50 Musikklassiker der Moderne Hundert Gelenke

Edgar Varèses "Ionisation" in der ZEIT-Reihe "50 Musikklassiker der Moderne"

Es war einmal ein Knabe, der lebte in der Mojavewüste. Er war dreizehn Jahre alt, hieß Frank Zappa und stieß auf einen Artikel des Sam Goody’s Record Store, der beschrieb, wie es das Geschäft mit mysteriösen Tricks schaffte, das Plattenalbum The Complete Works of Edgard Varèse zu verkaufen. Das Produkt wurde als befremdlicher Wirrwarr von Schlagzeugklängen und anderen unerfreulichen Geräuschen beschrieben. Wie im wirklichen Leben hängt auch in der Wüste vieles vom Zufall ab. Der Knabe stößt wenig später auf eine Kiste mit Juke Box Used Record Dump und findet eine LP mit schwarzweißem Cover. »Darauf war das Bild eines Mannes mit grauen Haaren. Er sah aus wie ein verrückter Wissenschaftler. Ich dachte: Großartig, dass endlich jemand eine Platte von einem verrückten Wissenschaftler herausgebracht hat.« Und das war sie – die Platte mit dem Stück: Ionisation von Edgard Varèse für dreizehn Schlagzeuger. Dieses Stück leitete ein neues Zeitalter des Rhythmus ein. Es ist eine Manifestation der Moderne.

Ionisation beginnt nicht als Schlagzeuggewitter und rappelt nicht los wie der leibhaftige Weltuntergang. Die Komposition, 1931 fertiggestellt, klingt viel aufregender: nach dem Erwachen der Großstadt, des Ungeheuers, das »hundert Gelenke zugleich« regt, das die Simultaneität von 43 (so viele Schlagzeug-Instrumente sind beschäftigt) gleichzeitigen Ereignissen darstellt. Es ist ein geheimnisvolles Ineinander von Ferne und Nähe, von Tempospuren und stotternden Bewegungen, von feinem Dröhnen und ruppigem Rasseln, von vorwärtstreibenden Schlägen und verwehenden Rhythmen. Sirenen sind dabei und Löwengebrüll (ein Instrument, das nicht nur so heißt, sondern auch so klingt), Röhrenglocken und ein Klavier, das mit den Unterarmen traktiert wird.

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Ionisation hat eine breite Rhythmusspur durch die Musikgeschichte gezogen, es hat die Schlagzeugstücke von John Cage ausgelöst und weist voraus auf Iannis Xenakis’ Persephassa oder Wolfgang Rihms Tutuguri- Räusche. Heute existieren viele Schlagzeugensembles mit einem breiten Repertoire, und deren Fortschritte haben auch vor Ionisation nicht Halt gemacht: Wo einstmals 13 Spieler zappelten, genügen jetzt sechs.

Geblieben ist aber die Erregung, die das Stück auslöst, dass Musik zum Naturereignis wird und zugleich ein komplexes Gewimmel und Gewusel modelliert wie bei der Kollision von Molekülen (Ionisierung, woran Varèse vermutlich gedacht hat). Um mit Frank Zappa zu sprechen: »Wenn du fünfzehn bist und in der Mojavewüste wohnst, und du findest heraus, dass der größte Komponist der Welt (der außerdem aussieht wie ein verrückter Wissenschaftler) in einem geheimen Labor in Greenwich Village an einem Lied über deine home town arbeitet, kann das schon verdammt aufregend sein.«

Ionisation(Sony BMG sk45844)Edgard VarèseBuch
 
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    • Quelle DIE ZEIT 20.04.2006 Nr.17
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    • Schlagworte Frank Zappa | Musik | John Cage
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