Die Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl unternimmt den riskanten Versuch, das Leben der Eltern und deren gemeinsame Zeitschrift Konkret darzustellen. Sie schwankt dabei zwischen objektivierender Beschreibung und Selbsttherapie. Oft spricht sie distanziert von Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof, seltener von Vater und Mutter, einmal von Papi und Mami. Andererseits erzählt sie aus der Ich-Perspektive, was zu heiklen Problemen führt. So muss sie so tun, als ob sie wisse, was ihr Vater dachte, als ihre Mutter sie zur Welt brachte. Und natürlich erinnert sich die gerade mal vierjährige Bettina daran, wie die Mutter den Vater "das erste Mal … ein Schwein" nannte.

"Die Journalistin Bettina Röhl belegt mit Aktenfunden, wie die in der Bundesrepublik verbotene KPD im Untergrund das von ihren Eltern geleitete Hamburger Szeneblatt Konkret konzipierte – und jahrelang in totaler Abhängigkeit hielt." Dieser Satz stammt aus dem Spiegel vom 13. März 2006. Dort hat man offensichtlich das Archiv nicht zurate gezogen, denn die Pointe des fast 700 Seiten umfassenden Buches besteht darin, dass fast gar nichts Neues drinsteht. Mit Bettina Röhls Aktenfunden lässt sich nur eines belegen – wie banal und nichtssagend Aktenfunde sein können. Fast alles, was die Autorin aktenmäßig nacherzählt, lässt sich längst nachlesen – und zwar in einem Buch ihres Vaters, das vor über dreißig Jahren erschienen ist: Fünf Finger sind keine Faust (1974; 1998 in einer leicht überarbeiteten und erweiterten Fassung). Klaus Rainer Röhl beschreibt im Detail und unter Nennung der Leute, mit denen er es in der DDR zu tun hatte, dass die Zeitschrift mit Geld aus dem Osten finanziert wurde. Neu am Bericht der Tochter sind nur die Zahlen aus dem Aktenfund: 1957 etwa erhielt Röhl monatlich 800 D-Mark für sich und 13000 für das Blatt. Die Autorin selbst räumt ein, das die DDR-Akte Konkret im "wesentlichen bestätigt, …was Klaus Röhl vor 30 Jahren geschrieben hat". Warum die Autorin dem eine Kopie hinterherschickt, bleibt ihr Geheimnis.

1955 gründete Röhl zusammen mit Peter Rühmkorf den Studenten-Kurier, aus dem noch im selben Jahr die Zeitschrift Konkret hervorging. Das Geld dafür stammte von einem Bremer Bauunternehmer und aus der DDR. Konkret profilierte sich von Anfang an in den Antiatomkraftbewegungen, was das Blatt für die "Friedenspolitik" der DDR und der Sowjetunion erst interessant machte. Nach dem Verbot der KPD 1956 waren diese Bewegungen sowie Tarnvereine und Tarnfirmen die einzigen Instrumente, mit denen Kommunisten in der BRD agieren konnten. Die Vermutung, dass der SED-Staat Konkret finanzierte, ist so alt wie das Blatt, aber Röhl gelang es immer, durch gezielte antikommunistische Einsprengsel, Sexgeschichten und -bilder den Schein der Unabhängigkeit zu erzeugen.

Interessant ist, wie Bettina Röhl die Konkret- Geschichte aufzieht. Formal holte Röhl Geld und Instruktionen nicht bei der SED ab, sondern bei der KPD, die freilich nur noch im Osten existierte und der Röhl – wie später Ulrike Meinhof – per Handschlag beitrat. Bettina Röhl verwendet viele Seiten darauf, die Fiktion zu basteln, Röhl und Meinhof hätten es nur mit der KPD, aber nicht mit der SED/DDR zu tun gehabt. Kronzeugen für diese Konstruktion sind die Führungsfunktionäre Manfred Kapluck, Richard Kumpf und Josef Angenfort, die formal als West- beziehungsweise Jugendbeauftragte der KPD tätig waren. Mit diesen, aus dem Westen stammenden Altkommunisten teilt sie die handliche Aufteilung der Welt in weiß und schwarz, gut und böse. Wie die KPD-Veteranen zählt die Autorin die Arbeit für diese Partei als Beitrag zur "sozialen Gerechtigkeit", während der gemeine IM oder SED-Funktionär nur "für den Ersatz des westdeutschen durch das ostdeutsche System und die eigene Karriere", vulgo "Kommunismus" einstehe. So einfach ist das.

Bettina Röhl kommt ins Schwärmen, wenn sie vom Leben und von den Geschichten der Veteranen erzählt, die immer noch gern sagen, was "Verrätern" von der Partei droht: Ertränken im Brackwasser des Hamburger Hafens. Und wie bei 80-jährigen Kämpfern üblich, geht es nicht ohne Jägerlatein ab: "Ohne unsere Arbeit wäre die Studentenbewegung von 68 nicht möglich gewesen" (Kapluck). Vater Röhl dagegen scheint von der fiktionalen Trennung zwischen KPD und SED wenig zu halten, denn er schreibt "Partei" in Anführungszeichen, wenn er von seinen KPD-Führungsleuten redet, weil er weiß, dass die wirkliche Partei SED hieß.

Auch zur Biografie Ulrike Meinhofs trägt das Buch nichts Neues bei, wenn man von einem bis zu den Urgroßeltern reichenden Stammbaum, einigen unbekannten Briefen der Mutter und jeder Menge banaler Geschichten über Kindergeburtstage, Ferienerlebnisse, Partyklatsch und Familientratsch absieht. Um politisch handelnde Personen zu porträtieren oder gesellschaftlich-politische Prozesse und Bewegungen darzustellen zu können, müsste sich Bettina Röhl von ihren radikal verengten Weltbildern verabschieden. In den breiten, von Gewerkschaften, Kirchen und Pazifisten getragenen Bewegungen gegen die Notstandsgesetze oder die atomare Aufrüstung gab es sicher auch Töne und Motive, deren Spuren in die SED/KPD führen. Wo es auf analytische Stringenz und Differenzierung ankäme, hat Bettina Röhl aber nur einäugige Urteile und pauschale Unterstellungen zu bieten: "Was aber auch unübersehbar ist, …ist die Tatsache, dass die Anti-Atomwaffen-Bewegung in Westdeutschland wesentlich von Menschen getragen wurde, die offenbar gar keine Angst vor Atomwaffen hatten, sondern das Thema nur als Vehikel für politischen Umsturz benutzten." Wie bei der Stasi und bei alten Verfassungsschützern reimt sich bei Bettina Röhl alles auf "Unterwanderung" und "Umsturz".