Sachbuch Kinder, Kündigung, Karriereknick
Zwanzig Frauen geben Auskunft über die Schicksalsfrage
Einmal angenommen, die Protagonistinnen dieses Buches träfen zufällig aufeinander. Vermutlich lägen sie sich schnell in den Haaren. Warum hat Birgit (38) acht Sprösslinge in die Welt gesetzt, statt arbeiten zu gehen? Wie kam Sabine (45) dazu, ausgerechnet mit zwei Homosexuellen eine Familie zu gründen? Wieso wurde Nancy (22) noch vor der Ausbildung schwanger? Und was fiel Elke (46) ein, ihren Säugling karrierehalber in der Kinderkrippe abzustellen? Am schlechtesten wäre Claudia (34) dran. »Vier Kinder, ein Hund, ein Haus« und dazu ein »Mann mit Geld« – Claudias Zukunftstraum leuchtete rosarot. Heute hat die Gymnasiallehrerin weder Haus noch Hund, noch Mann mit Geld. Ergo ist auch das Kinderprojekt längst begraben.
Die Lebensentwürfe ihrer Geschlechtsgenossinnen bringen Frauen regelmäßig in Rage. Vor allem, wenn die Frage der Fragen im Raum steht: Wie hältst du’s mit dem Nachwuchs? Regine Zylka und Silke Lambeck haben zwanzig Frauen erzählen lassen, wie sie ihre Situation einschätzen. Das Ergebnis überrascht zunächst kaum: Wer keine Kinder will, gilt als Handlangerin der demografischen Katastrophe; wer das Baby betreuen lässt, als Rabenmutter; wer zu Hause bleibt, als hinterwäldlerische Glucke. Egal, wie die Entscheidung ausfällt, sie ist garantiert falsch.
Diesen moralischen Druck reichen Frauen einander weiter. Dabei hat, wie das Buch zeigt, fast jede ihre Wahl bewusst getroffen. Birgit hat gerne Kinder um sich; für Sabine ist das schwule Patchwork-Arrangement die ideale Lösung; Nancy wird arbeiten, sobald die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind; Elkes halbwüchsige Söhne sind mit der Power-Mom zufrieden; und Claudia plagt sich schließlich schon den lieben langen Tag mit ihren Schülern herum.
Bleiben die Väter, auf die keine der Frauen freiwillig verzichten will. Das traditionelle Rollenverständnis hat zwar abgedankt, die Familie aber – Vater, Mutter, Kind(er) – ist offenbar kein Auslaufmodell. Im Gegenteil: Viele wünschen sich Partner, die gleichberechtigt für den Nachwuchs sorgen. Die Realität sieht freilich anders aus.
Das liegt nicht unbedingt an den Männern. Wer in Elternzeit geht, kommt, wie mehrere Frauen berichten, als Vater auf den Geschmack. Er bezahlt indes oft mit jenem Karriereknick, auf den sich Mütter schon vor der Geburt einstellen – wenn nicht gar, wie das schlimmste Beispiel des Buches lehrt, mit Kündigung. Kinderarmut ist, so die Lektion für den Leser, jedenfalls kein Kollateralschaden der weiblichen Emanzipation. Vielmehr sorgt – jenseits aller Betreuungsprobleme – eine absurd organisierte Wirtschaftswelt selbst dafür, dass ihr Humankapital unaufhaltsam schrumpft.
Wenn man arbeitet, »muss es so sein, als hätte man keine Kinder«, erläutert Elke. Ständige Verfügbarkeit, volle Leistung, keine Fehlzeiten – da verwandeln sich Babys in »tickende Zeitbomben«. Meike, Ärztin und vierfache Mutter, fragt, »warum der Staat kein Interesse hat, dass die teuer ausgebildeten Frauen arbeiten«. Die Betriebswirtin Martina findet, dass »zwei Teilzeitkräfte sich eine leitende Position teilen« sollten. Das Gleiche empfiehlt Christel, mit 84 Jahren die Seniorin der Runde: »Wenn jeder nur einen halben Tag arbeiten würde, dann hätten die Kinder ihr Recht, und es gäbe weniger Arbeitslose.« Man könnte, wie dieses nützliche Buch zeigt, zumindest einmal darüber nachdenken.
Das große JeinSachbuchZwanzig Frauen reden über die KinderfrageSilke Lambeck/Regine ZylkaBuchRowohlt Verlag2006Reinbek16,90256- Datum 12.04.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 12.04.2006 Nr.16
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