GESELLSCHAFT Ist Mulitkulti schuld?

Pro: Die Konservativen haben jahrzehntelang die Integrationspolitik verschlafen.

Gerade aber geht das Abendland unter, denn in einem Berliner »Slum« (Bundesinnenminister Schäuble) mit Namen Neukölln führen die Lehrer einer Hauptschule Klage über ihre undisziplinierten ausländischen Schüler. Nun gilt es, Schuldige zu finden. Verlautbarungen aus dem konservativen Lager zufolge sind die Schuldigen eine Clique linker Ideologen – Variante: Gutmenschen –, die Deutschland bis zum September vergangenen Jahres regiert und im Namen einer so genannten »multikulturellen Gesellschaft« ruiniert haben.

»Probleme, die für jeden auch nur halbwegs aufmerksamen Beobachter unübersehbar waren, wurden scheinheilig verschleiert«, klagt CDU-Fraktionschef Volker Kauder.

Anzeige

Das ist im Wesentlichen richtig. Nur muss offenbar darauf hingewiesen werden, auch auf die Gefahr hin, bereits Bekanntes zu wiederholen, dass Deutschland in den neunziger Jahren von einer CDU/FDP-Koalition unter Helmut Kohl regiert worden ist. Dies waren die Jahre der großen Realitätsverleugnung, als Deutschland glaubte, auf eine Integrationspolitik verzichten zu können, weil es ja offiziell »kein Einwanderungsland« war.

»Deutschland ist kein Einwanderungsland« – so oft wurde dieser Satz wiederholt, dass das Ausmaß der Verdrängung sich sogar quantitativ erfassen lässt. Ab Mitte der neunziger Jahre, als längst die zweite Generation der Einwanderer in die Kindergärten drängt, findet sich das Leitmotiv der konservativen Integrationsverhinderer, in den Medien prominent platziert, Jahr für Jahr an die 40 Mal. Ihren Höhepunkt erreichte die Welle der Realitätsverweigerung mit 156 Nennungen im Jahr des Bundestagswahlkampfes 1998, als Schwarz-Gelb sich gegen die Ablösung durch Rot-Grün wehrte.

Doch die strikte Weigerung, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, ist nicht einmal das schwerste, nur das erste Versäumnis des konservativen Lagers. Schlimmer ist, dass die Union keine Gelegenheit ausgelassen hat, den Zuwanderern in Deutschland klar zu machen: Sie sind unerwünscht. Diese Botschaft zieht sich durch die konservative Ausländerpolitik, von den »Rückkehrprämien« der Kohl-Ära über die Kopftuchgesetze der CDU-regierten Bundesländer bis zu dem eigenartigen Unterwerfungsritual mit Namen »Einbürgerungstest« in Hessen und Baden-Württemberg.

Wer also trägt Schuld daran, dass in Deutschland heute Jugendliche mit Migrationshintergrund aufwachsen, die sich in keiner Sprache ausdrücken können und Karrierechancen allenfalls auf dem Arbeitsmarkt der Parallelgesellschaft haben? Die Union, die in den neunziger Jahren Deutschkurse nur solchen Ausländern zugestand, die offiziell bereits Deutsche waren, den Russlanddeutschen nämlich? Oder jenes Häufchen linker Integrationspolitiker, die in Frankfurt, einer kleinen rot-grünen Insel im schwarzen Deutschland, ein »Amt für multikulturelle Angelegenheiten« gründeten und die ersten »Mama lernt Deutsch«-Kurse organisierten?

