Die Polizei hat ihm das Wochenende verdorben. Amschad ist beunruhigt, er lauscht, bevor er die Tür öffnet. Vor zwei Tagen hat ein Beamter geklingelt. Bis in den Korridor der Wohnung in Berlin-Moabit drang er vor, um nach ihm zu suchen. Amschad war nicht zu Hause. Achmed ist 17. Er träumt davon, zur Bundeswehr zu gehen BILD

Eine Decke liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer, der Fernseher läuft, die Vorhänge sind zugezogen. Es ist elf Uhr morgens, Amschad ist gerade aufgewacht. Die letzten zwei Tage hat er die Wohnung gemieden, bei Nachbarn geduscht, bei Freunden abgewartet. Er setzt sich aufs Sofa, springt auf, setzt sich wieder, seine schmalen Arme schwingen hektisch hin und her. Amschad ist 22, in Berlin geboren, seine Eltern sind Palästinenser und vor 23 Jahren über den Umweg Libanon nach Deutschland gekommen. Er gehört zu den jungen Männern, die im Augenblick die Bildschirme des Landes bevölkern. Erst wird die Berliner Polizeistatistik veröffentlicht, nach der die Kriminalität bei Migrantenkindern zunimmt. Kurz darauf erklären Lehrer im Berliner Stadtteil Neukölln ihre Schule für unregierbar, die Mehrheit der Schüler ist arabischer und türkischer Herkunft. Böse Überschriften folgen, republikweit.

Amschad zündet sich eine Zigarette an. Am Telefon hat der Beamte gesagt, er wolle nur mit ihm reden. Amschad glaubt nicht daran. Er hastet in die Küche, er braucht jetzt Kaffee, kann aber die Dose mit dem Pulver nicht finden. Im Abwasch liegen Teller, auf dem Boden liegt Wäsche, die Aschenbecher sind voll. Es sieht aus wie das Zuhause einer Familie, die den Kampf gegen den Alltag aufgegeben hat. Seine Mutter ist mit der Schwester beim Jobcenter, der Vater lebt woanders, liebt eine andere Frau. Der kleinere Bruder hat irgendwann heute Morgen die Wohnung verlassen, keiner weiß, wohin. Nur der Jüngste geht zur Schule, aufs Gymnasium. Auf ihm liegen die Hoffnungen der Familie.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Polizei bei ihnen vorbeischaut. Amschad saß schon in Untersuchungshaft, sein kleiner Bruder Achmed auch. Und sie warten noch immer auf Turnschuhe und Elektrogeräte, die die Beamten bei der letzten Durchsuchung mitgenommen haben. Amschad hockt sich wieder aufs Sofa, lauscht nach Geräuschen aus dem Treppenhaus. Da klappert ein Schlüssel, seine Schwester kehrt heim. Amschad fragt, wie es im Jobcenter war. Sie antwortet, die Mutter solle nun Deutsch lernen, als Maßnahme vom Amt. Er nickt kurz.

Sie nennen sich gegenseitig "Opfer" und "Schwuchtel"

Seit der Vater fort ist, wacht Amschad über Mutter, Schwester und Brüder. Die Schwester verschwindet schnell in der Küche, beginnt aufzuräumen. Amschad zieht sich um und verlässt die Wohnung. Draußen regnet es, er biegt in eine Seitenstraße, dort sitzt in einem großen Neubau die zuständige Polizeidirektion. Er wechselt die Straßenseite.

Im Kubu, dem Jugendfreizeitheim, ist um die Mittagszeit nicht viel los. Die Jugendlichen schlafen noch. Es gibt einen Billardtisch, einen Kicker und eine Bar, wo die Cola 60 Cent kostet. Amschad geht in den Computerraum, chatten. Ein paar Jüngere sitzen vor den Bildschirmen, sie versuchen, übers Internet Mädchen kennen zu lernen. Wenn die fragen, wo sie wohnen, schreiben die Jungs Steglitz oder Charlottenburg. Moabit niemals. Sonst antworten die Mädchen nicht. Der Ruf ist zu schlecht. Der Ausländeranteil liegt bei 35, die Arbeitslosigkeit bei 25 Prozent. "Die bildungsnahen Schichten", wie Stadtpolitiker das nennen, verlassen das Viertel, sobald ihre Kinder eingeschult werden sollen. Moabit gehört zum Bezirk Mitte, viele der Regierenden arbeiten, wohnen und feiern ganz in der Nähe. Moabit ist der Rand der Mitte, das Neukölln des Zentrums.

