SiebeckAn den Quellen sitzen

Wolfram Siebeck unternimmt im dritten und letzten Teil seiner Island-Reise einen Ausflug aufs Land, hin zu speienden Geysiren von Wolfram Siebeck

Das Wochenende ist die Zeit, sagt sich der Fremde, um in Island aufs Land zu fahren, es muss dort jetzt wohltuend leer sein. (Ein Irrtum, der im Sommer, wie man mir erzählt, dramatische Folgen haben kann.) Und schon sitzt der Fremde also hoch oben auf dem Bock über vier mächtigen Reifen und brummt im Regen durch die Lavafelder. Der Regen kann auch Sonnenschein sein oder Sturm oder Nieselwetter mit Nebel. Feucht ist es auf Island permanent.

Das liegt zum Teil an den heißen Quellen. Davon hat jeder Besitzer einer Ferienhütte mindestens eine, so wie die Dauerrentner in der Toskana einen Kamin haben. Hier dient die heiße Quelle zum Eierkochen. Die Kinder hängen die Eier in einer Socke, die an einem Stecken befestigt ist, ins kochende Quellwasser. Da dieses einen mehr oder weniger starken Schwefelgeschmack hat, empfiehlt sich diese Kochmethode sonst nur noch bei Speisen, die im Wasserbad gegart werden. Aus dem gleichen Grund werden die Quellen auch nicht als Spülmaschine benutzt, zumal Isländer nach meinen Beobachtungen keine übergroßen Socken tragen.

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Während einer Landpartie sieht man immer wieder Dampf aus der dunklen Erde strömen wie in Recklinghausen, als dort die Industrie noch dampfte und rauchte. Eine beträchtliche Menge Feuchtigkeit schießen auch die Geysire in die Luft, was eine Menge Volk anlockt, das mit gezückten Kameras einen dichten Kreis um bekannte Wasserspeier (zum Beispiel »Das große Butterfass«) bildet, wie das in Recklinghausen sogar während der Ruhrfestspiele nie gesehen wurde.

Wer unbedingt weitere Ähnlichkeiten mit heimischen Reisezielen sucht, findet sie in Südisland am Meer, und zwar in Stokkseyri. Dort befindet sich direkt hinter einem kleinen Deich ein ungemein populäres Restaurant in einer Baracke, wo… Ja, da fällt einem sofort das Sansibar auf Sylt ein: ebenfalls ein Barackenlokal von größter Popularität, wo schon mal 200 Gäste in einer Sitzung essen können. Und hier wie dort sind Meerestiere die Spezialität des Hauses.

Hier, im Fjörubordid, ist es der Hummer. Die zweite Spezialität ist die Farbe Schwarz, verkörpert durch den schwarzen Strand auf der Rückseite der schwarzen Baracke und die schwarzen Tischdecken im Inneren. Die Hummer gibt es nie im Ganzen und fast nur in einer Zubereitungsart. Die Wirte servieren den Gästen lediglich die Schwänze in einer butterigen Knoblauchbouillon, zusammen mit kleinen Kartoffeln. Diesen Hummern wird zwar nachgesagt, sie seien Verwandte der kanadischen Riesenhummer, in Wirklichkeit sind es die kleinsten Hummer, die ich je auf dem Teller hatte. Sie wiegen pro Stück nur 400 Gramm, und ihre Schwänze sind nicht größer und schmecken nicht anders als die von Garnelen.

Dennoch werden sie an den schwarz eingedeckten Tischen tonnenweise verzehrt. Die tagtägliche Beschaffung von gleichmäßig kleinen Hummerschwänzen in so gewaltigen Mengen deutet darauf hin, dass nicht weit entfernt eine Hummerfarm installiert sein muss. Dafür spricht auch ihr Preis: 37 Euro für 300 Gramm Schwänze, die man, dem Ambiente entsprechend, mit den Fingern aus dem Panzer schält.

Vorher kann man eine gedickte Hummersuppe essen (10 Euro), eine zusätzliche Beilage aus Salaten und Couscous wird für 5 Euro dazugestellt. Die angebotenen Weine machen endlich jegliche Ähnlichkeit mit Sansibar zunichte. Nicht nur, weil die gute internationale Mittelklasse fehlt, sondern weil hier, wie auf allen isländischen Weinkarten, von deutschen Weinen nicht eine Spur zu finden ist.

Das ändert aber nichts daran, dass Fjörubordid nach Aussagen aller Wikinger Islands populärstes Ausflugslokal ist.

Das Hinterland von Stokkseyri hat besonders viele heiße Quellen, die wagemutige Investoren angelockt haben. In Gewächshäusern züchten sie Blumen und tropische Pflanzen. Die dort produzierten isländischen Bananen hatten Ähnlichkeit mit den Hummerschwänzen: Sie waren unnatürlich klein, aber nicht weniger spektakulär als Eisblumen in Nigeria.

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