Damals versuchten besagte Integrationspolitiker, ihre Landsleute behutsam mit einer neuen Wirklichkeit vertraut zu machen. »Die multikulturelle Gesellschaft«, schrieb Daniel Cohn-Bendit vor fünfzehn Jahren in der ZEIT, »ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner ebenso wie Modernisierungsverlierer, sie hat die Tendenz, in eine Vielzahl von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzubüßen.«

Fünfzehn Jahre später ist auch ein Volker Kauder bereit, das einzusehen. Bizarr ist nur, dass er glaubt, es als Erster gemerkt zu haben.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. @kb269

    Tja, Sie haben eine weitgehende Wahrnehmungsblockade. Die Menschen, von denen Sie reden, haben ihre Heimat in Deutschland und empfinden auch so. Es ist eben ein anderes Deutschland, als das, in dem Sie leben, und welches Sie anbieten möchten. Sie sollten sich mal damit abfinden, dass sich Bürger nicht einfach als Menschen zweiter Klasse abstempeln lassen und auch nicht unbedingt Dankbar sind, wenn sie staatliche Leistungen bekommen, wie andere Steuerzahler auch. Es tut mir Leid für Sie, und für viele andere auch, aber die Migranten emanzipieren und lassen sich nicht von denen abwerten, die sich selbst anders nicht mehr aufzuwerten wissen.

  2. Was eine Claudia Roth von sich gibt, ist eine Sache (ich halte Sie auch teilweise für ziemlich bescheuert), und welche Konsequenzen es trägt, ist eine völlig andere. Vielleicht nochmal die Frage anders formuliert:

    Welche negativen Konsequenzen haben die "linken Gutmenschen" zu verantworten?

  3. Wer eine Sprache nicht kann, wird automatisch zum Außenseiter.
    Aber in Hinblick auch auf Bastian Sicks Bücher möchte ich folgendes anmerken: Machen Sie, die Kommentatoren, sich mal die Mühe, die Rechtschreibfehler aller Kommentare zusammenzuzählen. Ich meine wohlgemerkt nicht die Tippfehler, ich meine die fehlenden Satzzeichen, Anglizismen (Bsp."In 2006"), etc. Viel Spaß.

  4. Ich hatte zwar schon mal auf die Verschiedenartigkeit der Probleme hinsichtlich von Herkunftsländern hingewiesen, aber der sehr gute Rückblick von kurtvw gibt mir Anlaß, auch meine Erfahrungen zum Thema beizutragen.

    Da muß man übrigens gar nicht darauf rekurrieren, daß wir mit der Einwanderung von Schweizern oder Östereichern keine Probleme hätten. Beide Nationen verdanken ihre Entstehung weitgehend den Festlegungen durch Fürst Metternich auf dem Wiener Kongreß 1815. Wären die deutschen Fürstenhäuser einiger gewesen, hätte ein Gebilde wie das Heilige Römische Reich deutscher Nation entstehen können und da wären beide ohnehin Teil Deutschland.

    Aber ich kann mich an die Integration verschiedener Einwandererwellen gut erinnern. Da kamen in den fünfziger Jahren hunderttausende ungarischer Flüchtlinge auf Grund der Niederschlagung ihres Aufstands durch die Sowjetarmee. Die haben sich ganz ohne Sprachkurse, offensichtlich allein durch ihre Intelligenz, innerhalb weniger Jahre vollkommen in die deutsche Gelesellschaft integriert. Oder hört man von Problemen durch Ungarn?

    Dann kamen in den Sechzigern Hunderttausende Gastarbeiter aus Ländern wie Italien, Spanien, Griechenland und eben der Türkei. Hört man etwas von Integrationsproblemen der Italiener oder Spanier oder Griechen? Warum brauchen ausgerechnet die Türken etwas, was alle anderen Migranten nicht brauchen? Sollte tatsächlich etwas dran sein an Robert Lynn´s These von der "Intelligenz der Völker"? Das wäre aber eine Beleidigung der erfolgreichen Integration von hunderttausenden von Türken in Deutschland.

    Und es geht ja noch weiter: Ende der Sechziger kamen hunderttausende Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei wegen der Niederschlagung des Dubcek-Experiments. Hört man etwas von Integrationsproblemen der Tschechen?

    Deutschland und andere europäische Länder haben erfolgreich integriert, wo Integration erwünscht war!

