Roman Moment! Geisteskrank?
Patrick Hamiltons Roman »Sklaven der Einsamkeit« ist ein Meisterwerk der Andeutungen
Jüngst ist Patrick Hamilton, zuvor nur noch als Drehbuchautor der Hitchcock-Klassiker und bekannt, wiederentdeckt worden, mit seinem bizarr-komischen Schizophrenie-Roman der in den Pubs von London spielte. Hamilton schrieb über Milieus, in denen er sich auskannte. Er starb 1962 an Leberzirrhose. Wer aber meint, Hamiltons Sucht müsse sich in seiner Prosa formal widerspiegeln, durch schlichte Wortwahl (der Trinkerdichter hält sich beim Schreiben mühsam am Stuhl fest) oder Kaskaden ekstatischer Gedankensprünge (der Trinkerdichter reitet über den Wolken mit Gott und diversen Dämonen um die Wette), der wird sich wundern. Sein 1947 entstandener Roman ist ein hintergründiges Buch, das langsam beginnt und scheinbar etwas unentschlossen endet.
Hamilton lässt die Figuren flimmern und schillern bis zur letzten Seite
Um es vorwegzunehmen: Ich bin sicher, dass viele dieses Buch anders begreifen werden als ich. Und ebendeshalb ist es wohl in Vergessenheit geraten; der bitterböse Sarkasmus wird nicht als solcher auf jene wirken, die der Protagonistin auch nur entfernt ähneln. Und deren werden viele sein. Mancher wird wohl auch eine Pointe vermissen, aber ist ein Buch etwa kein Meisterwerk, nur weil der Schlussknall ausbleibt oder der letzte Funke nicht zündet? Und stimmt das überhaupt mit der fehlenden Pointe? Folgendes ist klar: In diesen Roman wird man behutsam hineingesogen, dann, im Innern des Denkens von Enid Roach angekommen, amüsiert man sich nicht nur prächtig, man lernt auch sehr viel über Logistik und Logik eines leicht geisteskranken Kleinbürgergehirns. Moment! Einspruch! Geisteskrank?
Ist Miss Enid Roach, ein spätes (intaktes) Mädchen von 38 Jahren, von Beruf Lektorin auf Teilzeit, geflohen vor den Luftangriffen auf London in einen verschlafenen südlichen Vorort namens Thames Lockdon, wirklich geisteskrank? Nein, etwas überspannt vielleicht. Verklemmt. Sehr überspannt. Prüde. Ganz normal verrückt?
Ich konnte mich während der Lektüre nie entscheiden und lastete dies dem Autor an, rief ihm quasi zu: Na los, entscheide dich doch endlich mal, was hat es auf sich mit dieser Enid Roach? Bis mir klar wurde, dass Hamilton ein seltenes und risikoreiches Spiel gewagt hatte, nämlich eine Figur von innen her zur Oberfläche hin zu zeichnen und sie flimmern und schillern zu lassen bis zur letzten Seite. Das ist natürlich Gift für den Verkauf, wie kann der gewöhnliche Leser eine Figur ertragen, bei der er nicht weiß, ob er sie jetzt mögen oder hassen soll, sich mit ihr identifizieren oder sie verabscheuen darf. Aber dass das alles zugleich möglich ist, über eine so lange Strecke hinweg, das zeugt von großem Geschick.
Obwohl die äußere Handlung gering ist und bis in die letzten Winkel reflektiert wird, bleiben am Ende etliche Möglichkeiten, das Geschehene zu beurteilen. Worum geht es denn? Um die Gäste einer kleinen Pension, die sich im Jahre 1943 arg langweilen in Thames Lockdon und mehr oder weniger aneinander leiden. Jedenfalls leidet Miss Roach, die ihren Vornamen für eine Strafe hält, unter den Sticheleien und Gehässigkeiten des alten Mr. Thwaites, tröstet sich aber mit der Hoffnung, dank des Krieges unvermutet doch noch einen Ehemann zu finden, nämlich in Form des amerikanischen Lieutenants, der sie hin und wieder zu verehren scheint.
Und da ist Miss Vicki Kugelmann, ihre beste Freundin, eine seit vielen Jahren in England lebende Deutsche, die von vielen Bewohnern geschnitten, von Miss Roach aber umso demonstrativer akzeptiert wird. (»Wir führen Krieg gegen den Faschismus, nicht gegen Individuen!«) Man trinkt viel, dennoch scheint das Leben in Ennui erstarrt; peinlich genau führt der Autor alle Zeittotschlagsrituale vor, bis ein Hauch von Leben in die Bude kommt, als die lustig-lebensfrohe, sie selbst würde vielleicht sagen: quicke Vicki Kugelmann, die man, Zitat, »als Deutsche nur erkennt, weil sie besser Englisch spricht als die Engländer«, ihr Apartment aufgibt und zu Enid in die Pension zieht. Das geht nicht gut. Die Freundschaft zwischen Miss Roach und Miss Kugelmann schrumpft im selben Maße, wie Letztere beliebter wird, vor allem bei Mr. Thwaites und, schlimmer, beim amerikanischen Lieutenant.
- Datum 12.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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