Drei Wochen zuvor im Kubu: Amschad ist nicht da. Die Jüngeren sitzen am Tisch, trinken Cola. Sie nennen sich gegenseitig "Opfer" und "Schwuchtel". Nur so, gegen die Langeweile. Asraf, einer von ihnen, muss später zum "kognitiven Training", Einzelgespräch. "Voll eklig, bin doch kein Opfer." Die anderen lachen. Asraf weiß nicht, worüber er dort reden soll. Schöne Geschichten kann er nicht erzählen.

Er ist 17, und seine Familie soll in die Türkei abgeschoben werden, sie sind arabische Kurden. Jeder Tag könnte der letzte in Deutschland sein. Die Härtefallkommission hat den Fall abgewiesen, als herauskam, dass Asraf und einer seiner Brüder Intensivtäter sind. Da mochte sich niemand mehr für sie einsetzen. Er gehört zur Gruppe um die Lehrter Straße wie Amschads Bruder Achmed. Das sind etwa fünfzehn Jugendliche, Araber und wenige Türken, die sich in dieser Straße treffen. Im Augenblick sitzen vier von ihnen im Gefängnis. Eine Gang sind sie nicht, die Zeit der Gangs ist in Berlin vorüber. Heute herrscht das Handy, Verabredungen und Allianzen ändern sich ständig.

Pepe betritt das Kubu, er humpelt. "Der ist abgestochen worden", sagt Asraf. Pepe begrüßt die anderen mit Küssen auf die Wange. Rechts, links, rechts. Er sagt, er habe sich beim Sport verletzt. Pepe ist 25 und einer der wenigen Deutschen hier. Er spricht ausländerdeutsch, zieht die Wörter zusammen ("Eyalltah!"), und am Ende eines Satzes hebt sich seine Stimme aufgeregt, wie bei einem Nachrichtensprecher. Vor ein paar Jahren zog Pepe mit den Gangs der Gegend, den Bulldogs und den Araber Boys, herum. "Jetzt isses richtig still", sagt er. Pepe redet ohne Pause, ein Wort verschwindet im nächsten und treibt es zu neuer Höchstgeschwindigkeit.

Pepe ist einer, der immer lacht. Auch wenn nichts lustig ist

Im Augenblick ist er bei der Geschichte angelangt, wie durch ein Loch in seiner Jackentasche eine Tüte Haschisch ins Innenfutter gerutscht ist, wo sie die Polizei schließlich fand. Pepe ist einer, der immer lacht, auch wenn nichts lustig ist. Einen Schulabschluss hat er nicht, wie viele im Kubu. Seine Tage sind gut gefüllt, solange das Handy funktioniert: kleine Geschäfte hier und dort.

Die Jüngeren um Asraf halten still, wenn die Älteren wie Pepe oder Amschad reden. Laut sind sie, wenn sich die Aufmerksamkeit auf sie richtet. Diese seltenen Momente müssen sie maximal ausnutzen.

Später am Nachmittag zeigt ein Junge auf seinem Handy eine Schlägerei, die er aufgenommen hat. Der Film kursiert, und er fürchtet, identifiziert zu werden. Ein paar von seinen Freunden wurden schon festgenommen. Wenn man Pepe, Amschad, Asraf und den anderen eine Weile zuhört, verdichten sich ihre Geschichten zu einem einzigen großen Rauschen, nur einzelne Wörter wie Gefangenensammelstelle, Schulabbruch, Abziehen, Kiffen, Jugendgerichtshilfe, Knast, Sozialarbeiter klingen hindurch und bleiben im Hirn. Es ist ihre Normalität, und sie reden darüber, als gebe es kein Entrinnen, Schicksal eben.

Sie scheinen sich selbst nicht besonders viel zuzutrauen und ihre Umwelt ihnen auch nicht. Die Sozialarbeiter verteilen Visitenkarten, auf deren Rückseite steht: "Wichtig bei Polizeimaßnahmen. Ihr habt ein Recht auf Aussageverweigerung, einen Anruf und die Dienstnummer des Beamten…"

Ein paar Tage später, an einem Freitagabend, ist Party im Kubu. Der Türsteher will Amschad nicht hineinlassen, sie diskutieren. Schließlich gelangt Amschad doch an den Tresen, er ist sauer und bestellt ein Bier. Jugendliche aus anderen Bezirken sind angereist, Schwarze und Asiaten. Vielleicht gibt es Ärger. Amschad trinkt das Bier in kurzen Zügen. Früher, als es die Gangs noch gab, habe er die Waffen der Großen getragen, sagt er. Ihm konnte die Polizei nichts. Eine Bank hat er auch einmal ausgeraubt, dafür kam er in Untersuchungshaft. Zu Hause mochte er nicht sein, dort war immer Stress. Aus dem Saal dringt laute Musik zur Bar, ein paar Schwarze rappen.

