Spanien In Gottes Namen
Santo Toribio in Kantabrien hütet den größten Splitter vom Kreuz Christi
Der Pfarrer von Potes ist jung, um die dreißig. Er stammt aus einem winzigen nordspanischen Bergdorf, seine Eltern sind Bauern. Aber er weiß doch, wie man mit dem Internet umgeht. Also ist Padre Elias vor ein paar Monaten auf Beutezug durchs Netz gegangen und hat ein Schnäppchen gemacht, im oberen fünfstelligen Euro-Segment. Die Ware wurde aus Deutschland auf einem 40-Tonnen-Truck angeliefert, der eine halbe Ewigkeit für die enge, zwanzig Kilometer lange Straße durch die Schlucht von La Hermida hinauf ins Tal von Liébana brauchte. Und dann dauerte es noch einmal zwei Monate, bis alle Einzelteile des neu erworbenen Instruments wieder zusammengesetzt waren. Doch nun ragt die hölzerne Barockorgel, Baujahr 1961, acht Meter hoch ins Kirchenschiff von Potes auf. Die Versöhnungskirche in Düsseldorf-Flingern, ihre erste Heimat, steht vor dem Abriss. In Kantabrien, am Fuße der Picos de Europa, sieht die Orgel dagegen einer besseren Zukunft entgegen.
Nicht nur der Pfarrer ist stolz, auch die beiden deutschen Orgelbauer. Gerade haben sie ein bisschen in die Tasten gehauen, für eine letzte Probe der gut 2000 Pfeifen. »Klingt angenehm üppig«, sagt Michael Reininghaus, ein bäriger Kerl im Blaumann, »wenn da der Wind richtig durchknallt, dann schnallen Sie ab.« Padre Elias genießt schon seit ein paar Wochen den Anblick der Dörfler, die neugierig seine Kirche umschleichen, als berge sie etwas Unerhörtes. Manche, denen der Gottesdienst nur noch wenig galt, werden nun doch einmal wieder vorbeischauen. Ohne Zweifel: Potes, die zentrale Gemeinde des Liébana-Tals, hat ein neues Glanzstück. Und es ist zur rechten Zeit eingetroffen. Noch in diesem Monat nämlich, am 23. April, wird gleich nebenan, nur drei Kilometer außerhalb des Ortes, ein Heiliges Jahr eingeläutet. Denn im Kloster Santo Toribio de Liébana befindet sich der Überlieferung zufolge das größte erhaltene Stück vom Kreuze Christi, das Bischof Toribius im 5.Jahrhundert von Jerusalem nach Spanien überführte. Deshalb hat der Papst dem Kloster bereits im Jahr 1512 das Privileg zugesprochen, neben Rom, Jerusalem und Santiago de Compostela »Heilige Jahre« auszurufen – und zwar immer dann, wenn der Geburtstag des heiligen Toribius auf einen Sonntag fällt. Das ist nun wieder einmal der Fall, das erste Mal seit 2000. Damals feierten auch Rom und Santiago, in diesem Jahr aber tritt Santo Toribio konkurrenzlos an. Die Besuchererwartungen sind entsprechend hoch: Es wird mit eineinhalb Millionen »Pilgern« bis zum nächsten April gerechnet.
Doch das Tal von Liébana ist nicht nur ein Fluchtpunkt des Christentums, sondern überhaupt ein zauberhafter Fleck von Spanien. Womöglich trug das einst dazu bei, dass hier rundherum zahlreiche kleine Klöster gegründet wurden. Die sind, bis auf Santo Toribio, längst wieder geschlossen und verfallen. Das Land ist allerdings so geblieben, wie es immer war: nach allen Seiten hin abgeschirmt von Bergen, sehr fruchtbar, fantastisch grün und umstellt von einer großartigen Felsenkulisse. Nur knappe 40 Kilometer nördlich schlägt der Atlantik an die kantabrische Küste. Aber die Küstenregion ist eine andere Welt. Mit ihr ist Liébana nur durch jene schmale Straße verbunden, die dem Rio Deva folgt, mit enormen Kalksteinwänden rechts und links der kurvenreichen Strecke. Wer einmal dort hindurchgefahren und im Tal angekommen ist, der fühlt sich wie am Ende eines langen Tunnels: Man hat eine Enklave erreicht.
Tatsächlich lebten die Lebaniegos lange selbstgenügsam. Und ein Stück dieser traditionellen Selbstversorgung, der Käse, ist mittlerweile zum regionalen Vorzeigeprodukt geworden. Im Tal gibt es gleich zwei Denominaciones de Origen (D. O.), geschützte Herkunftsbezeichnungen für die lokalen Spezialitäten. Eine verblichene, rissige Holztafel, lose mit einem Stück Draht an den nächsten Strommast geknüpft, weist auf die winzige Käserei in Tanarrio hin. Der Ort liegt schräg an einem saftig grünen Hang, sein gutes Dutzend rustikaler Häuser scheint eher über- als nebeneinander zu stehen. Dort stellen Trinidad Besoy und ihr Vater Ricardo den so genannten Quesuco de Liébana her, kleine, knuffige Laibe von weniger als einem Kilo, aus Kuh- und Schafsmilch.
Ricardo Besoy ist ein ganz alter Hase im Käsegeschäft, denn schon als Vierjähriger zog er mit seinem Vater und dessen Schafherde das erste Mal hinauf zu den Puertos, auf die Sommerweiden in 1600 Meter Höhe. Natürlich entsprach die damalige Herstellung in freier Flur nicht den heute geltenden EU-Richtlinien. Mittlerweile sind die Besoys längst auf Kacheln und Chromwannen verpflichtet. Und der 68-jährige Ricardo möchte zwar nichts gegen die eigenen, frischen Quesucos sagen – aber irgendwie kamen ihm die damaligen Rohmilchlaibe doch satter vor im Geschmack. »Die Viehzucht mit kleiner, familiärer Herde – das geht zu Ende«, sagt Besoy. »Mit dem Käse kommen wir über die Runden, weil die Touristen ihn kaufen. Die werden noch dafür sorgen, dass unsere Dörfer nicht aussterben.«
In Tanarrio und anderen Kleinstorten der Gegend wird die Einwohnerzahl anhand von casas abiertas ausgedrückt, den offenen Häusern. Solange ein Haus »offen« steht, lebt jemand darin. In Tanarrio gibt es fünf offene Häuser, in zweien davon wohnen Junggesellen um die 60. Und es gibt eine kleine Kapelle. Alle zwei Wochen kommt einer der fünf Franziskaner-Brüder aus Santo Toribio heraufgefahren und hält eine Messe. Wann immer es geht, besucht auch Ricardo Besoy den Gottesdienst: »Die Teilnahme ist umsonst, und schaden tut’s bestimmt nicht. Das ist heutzutage schon eine Menge wert.«
- Datum 12.04.2006 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren