GESELLSCHAFT

Ist Multikulti schuld?

Contra: Das antideutsche Ressentiment vieler Multikulturalisten verhindert die Integration.

Nicht Multikultur ist schuld an den Integrationsproblemen, sondern ihre Instrumentalisierung durch Feinde wie Verfechter. Anstatt sich in angelsächsischer Tradition um das Social Engineering der Migration zu bemühen, umgaben die Anhänger des Multikulturalismus ihr »Projekt« stets mit der Aura eines Karnevals der Kulturen, in dem sich Ethnien und Religionen zum friedlichen Nebeneinander einfinden werden, wie zu einem Kindergeburtstag.

Die Lobby der so genannten Migrationsforscher versorgte die Politiker und ihre Klientel mit ständig neuen Erfolgsgeschichten dieser Haltung. Warnende Zwischenrufe von nicht naiven Xenophilen wurden oft genug als »rechts« oder »rassistisch« abgetan. Das ging so lange gut, bis in größeren Städten die Probleme mit Parallelgesellschaften, Jugendkriminalität und einer verheerenden Bildungsbilanz zu eskalieren begannen.

Das Elend von Multikulti hat viele Ursachen: In Deutschland hat es wie so oft mit Angst zu tun. Die Angst der Gutmenschen, sich von ihren Idealen zu trennen, die ihnen als moralisches Korsett zur einzigen Stütze ihrer Identität geronnen ist – sowie die Angst vieler latent oder auch offen fremdenfeindlicher Altdeutscher, die sich vor jeder Form des Andersseins fürchten. Dazwischen versucht eine breite bürgerliche Mitte – im Schatten der deutschen Schuld –, ihre Sehnsucht nach einem weltoffenen Land mit dem Bedürfnis nach einer Zivilgesellschaft, in der sich alle Mitglieder jener Liberalität verpflichtet fühlen, zu versöhnen. An ihnen sollte sich die Zuwanderungsdebatte orientieren.

Der ideologische Kern vieler vorgeblicher Multikulturalisten ist ihr Antikapitalismus und Antinationalismus. In den unangepassten Migranten sehen sie eine Projektionsfläche eigener Dissidenz. Die Zuwanderer werden als Doubles ihrer Verteidiger in Stellung gebracht: als Gegner dieser Gesellschaft, mit der viele Multikulti-Vertreter oft genug noch eine Rechnung offen haben. Dabei sind sowohl der Kapitalismus als auch der Patriotismus Agenten der Integration. Ausgerechnet der für Arbeitsunwillige besonders bequeme Sozialstaat verhilft zu Parallelgesellschaften, weil der Druck, sich abseits des monatlichen Besuchs des Sozial- oder Arbeitsamtes mit dem Rest der Gesellschaft auseinander zu setzen, gegen null tendiert. Exakt jenes Verwöhnaroma, das zu Sozialhilfekarrieren in der dritten Generation führt, verschwindet, wenn sich Migranten im Kampf um das tägliche Brot in das Land integrieren müssen. Dabei muss den Migranten Mut zum gesellschaftlichen Ehrgeiz gemacht werden: Das passiert bisher nur durch Rapper wie Bushido. Gesellschaftlicher Aufstieg und die damit verbundene Anpassung gehören leider nicht zum Ideal linker Multikulti-Folkloristen.

Das seit 1945 traumatisierte Verhältnis der Deutschen zur Nation erschwert Integration. Das Antideutsche vieler Multikulturalisten verhindert sie. Der deutsche Pass bleibt ohne lebensweltlichen Überbau folgenlos. Vor diesem Hintergrund kann man es einem Ex-Pakistani oder Ex-Albaner kaum verdenken, dass er seine alten nationalen Traditionen pflegt, wenn sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihrerseits gegen jede Identitätsbildung sträubt.

Die Bürgerlichen hingegen müssen sich fragen, ob ihr widerlicher Rechtspopulismus mit Unterschriftenaktionen und »Kinder statt Inder«-Slogans nicht jene Berührungsängste schürte, die integrationswillige Migranten leidvoll erfahren.

Das geburtenarme Deutschland braucht Migration. Aber wir müssen unsere Interessen definieren, die wir mit dieser Migration verbinden. Zuwanderung als Bereicherung unserer Gesellschaft ist gefordert: ökonomisch, demografisch, kulturell, ästhetisch. Ein Deutschland ohne Zuwanderung hat in der globalisierten Welt keine Zukunft. Zeit, dass wir lernen, sie zu gestalten. Pragmatisch, ohne Schaum vor dem Mund und ohne rosaroter Brille auf der Nase.

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Leser-Kommentare

  1. ich denke nicht das es machbar ist meine kultur eins zu eins in eine andere mitzunehmen. wenn ich also meine mitnehme in das land meiner wahl, müsste mir doch klar sein das ich als gast mich den gegebenheiten meines gastgeberlandes anzupassen habe. das hat nichts mit rechts oder unterdrückung zutun. multikulti ist nicht machbar, weil ich meine kultur als gastgeber nicht aufgeben möchte. wenn ich in einen nichtraucherhaushalt eingeladen werde, rauche ich dort nicht, fertig! meiner meinung nach hat die ganze multikultifraktion der grünen den migrationswagen an die wand gesetzt und nun hängt er fest.

    • 14.04.2006 um 11:41 Uhr
    • Karaya
    2. \N

    wie wäre es mit mehr eigenen kindern? selber keine kinder bekommen und hoffen, dass migranten den eigenen wohlstand retten werden, wird zum glück nicht klappen.
    für mich sind menschen, die sich gewollt gegen kinder entscheiden um besser am konsum teilhaben zu können einfach nur asoziale.
    zum glück werden ihre gene aus dem menschlichen genpool verschwinden.
    deutschland wird eh verarmen. gut ausgebildete migranten kommen sowieso nicht. im gegenteil sowohl gut ausgebildete deutsche als auch gut ausgebildete migranten verlassen dieses land.
    sobald das deutsche sozialsystem zusammen gebrochen ist kommt auch sonst kein kulturbereicherer mehr.
    pech gehabt, werdet wohl alleine klar kommen müssen im alter.

  2. Es ist Unsinn zu behaupten, wir bräuchten Migration. Dieser angebliche Sachzwang wird leider seit Jahren von Politikern aller Couleur vorgebetet. Der Autor befindet sich damit in "bester" Gesellschaft. Der von diesen Leuten geäußerte Wunsch, ausschließlich auf gut ausgebildte Eliten der Entwicklungsländer zugreifen zu können, entspricht dabei alten kolonialistischen Denkmustern, und dem Glauben, alles Gold dieser Welt gehöre einem selbst. Die westlichen Gesellschaften müssen endlich lernen regenerativ zu wirtschaften: Rohstoffe, Energie, Arbeitskräfte.

    Arbeitsmigration hat nichts mit "Multikulti" oder sonstigen romantischen, meist völlig naiven, Vorstellungen zu tun. Arbeitsmigration hat auch nichts mit "Fachkräftemangel" oder sonstigen von den Unternehmerverbänden vorgetragenen Klageliedern zu tun.

    Arbeitsmigration findet statt, weil die Wirtschaft billige und kontrollierbare Arbeitskräfte zur Gewinnmaximierung benötigt. Eine Studie in den USA hat zum Beispiel ergeben, daß eingewanderte IT-Fachleute im Durchschnitt 30% weniger verdienen.

    http://www.heise.de/ct/01...

    Diese durch Arbeitsmigration erzielten Gewinne werden natürlich privatisiert, die Folgekosten werden aber verstaatlicht, die Konflikte mit den Kindern der Arbeitsmigranten auf die Gesellschaft abgeschoben. Die neoliberalen Wirtschaftstheologen und Marktradikalen klopfen sich dabei gegenseitig auf die Schulter, es läuft wie immer: Der Staat bezahlt und die Gesellschaft steht für etwas als Sündenbock da, was viele menschliche Ursachen hat, z.B. Heimatverlust.

    http://www.freitag.de/200...

    Die Ablehnung von Arbeitsmigration und "ethnischen Experimenten" sollte eigentlich eine breite Unterstützung in der Linken und bei Grünen finden. Die Ablehnung von Arbeitsmigration hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun.

    Leider wird diese Diskussion fahrlässig dem rechten Flügel überlassen, die Meinung der Bürger wie so oft ignoriert.

  3. Der Autor geht auf ideologische Achterbahnfahrt.

    So beginnt sein Artikel mit der Aussage:
    "Warnende Zwischenrufe von nicht naiven Xenophilen wurden oft genug als »rechts« oder »rassistisch« abgetan."
    um dann gegen Ende zu fragen:
    "Die Bürgerlichen hingegen müssen sich fragen, ob ihr widerlicher Rechtspopulismus mit Unterschriftenaktionen und »Kinder statt Inder«-Slogans nicht jene Berührungsängste schürte, die integrationswillige Migranten leidvoll erfahren."
    Hier wird den Bürgerlichen unterschiedslos widerlicher Rechtspopulismus vorgeworfen.
    Das ist doch an Absurdität nicht zu überbieten: Ausgerechnet denjenigen Bürgern, die die Einwanderung mit Sorge betrachteten, die Schuld an der fehlenden Integration zu geben ist genauso logisch wie einem Atomkraftgegner die Schuld an der Havarie eines Atomreaktors zugeben, mit dem Argument, gerade seine ablehnende Haltung habe Investitionen in diese Technologie behindert.
    Es ist doch wohl die Bringschuld der Protagonisten einer Politik, sich auch über die handwerklich saubere Umsetzung Gedanken zu machen und dies nicht den Kritikern zu überlassen. Konkret: Wer die Einwanderung will, der muss auch tragfähige Konzepte für eine Integration auf den Tisch legen.

    • 14.04.2006 um 12:28 Uhr
    • ringes

    Fest steht, dass wir in begrenztem Maße eine Zuwanderung von (qualifizierten) Menschen anderer Nationalitäten benötigen. Dennoch stellt sich die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, ganz egoistisch Entwicklungsländern ihre Elite abzuwerben. Damit bekommt man die Schere zwischen der wohlhabenden westlichen Welt und der materiell armen Dritten Welt nicht beseitigt.
    Der Vorschlag mit dem mehr eigene Kinder bekommen ist natürlich gut gemeint, aber in der Realität nicht umzusetzen. Selbst die europäischen Länder, die deutlich kinderfreundlicher sind (Frankreich, Irland, Skandinavien etc.), erfüllen ja ihre notwendige Quote von 2,1 Kindern auch nicht.
    Daher mein etwas skuriller Vorschlag: warum nicht Waisen-Kinder aus Entwicklungsländern "importieren"? Damit hätten wir mehrere Vorteile:
    a) Kampf gegen die Überbevölkerung in Afrika, Asien, Palästina etc.
    b) gesicherte Versorgung der Kinder und Lösung/Milderung unseres Demografie-Problems
    c) geringere Integrationsprobleme als bei erwachsenen Menschen
    d) die (wissenschaftliche) Elite der Dritten Welt könnte im Zusammenhang mit SINNVOLL eingesetzter Entwicklungshilfe (falls Europa/Amerika dies überhaupt wollen) ihren Herkunftsländern aus der Misere helfen.

    • 14.04.2006 um 13:38 Uhr
    • lef

    Das Problem wird nicht durch Möchtegern-Wissenschaftlichkeit gelöst, die der Autor hier als Achterbahn praktiziert,
    es ist handgreiflich und ganz simpel und nur pragmatisch lösbar:
    Die, die betroffen sind, sind nämlich genau nicht die, die solche intellektuellen Auswürfe lesen wollen - sie wollen keine Sonntagspredigt, sondern pragmatische Lösungen.
    Und genau die sind dann erstaunlich (für den Autor ganz bestimmt!) tolerant.
    Wenn sie sich ernstgenommen fühlen in ihren sehr berechtigten Alltagsproblemen.
    und genau das macht auch dieser Autor in diesem Artikel nicht.
    Ein klassischer Fall (selbst in der Nachbarschaft erlebt):

    An einer Realschule (Kleinstadt) hat sich eine sog. "Migranten"- Bande gebildet. Türkisch/arabische Jugendliche (männlich UND weiblich!) drangsalieren vorzugsweise blonde Mitschülerinnen und zwar massiv - inzwischen ist ja bekannt, wozu Jugendliche fähig sind.
    Diese Mädchen fanden weder bei Lehrern noch bei Eltern Unterstützung, denn beide Gruppen kamen ja aus dem pseudolinken Gutmenschenbereich, und da ist Verständnis für "Migrantenkinder" angesagt.
    es hätte einfach sein können: Die Praktiken dieser "Migrantenkinder" hätten als kleinkriminelle Vergehen klargestellt und verfolgt werden können, aber genau das fand nicht statt - es wurde von den Mädchen "Verständnis" gefordert.

    Das Ende dieser Geschichte ist:
    Alle Mädchen finden sich heute in der Neonaziscene:
    DA fanden sie die Unterstützung, die ihnen Lehrer und Eltern versagten. Nur als Mitglied in dieser Gegenbande konnten sie in der Schule ihre Identität suchen - eine andere Identität wurde ihnen gerade von Lehrern und Eltern nicht geboten.

    Wen wundert es da noch, wenn Deutschland zerfällt?

    Höchstens diesen Autor mit seiner ausgewogenen Sonntagspredigt.

  4. Einen Arbeitskräftemangel kann ich derzeit nicht feststellen, wohl aber die Unfähigkeit, qualifiziert in ausreichendem Maße auszubilden.
    Eine abnehmende Bevölkerungskurve ist aus meiner Sicht alles andere, nur keine Katastrophe.
    Dass die Migration von Menschen, deren kultureller Hintergrund schwer mit unserer Kultur in Einklang zu bringen ist, Probleme bereiten wird, ist alles andere als überraschend, eine politische Steuerung der Migration, wenn man denn glaubt, Migration nötig zu haben, sinnvoll.
    Die Probleme jetzt sehe ich im Wesentlichen als Folge einer ignoranten Haltung an, die "Binsenwahrheiten" jahrzehntelang ausgeblendet hat!