Viele Mädchen sind gekommen, Amschad beobachtet sie aus den Augenwinkeln. Sie tragen ihre Jeans auf den Hüften, darüber beginnt der Bauchspeck. Amschad bestellt das nächste Bier. Zum Arbeitsamt will er nicht mehr. "Das hält nur auf", sagt er. Die hätten sowieso nichts für ihn. Er deutet auf ein paar Jüngere, auf deren Basecaps und die weiten Baggyhosen. "Die sehen doch aus wie Amerikaner, nicht mehr wie Araber oder Afrikaner." Zu Hause sehen die Eltern arabische Nachrichten. Die Reden des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad werden meist live übertragen. "Auf al-Dschasira zeigen sie täglich tote amerikanische Soldaten im Irak", sagt Amschad. Im deutschen TV nicht.

Drinnen im Saal gibt es kurz vor Mitternacht eine kleine Schlägerei. Wegen eines Mädchens. Alle rennen auf die Toilette, dort haut einer mit der Faust in den Spiegel. Nachher ist Blut auf den Stühlen. Am Ende prügeln sich draußen vor dem Kubu noch einmal welche. Dann ist die Party plötzlich vorbei. Amschad sitzt noch immer an der Bar, er fragt nach jedem Satz: "Interessiert dich das wirklich?" Dass ihm jemand zuhört, ist er nicht gewohnt. Martina Kühn, die Leiterin vom Kubu, eine blonde Frau Mitte 30, läuft vorbei. Sie ist ganz zufrieden mit ihrer Party. Es sei eigentlich ein friedlicher Abend gewesen, sagt sie. Früher sei viel mehr passiert.

Martina Kühn ist selbst in Moabit aufgewachsen. Als ihre Tochter vergangenes Jahr eingeschult werden sollte, waren von 144 Schülern drei Deutsche. Martina Kühn arbeitet jeden Tag mit ausländischen Jugendlichen, sie mag sie. Umgezogen ist sie trotzdem, ihre Tochter geht nun in einem anderen Bezirk zur Schule. Manchmal fragt die Tochter sie auch, warum sie arbeiten gehe. Um sie herum leben fast alle Eltern von Hartz IV. Nicht immer liegt es nur an ihnen. Viele durften nicht arbeiten, haben Jahre im Duldungsirrsinn verbracht. Wenn man Amschad fragt, was er gern machen würde, fragt er zurück: "Meinste einen Traum oder so?" Dann schweigt er, nimmt einen Schluck Bier, schweigt. Es gibt keinen. Einmal hat er überlegt, nach Palästina zu gehen, ins Land der Eltern. Aber er hat gehört, dass Araber in Israel schlecht behandelt werden. Also ist es besser, nicht zu träumen. "Für sich sehen die Jugendlichen kaum Perspektiven", sagt Martina Kühn. Erst vor kurzem hat sich einer der Jungs geweigert, ein Passfoto auf seine Bewerbung zu kleben. "Schwarzköpfe nimmt keiner", hat er erklärt.

Es ist zwei Uhr nachts. Die Sozialarbeiter von Gangway, dem Streetworkerverein, sitzen vorn an der Eingangstür, schauen, ob alles friedlich bleibt. "Von unseren waren nur die Obergangster da", sagt Eva Koch. Seit acht Jahren arbeitet sie in Moabit. In ihrer Jugend sei der Beruf des Straßenfegers eine Drohung gewesen, sagt sie, heute sei es ein Traumjob. Eva Koch ist schon froh, wenn die Jungs nicht im Gefängnis landen. Ihr Kollege fragt: "Wo sollen wir die denn hinintegrieren?" Die Sozialarbeiter wundern sich, dass die Jugendlichen noch so ruhig sind und nicht randalieren wie in Frankreich. Wahrscheinlich liege es am Kiffen, sagen sie.

Ein paar Tage später, an einem der vielen Nachmittage, sitzt Achmed mit einem Freund im Kubu und raucht. Die beiden gehören auch zur Gruppe um die Lehrter Straße. Achmed ist 17, Intensivtäter und der kleine Bruder von Amschad. Er hat drei Jahre auf Bewährung bekommen, nachdem er "alle möglichen" Straftaten begangen hat, nun geht er in Pankow zur Schule, eine Stunde von Moabit entfernt. Er lächelt. Klar, dass er den Weg dorthin nur selten findet. Achmed und sein Freund leben im "Nach-Rütli-Stadium". Probleme wie an der bekannt gewordenen Neuköllner "Terror-Schule" haben sie längst hinter sich gelassen. Nur wenn sie gefragt werden, reden sie über Schule oder Lehrer, in ihrer Wirklichkeit spielen sie keine Rolle mehr.

