Sachbuch Monsterkrasse Kreativität

Das neue Lexikon der Jugendsprache.

Der Autor ist in einer Zwitterposition. Auf der einen Seite ist er Sprachwissenschaftler, fächert historische Bezüge auf und klärt Wörter, die so hypertonisch, also fantastisch sind, dass kaum jemand sie versteht. Auf der anderen Seite steckt er seit Jahren voll drin in dieser Sprache, im Witz des Ausdrucks, in der Begeisterung für die Wortungetüme. Also probt er schon mal: »Voll der Flash-Burner! Qualimäßig monsterkrass, total stylisch.«

Wer glaubt, hier handele es sich um ein peinliches Derivat des Deutschen, ist schlecht informiert. Die Jugendsprache ist heute Gegenstand seriöser Forschung. Auch Soziologen, Psychologen und sogar Schulpädagogen bemühen sich, die neuen Vokabeln zu »peilen« und zur Analyse dieser Generation zu nutzen. Diese Art Fantasie ist längst aus dem Ruch der Provokation von Prolos heraus. Sie gilt als ähnlich wichtig wie die Worterfindungen von Lyrikern oder die Sprachverdrehungen von Kabarettisten.

Hermann Ehmann, Uni-Assistent in München, hat mit seinem Buch Endgeil seine früheren Lexika überarbeiten müssen. Über 100 neue Vokabeln hat er den Jugendlichen abgelauscht. Leider schreibt er nicht, wie. Man blättert, liest, lacht oder ist »gebügelt« (verwundert) über so viel Kreativität.

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Warum die alten Bücher überholt sind? Klaro: Die Jugendsprache hat ein kurzes Verfallsdatum. Kaum in aller Munde, ist sie verbraucht. Die jungen Leute stehen unter Leistungsdruck – immer schneller, besser, witziger. Sie müssen der konkurrierenden Jugendgruppe voraus sein und auch den Eltern, die ihnen immer häufiger die Wörter klauen. Niemand kann behaupten, dieser Selbstanspruch sei eine Erfindung dieser fixen Zeit: Den anderen voraus sein zu wollen ist so alt wie die Menschheit.

Außerdem macht das Erfinden offensichtlich Spaß. Die stets präsente Schlagfertigkeit, die ausufernden Varianten des Witzes, die Lust am Regelbruch – Werbung und Film wissen, dass dies Domänen von Jugendlichen sind. Die müssen halt alle »übertauben«, von denen anzunehmen ist, dass sie »auf allen Horchbrettern« ein bisschen taub sind. Jugendsprache leistet darüber hinaus Ähnliches wie die Kunst: Sie reißt Dinge aus ihrem traditionellen Kontext und zwingt damit zu neuer Aufmerksamkeit.

Der angenehme Effekt dieser Sprache ist offensichtlich. Es handelt sich um eine Art Geheimsprache. Sie schließt die Eingeweihten ein und die anderen aus. Wie sollen sich die jungen Leute auch sonst abgrenzen, wenn die Alten ihre Klamotten tragen und ihnen den Gestus »jung, aktiv, dynamisch« abgucken? Das »Alken«, das ausgiebige Feiern, das vor kurzem noch neu war, hat schon Eingang in den Wortschatz der Kompostis gefunden. Wenn die demnächst noch herausfinden, was »opern«, »pienen«, »abnudeln«, »schimmeln« und »tieren« heißt, was ein »Puddingdampfer«, eine »Bohrkrücke« oder ein »Proggi« ist – dann werden sich die Jugendlichen wieder anstrengen und noch mehr im »müllen« üben müssen. Sprich: »dummes Zeug reden«.

Werden wir langsamer beim Wörterklau. Und beweisen wir lieber in anderen Bereichen, dass wir noch nicht ganz gaga, abgepfeffert und abgeschlafft sind. Wir könnten etwa wissen, dass das Wort »geil« schon in der Studentensprache des 19. Jahrhunderts nichts anderes hieß als: »besonders bemerkenswert«.

 
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    • Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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    • Schlagworte Sachbuch | Literatur | Kulturbetrieb | Jugendsprache | Jugendliche | München
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