    Allerdings, wie kurtvw schon erwähnt, hat der unkontrollierte Zustrom von Asylanten zu einer immer stärkeren Ablehnung der sog. Migration durch die autochthonen Bevölkerung, übrigens auch durch die integrierten Ausländer, geführt. Damals wurde jede besorgte Stimme über einen absehbaren Eklat der Sozialsysteme aber auch der Identität Deutschlands von den sog. Gutmenschen, die durchweg im Öffentlichen Dienst zu finden sind, als "Deutschtümelei", verunglimpft. Ja, es wurden Sprüche geklopft wie "Wir sind alle Ausländer", die Gegenrektion hat sich in den ersten Wahlerfolgen von rechtradikalen Parteien niedergeschlagen. Wobei als "rechtsradikal" schon ein Spruch wie: Deutschland den Deutschen, galt, ein Spruch, den die Zeitung Hürriyet in ihrerm Titel führt: Die Türkei den Türken.

    Auch ich habe damals (Anfang der Achtziger)Leserbriefe geschrieben, die genau die heutige Entwicklung vorhergesagt haben, da brauchte man ja nur eins und eins zusammenzählen. Sie sind aber von den Gutmenschen in den Redaktionsstuben so mancher Postilien systematisch unterdrückt worden (ich will hier keine Namen nennen, aber sie liegen teilweise noch heute auf der Welle). Eine Folge der anti-nationalen Agitation eines psychiatrisierten, vielleicht auch traumatisierten Teils der Generation der 68-er, der ja den Marsch in die Institutionen angetreten hatten. Und noch bis heute als Gutmensch agiert, falls nicht doch der Schwenk zu Rationalität und Augenmaß gelungen ist...

    Man darf in diesem Zusammenhang auf die Forderung von Stoiber Anfang der Neunziger verweisen, das Asylrecht nur noch als Gnadenrecht, wie sonst überall auf der Welt, zu gewähren. Welch ein Aufschrei der Gutmenschen in den unkündbaren, auswattierten Posten des Öffentlichen Dienstes! Diejenigen, die das ganze finanzieren mußten, die produktiv Tätigen, hatten keine Stimme, jedenfalls keine, die politisch relevant war. Sie waren ja damit beschäftigt, den Schotter herbeizuschaufeln, den die Politklasse mit vollen Händen und ohne Berücksichtigung nationaler Belange verpulverte.

  5. wuenschen sich mit Sicherheit viele Deutsche.

    • kurtvw
    • 15.04.2006 um 11:16 Uhr

    "Welche negativen Konsequenzen haben die "linken Gutmenschen" zu verantworten?"

    Die negativen Konsequenzen die die linken Multikulti-Idiologen(*) zu verantworten haben liegen darin, dass sie mit Wort und Tat zu einer vollkommen unkontrollierten und zahlenmäßig maßlosen Zuwanderung von Menschen aus zum Teil nicht integrierbaren Kulturkreisen verholfen haben, und das ohne demokratische Legitimation. Es kamen Einwanderer, die weder unsere Kultur akzeptieren, noch wir ihre.

    Die schlimmste Konsequenz ist dabei, dass sie damit eine im Zeitalter der Globalisierung sehr gut mögliche positive und als solche auch wünschbare Zuwanderung bis zur Ablehnung in der Bevölkerung diskrediert haben. Es ist eine Schande, dass wir dadurch heute soweit gekommen sind, jeden fremdländisch aussehenden Einreisenden auf einem Flughafen nicht als Besucher sondern als Eindringling zu betrachten.

    Die linken Multikulti-Idiologen(*) haben eine KULTURELLE ZWANGSHEIRAT herbeigeführt!

    (*) Ich weigere mich, diese Leute als Gutmenschen zu bezeichnen. Und wenn ich Id-i-ologen schreibe, so ist das kein Schreibfehler, sonder die Kombination aus Idiotie und Ideologie.

  6. ich warte taeglich dass die Uebergruene ENDLICH in die Tuerkei abwandert..DAS waere ein Bereichung fuer die deutsche Gesellschaft und vielleicht kann sie den Trittin gleich mit nehmen.

  7. Blind genug für die Integrationsprobleme Deutscher aus der russischen Emigration wundert es nicht, dass Sie bei der Bewertung sogenannter Gutmenschen mehr ihre begrenzte Wahrnehmung und Menschenverachtung demonstrieren, als dass Sie irgend einen Zusammenhang erläutern.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service