Pop Für den ApfelkuchenSeite 2/2

Wie die Worte fließen bei den verbotenen Früchten! »Jonagored, Novajo / Elstar, Karmijn, Rubi / Winterprinz, Ontario / Gravensteiner, Fuji / Berlepsch, Melrose, Ida Red…«Das könnten schicke Bandnamen sein (Ida Red ist ein Bandname!), in Distelmeyers Mund geraten sie zum poetischen Rap. Allein, es geht um Apfelsorten: »…kannst du mal versuchen / Und Geheimrat Oldenburg / Für den Apfelkuchen«, empfiehlt Blumfelds Apfelmann. Wer sich daran nicht freuen kann, dem wurde als Kind kein Apfelkuchen gebacken. Und nur wer als Kind keine Kunstwörter und Fantasiesprachen erfand, wird sich dem Strobohobo verweigern. In sechs Minuten singt Distelmeyer 244-mal den Urvokal O. Nicht mitgezählt das inkorrekt gesungene o in von Gogh. Gedruckt geht das nämlich so: »Von seinem Poster grinst van Gogh / Bis über beide Ohren.« Hatte er da noch beide Ohren? Nörgler werden Strobohobo als Kunsthandwerk abtun. Klar demonstriert Distelmeyer seine Wortgewalt, aber vor lauter O kommt die Story nicht unter die Räder. Große, auch alberne Songs, wie überhaupt eines maßlos unterschätzt wird bei Blumfelds heiligem Ernst: ihr Humor. Aber auch der Humor eines Leonard Cohen und eines Bob Dylan ist ja bis heute nicht angekommen in diesem Land, ob ihrer poetisch-erhabenen Tiefe.

Wie Joni Mitchell haben Cohen und Dylan den Songschreiber Distelmeyer begleitet auf dem langen Weg von der Hamburger Post-Hardcore-Härte zum lichten Klang von heute, den sich viele mit dem Kampfbegriff Schlager vom Leib halten. Dabei bieten Blumfeld offene Peinlichkeitsflanken, schon immer und mit den Jahren immer mehr. Je nach Tagesform kann einem der ganze Naturkram schon gehörig auf die Nerven gehen. Was aber nichts daran ändert, dass es sich hier um tolle Liedkunst handelt. Das muss auch zugeben, wer keinen Jambus vom Blankvers unterscheiden kann und einen trochäischen Sechsheber nicht erkennt, wenn er ihm über den Weg läuft. Also alle.

Im Übrigen ist Verbotene Frücht e natürlich die Platte eines frisch gebackenen Vaters. Neben dem Raunen um die neue Religiosität sickerte im Vorfeld auch die Nachricht von einem neuen kleinen Distelmeyer in die Blumfeld-Gemeinde. Mit diesem Wissen hört man eine ganz andere Platte. Am Ende möchte man den kleinen Kerl beneiden um die entzückenden Märchen und Fabeln, die ihm sein Papa da vorsingt. Selbstverständlich weist Jochen Distelmeyer diese Deutung zurück. Die monokausale Verknüpfung von Leben und Werk verkommt zwangsläufig zur Promo-Homestory mit Babyfotos, auch wenn es keine Fotos gibt. Nein, darüber möchte er nicht reden, und überhaupt waren die Songs ja schon vorher fertig.

Was nichts daran ändert, dass Kleines Lied das schönste Schlaflied ist, das man sich wünschen kann. Fast so schön wie das Abendlied aus dem Testament der Angst: »Kleines Lied / Es kommt zu mir / Kommt und will mich tragen / Flüstert leise:/ Nimm es nicht so schwer.« Aber das, lieber Leser, muss man hören, denn er ist ein Sänger, der Jochen.

 
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