Integration Die Straßen von Moabit

Mit einer Gruppe türkischer und palästinensischer Jugendlicher unterwegs in einer deutschen Parallelwelt

Die Polizei hat ihm das Wochenende verdorben. Amschad ist beunruhigt, er lauscht, bevor er die Tür öffnet. Vor zwei Tagen hat ein Beamter geklingelt. Bis in den Korridor der Wohnung in Berlin-Moabit drang er vor, um nach ihm zu suchen. Amschad war nicht zu Hause.

Eine Decke liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer, der Fernseher läuft, die Vorhänge sind zugezogen. Es ist elf Uhr morgens, Amschad ist gerade aufgewacht. Die letzten zwei Tage hat er die Wohnung gemieden, bei Nachbarn geduscht, bei Freunden abgewartet. Er setzt sich aufs Sofa, springt auf, setzt sich wieder, seine schmalen Arme schwingen hektisch hin und her. Amschad ist 22, in Berlin geboren, seine Eltern sind Palästinenser und vor 23 Jahren über den Umweg Libanon nach Deutschland gekommen. Er gehört zu den jungen Männern, die im Augenblick die Bildschirme des Landes bevölkern. Erst wird die Berliner Polizeistatistik veröffentlicht, nach der die Kriminalität bei Migrantenkindern zunimmt. Kurz darauf erklären Lehrer im Berliner Stadtteil Neukölln ihre Schule für unregierbar, die Mehrheit der Schüler ist arabischer und türkischer Herkunft. Böse Überschriften folgen, republikweit.

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Amschad zündet sich eine Zigarette an. Am Telefon hat der Beamte gesagt, er wolle nur mit ihm reden. Amschad glaubt nicht daran. Er hastet in die Küche, er braucht jetzt Kaffee, kann aber die Dose mit dem Pulver nicht finden. Im Abwasch liegen Teller, auf dem Boden liegt Wäsche, die Aschenbecher sind voll. Es sieht aus wie das Zuhause einer Familie, die den Kampf gegen den Alltag aufgegeben hat. Seine Mutter ist mit der Schwester beim Jobcenter, der Vater lebt woanders, liebt eine andere Frau. Der kleinere Bruder hat irgendwann heute Morgen die Wohnung verlassen, keiner weiß, wohin. Nur der Jüngste geht zur Schule, aufs Gymnasium. Auf ihm liegen die Hoffnungen der Familie.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Polizei bei ihnen vorbeischaut. Amschad saß schon in Untersuchungshaft, sein kleiner Bruder Achmed auch. Und sie warten noch immer auf Turnschuhe und Elektrogeräte, die die Beamten bei der letzten Durchsuchung mitgenommen haben. Amschad hockt sich wieder aufs Sofa, lauscht nach Geräuschen aus dem Treppenhaus. Da klappert ein Schlüssel, seine Schwester kehrt heim. Amschad fragt, wie es im Jobcenter war. Sie antwortet, die Mutter solle nun Deutsch lernen, als Maßnahme vom Amt. Er nickt kurz.

Sie nennen sich gegenseitig »Opfer« und »Schwuchtel«

Seit der Vater fort ist, wacht Amschad über Mutter, Schwester und Brüder. Die Schwester verschwindet schnell in der Küche, beginnt aufzuräumen. Amschad zieht sich um und verlässt die Wohnung. Draußen regnet es, er biegt in eine Seitenstraße, dort sitzt in einem großen Neubau die zuständige Polizeidirektion. Er wechselt die Straßenseite.

Im Kubu, dem Jugendfreizeitheim, ist um die Mittagszeit nicht viel los. Die Jugendlichen schlafen noch. Es gibt einen Billardtisch, einen Kicker und eine Bar, wo die Cola 60 Cent kostet. Amschad geht in den Computerraum, chatten. Ein paar Jüngere sitzen vor den Bildschirmen, sie versuchen, übers Internet Mädchen kennen zu lernen. Wenn die fragen, wo sie wohnen, schreiben die Jungs Steglitz oder Charlottenburg. Moabit niemals. Sonst antworten die Mädchen nicht. Der Ruf ist zu schlecht. Der Ausländeranteil liegt bei 35, die Arbeitslosigkeit bei 25 Prozent. »Die bildungsnahen Schichten«, wie Stadtpolitiker das nennen, verlassen das Viertel, sobald ihre Kinder eingeschult werden sollen. Moabit gehört zum Bezirk Mitte, viele der Regierenden arbeiten, wohnen und feiern ganz in der Nähe. Moabit ist der Rand der Mitte, das Neukölln des Zentrums.

Leser-Kommentare
  1. fuer Immigranten Nachwuchs der nur Probleme fuer das Gastland ist.Nach dem ich nun diesen Beitrag gelesen habe,ist meine Frage: warum sind diese Leute noch hier...
    denn es ist doch nicht damit zu rechnen dass diese jungen Maenner je eine Bereicherung der Gesellschaft sein werden.Im Gegenteil.

  2. Frau Simon,

    meine Hochachtung! Ich war ja erst skeptisch, aber das ist ein ganz feiner Artikel geworden!
    Toll! Danke und weiter so!

    Markus
    jfh kubu

  3. 3. Bravo!

    Endlich mal was "Lesbares" zu diesem Thema! Mutig auch die Einblicke, aber dringend notwendig!
    Glückwunsch!

