Ist er jetzt irre, der Distelmeyer? Wiedergeborener Christ? Oder bloß Vater geworden? Verbotene Früchte heißt biblisch das neue Album seiner Band Blumfeld. 75 Jahre lang war Blumfeld der nur Kafka-Lesern bekannte Titelheld einer Erzählung über einen älteren Junggesellen, seit 1990 verbindet man mit dem Namen die interessanteste Popmusik, die sich der deutschen Sprache bedient. Blumfeld-Alben heißen Ich-Maschine, L’Etat et moi oder Testament der Angst. Und jetzt Verbotene Früchte. Im ersten Lied kreisen Möwen, eine Krähe hackt den Schnee, am Ende lässt Distelmeyer die Raben ziehen. Dazwischen defiliert die komplette Besatzung von Noahs Arche vorüber: Kühe und Schafe, Löwen und Tiger, Qualle, Mondfisch und Gnu dazu. Nicht zu kurz kommt auch die Flora: Rhododendron und Apfelbaum, Goldwolfsmilch und Alpenveilchen, Hyazinthen und Vergissmeinnicht. Rückzug ins Private? Jochen Distelmeyer, Andre Rattay, Lars Precht und Vredeber Albrecht sind Blumfeld (von links) BILD

Was also ist los mit Jochen? Viele Leute nehmen es nämlich sehr persönlich, wenn Jochen Distelmeyer eine neue Platte macht. Von Blumfeld erwarten sie mehr als von anderen Bands. Im Vorfeld kursierten Jochen-Gerüchte: Mit Ratzinger habe er sich beschäftigt, religiös sei er geworden. Im Kaffeesatz der Halbwahrheiten wird gelesen, wie einst, wenn Bob Dylan mal wieder die Konfession gewechselt hatte oder vom Motorrad gefallen war. Blumfeld-Platten markieren Wendepunkte im Leben. Millionen von Leuten, die zwischen Hitler-Wahl und Wunder von Bern geboren wurden, sortieren ihr Leben in den sechziger Jahren mit Beatles-Songs: Yesterday – erster Kuss, Norwegian Wood – erster Joint, Happiness Is a Warm Gun – erster Sex. Ein paar Zehntausend besser gebildete Westdeutsche tun das mit Blumfeld. Ihre Platten sind Wegmarken deutscher Biografien seit dem Mauerfall: Mölln & Hoyerswerda, Volontariate & Praktika, Zizek & Derrida, rotgrüner Sieg & rotgrüner Krieg – lässt sich alles erzählen mit Songs wie Superstarfighter, Lass uns nicht von Sex reden, Diktatur der Angepassten. Und jetzt: Kinder kriegen und dem Schnee zugucken? Onkel Distelmeyers Tierleben?

Schon werden die ersten Nachrufe geschrieben, fertige Phrasen gedroschen. »Wo bleibt das Politische?« Weil auf den ersten Blick kein Song wie Diktatur der Angepassten zu entdecken ist, wird der »der Rückzug ins Private« kritisiert. Komischerweise besonders laut aus der feingeistigen Abteilung von Blättern, deren Politik- und Wirtschaftsressorts genau das repräsentieren, was Bands wie Blumfeld seit 15 Jahren bekämpfen. Blumfeld sind nämlich – es muss hier mal in aller uneleganten Klarheit gesagt werden – eine linke Band. Seit Jahren wehren sie sich gegen jede Vereinnahmung für die nationale Sache, gegen die wiederholten Versuche, Blumfeld zum Aushängeschild einer spezifisch deutschen Pop-Coolness zu machen.

Bereits Anfang der Neunziger waren sie dabei, als versprengte Kulturlinke sich zu »Wohlfahrtsausschüssen« zusammentaten. Viele, viele Solokonzerte, Grenzcamps und Wortmeldungen später haben Blumfeld gute Gründe, genervt zu reagieren, wenn ihnen Edelfederchen mangelnde Radikalität vorhalten, weil die Texte nicht explizit genug sind. Explizit wie auf dem vorletzten Album, als ein Gedicht von Rolf-Dieter Brinkmann durch die Distelmeyersche Ich-Aneignungs-Maschine geschleust wurde. Heraus kam Alles macht weiter: »Die Geschichte macht weiter, die herrschende Klasse, der Hass auf die Frauen, die Versklavung der Massen, das Leben nach Vorschrift, die Vernichtung der Vielfalt…«, heißt es da, politisch eindeutig. Aber schon hier, im selben Song, machen auch Flora und Fauna weiter: »Planten un Blomen, Enten und Schwäne, Vögel ziehen übers Meer, und der Wind weht, wohin er will…«

Natur und Politik koexistieren schon länger in Blumfelds Lyrik. Sie sind da im Namen einer höheren Dialektik unterwegs. Zu hoch für die schlichten Antagonismen ihrer Kritiker, denen zu Natur nur Rückzug ins Private einfällt. Distelmeyer verkabelt den hehren Adorno mit dem per Definition antihehren, profanen Pop, beide Lektüren und Erfahrungen sind unhintergehbar im Leben eines bald Vierzigjährigen, der vom linksprotestantischen Millieu einer ostwestfälischen Provinzjugend ebenso geprägt ist wie von der Speed-fiebrigen Dauerdebatte Hamburger Pop- und Politschulen. Derart imprägniert, glotzt man nicht romantisch auf die Natur und vergisst Auschwitz vor lauter Alpenveilchen und Vergissmeinnicht. Vergissmeinnicht und vergiss Auschwitz nicht, das ist der Balance-Akt der Verbotenen Früchte, oder, tiefer gehängt: Blumfeld haben genug politische Claims abgesteckt, um sich verbotenen Früchten zu widmen. Romantik, Naturbetrachtung, Fabulieren, komische Instrumente ausprobieren, ein Spinett, eine Sitar, Ornament muss kein Verbrechen sein. Sogar davon, »ohne Vorbildung an Liedtraditionen von Schubert und Schumann anzudocken«, ist bei Jochen neuerdings die Rede. Den Reichtum der Erfahrungen als Reichtum begreifen, ohne alle drei Minuten politische Wasserstandsmeldungen durchgeben zu müssen. Beim Fußball hieß das mal: über den Kampf zum Spiel finden.