Der schmale Achmed erzählt, wie er einmal einen Zeitungskiosk überfallen hat, mit einem Elektroschocker. Früher hat er mit den anderen Laptops, Handys oder Rasierklingen geklaut und weiterverkauft. Das reichte für den Tag. Was machen sie mit den Geld? "Essen gehen, verreisen, im Hotel übernachten, Klamotten kaufen", antwortet Achmeds Freund. Sie geben es immer sofort aus. Eigentlich wissen sie nicht, was sie damit anfangen sollen. Sie haben keine großen Ziele oder Wünsche, nur eine diffuse Sehnsucht nach einem Leben, dass sie aus dem Fernsehen kennen: geile Partys, schicke Autos, tolle Reisen. Achmed sieht seine Rettung nun in der Bundeswehr. "Da kann ich keine Scheiße machen." Dann klingelt sein Handy. Asraf haben Achmed und sein Freund schon länger nicht mehr gesehen, wie es um dessen Abschiebung steht, wissen sie nicht. Über solche Dinge reden sie selten. Zu viele schlechte Nachrichten. Dafür kommt Amschad vorbei. Er kennt die Probleme seines kleinen Bruders. Was soll er sagen? Manchmal, wenn ihm die Worte fehlen, schlägt er ihn. Amschad bemüht sich, eine gute Figur zu machen. Aber ab und zu sieht er aus, als raste er im nächsten Augenblick aus. Dann fällt es ihm schwer, klare Sätze zu formulieren, die Worte passen nicht mehr zueinander.

In den meisten Internet-Cafés haben sie Hausverbot

Erst vor ein paar Stunden hat er im Computerraum Briefe vorgelesen. Der neueste Ärger. Im Jobcenter hat Amschad seinem Bearbeiter Papiere an den Kopf geworfen, weil der sie nicht entgegennehmen mochte. Amschad entschuldigte sich, eine Anzeige wegen Körperverletzung bekam er trotzdem, und dann hat er noch zu einem Polizisten "Du spinnst wohl" gesagt. Dafür muss er nun 300 Euro wegen Beleidigung zahlen. Es ist wie ein Kräftemessen, bei dem beide Seiten längst aufgegeben haben.

Amschad verabschiedet sich von seinem Bruder. Achmed und sein Freund bleiben noch. Nachher, wenn das Kubu schließt, werden sie in eines der Internet-Cafés gehen. Mal sehen, ob sie hineindürfen, bei den meisten haben sie Hausverbot.

An einem der darauf folgenden Tage taucht Pepe, der Deutsche, wieder auf. Schlecht gelaunt läuft er durch die Straßen Moabits. Die letzte Nacht musste er in der Gefangenensammelstelle verbringen. Die Polizei hatte ihn mit 15 Tüten Haschisch im Park erwischt. "Wie soll ich das meiner Mutter und meiner Ex erklären?", jammert er. Zwei Jungs spazieren vorbei. "Mittagessen!", ruft Pepe ihnen zu. Er hat schon wieder ein paar Tüten dabei. "Ich muss Geld verdienen", sagt er. Und da ist so ein ungutes Gefühl. Fünf Jahre hatte er sich noch gegeben, dann wollte er aussteigen. Nun muss es früher kommen, das letzte große Ding.

Ins Kubu geht Pepe an diesem Tag nicht mehr. Dort sitzen ein paar Jungs am Tresen und spielen mit ihren Handys "Happy Tree Friends", dabei werden kleine süße Monster massakriert. Einer zeigt seine Freundin auf dem Display, sie ist nackt. Er grinst: "Sie dachte, es bleibt unter uns."

Amschads kleiner Bruder Achmed trainiert im Fitnessraum. In der Schule war er nicht, stattdessen hat er seinen Reisepass abgeholt. In drei Tagen fährt er mit einem Freund in die Türkei. "Zum Erholen." Seinem großen Bruder hat er erzählt, er habe frei. Amschad fragte nicht weiter nach. Ihn hat die Polizei am Ende doch noch in der Wohnung gefasst und mitgenommen. Es ging um das Fahren ohne Führerschein und eine Körperverletzung, an die sich Amschad nicht erinnern konnte. Dann ließen sie ihn wieder gehen. Nun schaut er den Jüngeren im Kubu beim Durchdrehen zu. Asraf ist gerade angekommen. Er nimmt Schaum aus dem Spülbecken der Bar und pustet die anderen voll.

Dann kippen sie gemeinsam einen Ständer um, boxen einander und nennen sich gegenseitig Kanaken. Leiterin Kühn wirft sie hinaus. "Aber nur für eine Stunde", betteln sie.

Das Kubu ist einer der wenigen Orte, wo sie willkommen sind. Manchmal.