    Markus

    • ggbler
    • 27.04.2006 um 13:36 Uhr

    Es ist schön einfach solche Feinbilder aufzubauen: Die Eltern sinds. Doch das bringt uns nicht weiter. In Duetschland gibt es eine Schulpflicht und die haben diese Jungs nun mal genossen. Deutsche Sozialarbeiter haben sich auch um sie gekümmert usw. Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen mehr um die multivarianten Probleme solcher junger Menschen scheren würden und endlich auch die eigen Verantwortung sehen würden. Das tut natürlich weh...
    By the way: Definieren Sie doch bitte einmal "Versager". Darf ich das im Sinne von "für die Gesellschaft nicht gewinnbringend" verstehen ? Spitze Hirnareale kommen da ganz schnell auf den Gedanken Rentner auch kasernieren oder vielleicht gar abschieben zu wollen... ?
    Der Artikel legt Tatsachen vor. So kann leben in Berlin-Moabit aussehen. Sind dafür nur die Eltern verantwortlich?

  4. fuer die Erziehung ihres Nachwuchs.Ganz offenbar haben die Eltern dieser Jugendlich auf ganzer Linie versagt.Sicherlich war der Umzug in ein total fremdes Umfelt auch nicht gerade foerderlich aber trotzdem kann man nicht behaupten dass Deutschland diese Versager gemacht hat.

    • ggbler
    • 18.04.2006 um 10:20 Uhr

    Die jungen Männer sind in Ihrer Sozialisation das Ergebnis unseres Landes. Leider nimmt auch im Bereich Mensch mittlerweile nicht die Tendenz zu Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen sondern einfach das wegzuschmeißen, was einem nicht mehr passt ... Sehr schade.

  5. Der Benutzer "ggbler" schrieb:
    "Ich würde mir wünschen, dass sich Menschen mehr um die multivarianten Probleme solcher junger Menschen scheren würden und endlich auch die eigen Verantwortung sehen würden."

    Die Freunde aus dem linken, politischen Lager machen sich es immer so einfach. "Multivariate Probleme"? Es gibt viele Einwanderer, inbesondere Einwanderer aus europäischen Ländern, die keine Probleme mit der Integration haben. Jeder hat verschiedene Probleme, auch Deutsche. Braucht dort eine Mehrheit Sozialarbeiter für ihre "multivariaten Probleme"?

    Warum sollte man immer nur Nachsicht walten lassen? Da wir das in den letzten Jahrzehnten getan haben, sind wir nun an diese Stelle gekommen. Im PISA-Test weit abgeschlagen, rechnen wir die Problemfälle in der Schule aber heraus, so ergibt sich ein gänzlich anderes Bild. Die Angebote zur Integration sollen verbessert werden, aber wer diese missachtet sollte kein Bleiberecht haben. Warum sind diese Leute in Deutschland? Man sollte meinen, dasselbige eine gewisse Affinität zur deutschen Sprache und Kultur haben, das sie das Land der "Dichter und Denker" schätzen. Man sollte meinen, das die Einwanderer interessiert an deutscher Ingenierkunst und an deutscher Klassik sind, aber oft finden sich keine Bücher in ihren Haushalten, wie auch, wenn man kein Deutsch spricht, geschweige denn lesen kann.

    Diese nicht zu missachtende Minorität lebt gerne hier, weil man hier so einen liberalern Staat hat, der alles durchgehen lässt, wo man sich nicht anpassen muss und seine Kultur leben kann. Wenn wir dem nicht einen Riegel vorschieben, dann gibt es bald kein Deutschland mehr, da diese Leute nicht in der Lage sind einen Job zu finden, da Arbeit eben immer kopflastiger wird. Selbst der türkische (türkischstämmige) Arbeitgeber in Deutschland stellt lieber einen (ethnisch) Deutschen ein. Das ist doch ein klares Zeichen. Viele Migranten sind einfach nicht in der Lage exzellentes Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Diese Leute sollen mal unsere Rente zahlen. Wie soll das gehen?

    Spezielle Programme für extreme Problemfälle der Integration kosten viel Geld, welches sinnvoller eingesetzt werden kann, da bei diesen Jugendlichen nur eine schlechte Rendite herauskommt, sprich viele von ihnen werden sich dennoch nicht eingliedern, sprich Deutsch sprechen, damit sie einen Arbeitsplatz finden können. Die Eltern vernachlässigen ihren Nachwuchs, keiner weiß wo der Sohn sich gerade herumtreibt. Wie sollen diese Kinder auch einen Weg finden auf dem sie gehen können, wenn die Eltern ihnen den nicht zeigen? Das kann der deutsche Staat nicht leisten, er kann etwas unterstützen, z.B. durch Ganztagsschulen, aber die Eltern müssen mitarbeiten.

    • mbt21
    • 15.11.2007 um 21:51 Uhr

    warum sind türken nach dtl. gekommen? weil die deutschen sie als arbeitskräfte gebraucht haben!warum sind araber nach dtl. gekommen ? weil es konflikte mit israel gab.eines der hauptgründe des entstehens israels war der holocaust durch die dt. nazionalsozialisten! und jetzt wo ihr die türken nicht mehr als arbeitskräfte braucht denkt ihr ihr könnt sie einfach abschieben?sind die araber glücklich dass sie aus ihrer heimat flüchten mussten? denkt erst mal nach weshalb die ausländer hier sind und beschwert euch dann! abschieben wäre doch zu banal oder?

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