    • 14.04.2006 um 14:00 Uhr
    • Colon

    Ja, Herr Poschardt, in so mancher Talk- Runde, so manchem Presseprodukt, so manchem "kritischen" Report, wird vor allem und hauptsächlich diese Frage ventiliert. Vom immer gleichen, fast schon vorhersehbaren Personal solcher "Volksbildung" einmal abgesehen, wundert vor allem die Eindeutigkeit der Beitragenden, die sich selbstverständlich und sichtlich lustvoll mit geschwellter Brust für "Klartext" in die Bresche schlagen. - "Was wir schon immer dachten und bisher nicht Gelegenheit hatten auszusprechen."

    Ist wirklich antideutsches Ressentiment und ein gewisser nationaler Selbsthass Ursache sozialer und schulischer Probleme? Oder ist es nicht viel eher ein wachsender wirtschaflicher Druck, der die Gesellschaft stärker in oben und unten teilt, Konkurrenzängste fördert und uns irrational nach neuen Schuldigen und ungeeigneten Lösungen suchen lässt? Wir haben doch massive Verteilungsprobleme, an Bildungschancen, an Einkommen und an Teilhabe in der öffentlichen Diskussion.

    Sie sprechen von Multikulturalisten, die einen "Karneval der Kulturen" als Leitbild der Integration von Einwanderern propagierten. Wer ist damit gemeint? Sie sprechen von einer "Lobby der Migrationsforscher", hatten und haben wir eine solche?- Im Gegenteil, von Migrationsforschung wollte die veröffentlichende Öffentlichkeit und die Politik wenig
    hören, deren Ergebnisse wurden selten vorgestellt.

    Parallelgesellschaften, Jugendkriminalität und verheerende Bildungsbilanz stellen Sie als grösste Traumata unseres Gemeinwesens dar. Allerdings legen die wissenschaftlichen Untersuchungen der Kriminologen z.B. aus Heidelberg und Münster, schon für den einen Bereich Jugendkriminalität ganz andere Interpretationen und Schlussfolgerungen nahe.

    Ausgeschlagene Augen, eingeschlagene Schädel, Packnadeln
    im Hintern des schulischen Aussenseiters, "Abziehen", regelmässige Prügeleien bei Dorffesten, lokalen Fussballspielen und unter verfeindeten Schülerscharen mit erheblichen Sach- und Personenschäden, bereichern die erzählend verklärende Erinnerung meines Vaters. - Seine "schönste Zeit" mit Zucht und Ordnung.

    "Gutmenschen" und "Altdeutsche", das sind doch jene Kategorien mit denen sich Streit schaffen, aber nicht schlichten
    lässt. Die Wirklichkeit eingedampft auf Schwarz und Weiß, Hauen und Stechen als Prinzip von öffentlicher Diskussion.

    Der ideologische Kern, sofern es so etwas noch gibt, ist doch die jahrelange Verweigerung, unser Land als Einwanderungs- gesellschaft anzunehmen. Einwanderer sind, allzu lange schon, allenfalls "Gäste" oder schlimmstenfalls potentielle Täter. Mit Multikulturalismus hat das wenig zu tun.
    In Einwanderergesellschaften werden immer die Bräuche und Traditionen der Herkunftskulturen weitergeführt und mit denen der neuen Heimat vermischt, warum sollte das bei Türken, Kurden,Persern,Kroaten, Italienern und Russen je anders sein? -
    Kulturell können wir , nicht nur in der Küche, davon profitieren.

    Geburtenarmut und Migration zusammengespannt, liefern schnell krude Argumente. Es klingt ja so logisch, bei der Einwanderung das Prinzip "Wir suchen uns die passenden Migranten" zu fordern. Allerdings funktioniert die Praxis, selbst
    in den Ländern, die mit uns vergleichbar wären und als Vorbilder für strenge Selektion herhalten, einfach millionenfach anders.

    Räumen wir hier lebenden Migranten und Ausländern Schritt für
    Schritt Mitsprache,gleiche Rechte und Chancen ein, dann wächst
    die Pflicht, sich als Mitbürger für unsere Gemeinschaft einzusetzen, wenn wir denn Gemeinschaft überhaupt noch als
    Wert anerkennen wollen.

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  • Von Frank Drieschner
  • Datum 13.10.2006 - 02:37 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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