über Famulla: »Er hat am Ende die Nerven verloren.«
Solange Kahn sicher war, zu siegen, hat er Fußball nach den Regeln des Darwinismus gelebt. Jetzt muss er erfahren, welche Freude es den anderen bereitet, diese Regeln auf ihn anzuwenden: Immer wieder zeigt das Fernsehen seinen Fehlgriff gegen Köln – übrigens in der ersten Halbzeit, beim Stand von 1:1, ein Fernschuss von halbrechts, und Kahn lässt ihn unerklärlicherweise durch. 1:2, der Trainer wechselt Kahn zur Halbzeit aus, der verlässt noch während des Spiels das Stadion.
Wenn man Oliver Kahn dieser Tage im Fernsehen sieht, ist es, als wölbe sich seine Stirn langsam über sein Gesicht. Als schließe sich da ein Visier. »Der Olli braucht jetzt ein intaktes Umfeld«, sagt Winfried Schäfer, sein Mentor, der vor 16 Jahren Famulla zur Halbzeit aus- und Kahn einwechselte, »er braucht jetzt einen, der ihm ein neues Ziel gibt.« Vielleicht fährt er auch deswegen mit zur WM.
Vor einem Jahr, in Grünwald, schlenderte Kahn zu seinem Auto, langsam und entspannt. So kannte man ihn nicht. Zum Schluss hatte er noch erzählt, wie er sich das Ende seiner Karriere vorstelle, wann auch immer, warum auch immer.
ZEIT: Wie werden Sie ohne Ihren Sport leben können – ausgerechnet Sie, der Sie Ihren Körper über Jahre in Adrenalin gebadet haben?
Kahn: …
Um diese Antwort ist es besonders schade. Aber man würde sich freuen für Oliver Kahn, sollte er sie wahr werden lassen.
- Datum 12.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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Das Geheimnis kann man lüften, denn im Werdegang seiner Homepage steht: "Nach seiner Karriere hat der Mann, den sie nun "Torwart-Titan" nannten, den großen Wunsch, von Sizilien aus ziellos im Mittelmeer umher zuschippern."
Hoert sich doch gut an.
Meines Wissens wird die Darwinistische Regel "Survival of the fittest" immer mißverständlich als das "Überleben des Stärkeren" übersetzt. Diese Übersetzung ist aber falsch. Nach Darwin überleben diejenigen, die an ihre Umwelt am besten angepaßt sind.
Oliver Kahn ist mit Sicherheit kein Opportunist, aber spätestens seit Montag kann er sich mit gutem Recht als Darwinist bezeichnen.
Zur Ehrenrettung sei außerdem darauf hingewiesen, daß der Fehler im Endspiel 2002 statistisch gesehen unvermeidlich war. Eine Mannschaft, die sich nur auf ihren Torwart verläßt (Michael Ballack war gesperrt) strapaziert die Wahrscheinlichkeitsrechnung über alle Maßen, wenn sie von ihrem Torwart über 90 Minuten fehlerloses Handeln erwartet. Es sei denn, der Torwart ist ein Roboter. Dann tritt der Fehler später auf.
korfstroem
Klinsmann hat sich s.Z auf Kosten von Kahn mit dessen Degradierung zur Nummer zwei selbst hochstilisiert. Das ist ihm damals gelungen, und am Schluß hatte er das Glück, daß Lehmann einen entscheidenen Elfer gegen Argentinien gehalten hat (man erinnere sich an die Geschichte mit dem Zettel) und Deutschland (auch dank Löw) dann bei der WM Dritter geworden ist.
Auf Dauer hat Klinsmann aber Kahn nicht besiegen, sondern nur sich selbst demontieren können. Heute ist bereits jedem Zehnjährigen klar, daß Klinsmann vielleicht ein Motivator (wie Maradona), aber kein Fußballlehrer ist, man es bei ihm mit einem Ahnungslosen zu tun hat. Beim FC Bayern ist Klinsmann so total gescheitert, daß er noch nicht einmal bei einem Zweitligaverein als Trainer in Frage kam. Bei der WM hat jetzt irgendein Fernsehsender ihn als Ko-Kommentator mitreden lassen; seine Äußerungen waren wenig hilfreich für das Spielgeschehen und sein Auftritt insgesamt einfach nur peinlich. Man wundert sich, daß Klinsmann sich überhaupt noch in die Öffentlichkeit traut.
Und um den "besseren" Torwart Lehmann ist es auch merklich still geworden. Kein Schwein grunzt mehr nach ihm.
Kahn aber ist immer noch in. Jetzt beim ZDF mit Frau Müller-Hohenstein, ansonsten weltweit (insbesondere asiatische Länder) eingedeckt mit Werbeverträgen.
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