Pop Punk-Café Abgrund

The Dresden Dolls aus Boston lehren stilvoll das Gruseln

Dass Deutsche im Regelfall nicht dazu neigen, Zigarettenspitzen oder Federboa zu tragen und, wenn sie nicht gerade Max Raabe heißen, auch kein Liedgut aus den Zwanzigern zum Besten geben, muss man Amanda Palmer nicht erzählen, schließlich hat sie als Studentin selbst mit einem Theatertrupp das Land bereist. Anderseits: Wer sagt denn, dass Realismus alles ist, wenn es darum geht, die Welt in den eitrigen Farben des Untergangs zu malen?

The Dresden Dolls heißt das Duo, das Palmer eigens zu diesem Zweck mit Schlagzeuger Brian Viglione gegründet hat, obwohl sie nachweislich aus Boston kommt: Der Name klang halt so zart nach Puppen und so beziehungsreich nach Bombenkrieg. Und Bilder vom nahenden Abgrund sollen sich einstellen, wenn die beiden zum nunmehr zweiten Mal ihren kleinen Horrorladen aufschließen, Amanda Palmer als Pianistin im engen Schwarzen mit hochgerutschtem Saum, Brian Viglione in Nadelstreifen und Melone – Nachtschattengestalten mit unfrohen Botschaften, die das Düstere und Dekadente am Zeitgenössischen hervorkitzeln.

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»Brechtian Punk Cabaret« nennen sie ihren Stil noch immer auf ihrer Homepage, wobei »Brecht« genau wie »Dresden« mehr als Metapher zu verstehen ist: für jene Art von Grusel, die Amerikaner als Importware beziehen, weil positives Denken eben auch nicht alles ist, weil das Alte Europa, was artifizielle Fieberträume anbelangt, zu Weimarer Zeiten einfach mehr zu bieten hatte, und weil sich im Schutz greller Etiketten, ohne die bekanntlich nichts geht in der Popkultur, von allem Möglichen erzählen lässt – auch und gerade von Dingen, von denen Brecht keine Ahnung hatte.

Die Stücke der Dresden Dolls kreisen um den Krieg der Gerüchte ebenso wie den Krieg der Geschlechter, eines von Palmers Dauerthemen, sie widmen sich den Freuden der Minibar mit demselben Humor wie dem weiblichen Orgasmus. Bereits das Debut besang münzbetriebene Liebhaber und mechanisierte Lüste, der Nachfolger Yes, Virginia bringt das Kunststück fertig, einen Schritt weiterzugehen, ohne dabei in die drohende Klischee-Falle zu tappen. Wieder ächzt die mechanische Bühne unter dem Gewicht 13 morbider Szenen, und wieder geht der Blick auf eine Guckkastenwelt, über der ein böser Theatermond steht. Unter den dicken Schichten weißer Schminke allerdings pulsiert stärker als zuvor der Punk der Bostoner Schule, und insgesamt kommt das Grauen auf leiseren Sohlen einhergeschlichen.

So etwas gefällt Amerikanern wie Deutschen, gerade weil es längst nicht mehr um verortbare Wirklichkeiten, sondern um Stimmungen geht, die mit viel Pathos aus dem Piano gehämmert werden, während Viglione an seinem Schlagzeug rumpelt und pumpelt und sein schönstes Haifischlächeln dazu lächelt. Ob mit oder ohne Brecht – nobel geht die Welt zugrunde, am prachtvollsten in Mrs. O, dem besten Stück der neuen Platte. »Ev’rybody’s saying grace, and tryin’ to keep a happy face«, deklamiert Amanda Palmer, bevor ausnahmsweise eine Moral von der Geschicht formuliert wird: »The truth can’t save you now.« Die Wahrheit – auch nur eine Form der Lüge. Wahrscheinlich gruselt es Amerika derzeit vor sich selbst am meisten.

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    • Quelle DIE ZEIT 20.04.2006 Nr.17
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    • Schlagworte Pop | Musik | USA | Punk | Dresden | Popkultur | Boston | Europa
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