Spanien In Gottes NamenSeite 2/2

Die Franziskaner aus Santo Toribio sind an eine etwas hemdsärmelige Haltung im Umgang mit der Glaubenspraxis gewöhnt. Schließlich haben sie es täglich mit mehreren Bussen organisierter Klosterbesucher zu tun, auch außerhalb des Heiligen Jahres. Und die meisten »Pilger« machen einfach nur einen Ausflug; nur wenige widmen sich ernsthaft der Andacht. Fragt man Bruder Jesús nach dem zu erwartenden Andrang, dann grinst er großmütig und sagt: »Es wird ziemlich voll werden. Aber demnächst trifft Verstärkung in Form von moderner Technik ein.« Jesús, Anfang 50, trägt einen Trainingsanzug von adidas und scheint das Jahr, das ihm bevorsteht, auch als körperliche Herausforderung zu sehen. »In Kürze installieren wir eine Ringschaltung von Fernsehmonitoren. Dann kann der tägliche Gottesdienst auch von Pilgern verfolgt werden, die draußen auf dem Hof oder im Kreuzgang zurückbleiben mussten.« Während des Gesprächs in der Sakristei kommt kurz Bruder Juan Mari herein und holt das Lignum Crucis aus dem Tresor, um es einer Schulklasse zu erläutern. Das verehrte Stück Holz steckt hinter Glas und ist eingelassen in ein kreuzförmiges Reliquiar aus Silber. An dessen unterem Ende befindet sich eine offene Stelle, für diejenigen, die den direkten Kontakt zur Reliquie suchen.

Deren letzte »Prüfung« geht übrigens – so steht es geschrieben – auf das Jahr 1958 zurück, als in Santo Toribio nur ein einzelner Priester lebte. Damals war die Klosteranlage aus dem 13. Jahrhundert komplett heruntergekommen. Der Priester, im Volksmund Don Desi genannt, wollte der vernachlässigten Reliquie zu neuer Ehre verhelfen. Er schickte einen Splitter abgewetzten Holzes in ein Madrider Forschungsinstitut und erhielt folgenden Befund: nordspanisches Pflaumenholz, keine hundert Jahre alt. Also beschloss er, dem Institut zu vertrauen. Nun erst löste er wirklich einen Splitter vom Lignum Crucis. Der zweite Befund lautete: libanesische Zypresse, mehr als 2000 Jahre alt. Drei Jahre später, 1961, übernahm der Franziskaner-Orden die Anlage, um sie als Wallfahrtsstätte wiederzubeleben. Seitdem geht es bergauf.

Einen so regen Pilgerbetrieb wie in Santiago gibt es in Liébana bisher nicht, obwohl gleich drei verschiedene Routen aufs Kloster zuführen. Die Spanier tun sich allerdings schwer mit freiwilligen Märschen. Natürlich wurde früher sehr viel zu Fuß gegangen. Die Bauern hatten gar keine andere Wahl. Doch heute muss es nicht mehr sein. Mittlerweile gibt es Straßen und Allradautos. Seitdem wird auch der felsige Zickzackweg, der sich vom Rio Deva aus über 800 Höhenmeter hinaufschlängelt nach Tresviso, fast nur noch von Wanderern benutzt. Wer oben im steinernen Dorf angekommen ist, der kann im Gasthaus von Javier und Miguel Campo ein kleines Poster erwerben, auf dem der gesamte Zickzack abgebildet ist. Es fehlt eigentlich nur noch der Slogan: »I did it!«

Tresviso ist einer der drei Orte, in denen die zweite Käsespezialität aus Liébana reift, der Picón, ein Edelschimmelkäse von wahrhaft durchdringendem Geschmack. Auch Javier und Miguel Campo, die Brüder mit dem Gasthaus, stellen ihn her. Am Rand des Dorfes besitzen sie eine kleine, nur wenige Quadratmeter große Höhle, die man nur gebückt durch eine hölzerne Pforte betreten kann. Dort liegen, auf sieben mächtige Regalbretter verteilt, die feucht glänzenden Käselaiber und lassen sich monatelang vom Schimmelpilz durchlöchern. Kurz summt eine Fliege durch die Höhle. Javier Campo behält ihren Flug scharf im Auge und achtet darauf, dass sie wieder verschwindet: »Fliegen sind unsere natürlichen Feinde. Deren Larven machen den Käse kaputt.«

Pfarrer Elias aus Potes hat das allerdings etwas anders dargestellt: Es gebe Käseliebhaber, hat er gesagt, die würden ganz besonders jene Laibe des Picón schätzen, aus denen schon die Maden heraussähen. »Ach was«, sagt Javier Campo knapp, »Blödsinn.« Dann setzt er ein zartes Grinsen auf: »Die Pfarrer bleiben besser bei ihren eigenen Legenden.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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    • Schlagworte Spanien | Santiago | Rom | Jerusalem
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