DIE ZEIT: Was war für Sie Freuds größte Leistung, was seine größte Fehlleistung? Der strenge Blick des Meisters - doch wie stark ist Freuds Einfluss auf die moderne Psychologie? BILD

Marianne Leuzinger-Bohleber: Er hat eine Methode geschaffen, die sich heute noch eignet, Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen nachhaltig und gut zu behandeln. Das ist für mich die wichtigste Leistung. Und wenn Sie mich als einzige Frau in diesem Kreis nach seinen Fehlern fragen: In Sachen Interpretation der Weiblichkeit war er ein Mann seiner Zeit. Da haben wir inzwischen sehr viel dazugelernt.

Hans Förstl: Die größte Leistung war sicher die als kulturhistorisches Phänomen. Bei uns in Bayern wurde Freud im katholischen Religionsunterricht der Oberstufe gelehrt. Er stellte also eine Art von Ersatzreligion dar. Doch vieles von dem, was er so erfolgreich zusammengeschrieben hatte, gab es schon vorher. Ich zweifle die Leistung Freuds als Entdecker – etwa als Entdecker des Unbewussten – vehement an.

Peter Riedesser: Um die Jahrhundertwende, um das Jahr 1900, als es nur eine biologistisch triviale Psychiatrie gab, als die innere Konfliktwelt von Menschen, vor allen Dingen von Kindern, völlig unbekannt war, hat Freud eine Theorie für die psychische Entwicklung aufgebaut, in der er aus allen möglichen Gebieten die besten Informationen zusammengetragen hat. Alles war natürlich irgendwie bekannt, aber er hat eine Sicht auf die menschliche Entwicklung geschaffen, auf die innere Welt. Das ist seine größte Leistung.

ZEIT: Dieter E. Zimmer hat einmal sehr zugespitzt formuliert: Wer so viel schreibe wie Freud, schreibe rein statistisch auch mal was Richtiges. Herr Markowitsch, was können Sie sehen, wenn Sie Patienten in den Kernspintomografen schieben? Entdecken Sie den Penisneid?

Hans Markowitsch: Was wir in der modernen Neurowissenschaft bestätigen können, ist die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung. Mit Hilfe der Kernspintomografie können wir erkennen, was tatsächlich auf unbewusster Ebene abläuft und was an Interaktion zwischen Emotion und Kognition auf der Ebene des Gehirns repräsentiert ist.

ZEIT: Einer Ihrer Patienten hat bei einem Brand einen Gedächtnisverlust erlitten, offenbar, weil er als Kind ein sehr schreckliches Erlebnis mit Feuer hatte. Hier scheinen viele Freudsche Kategorien angesprochen: die frühkindliche Entwicklung, die Verdrängung…

Markowitsch: Da ist die Brücke gegeben zu dem, was Freud erkannt hat: dass die frühe Kindheit sich schon ins Hirn einbrennt. Heute würden wir sagen, dass Stresshormone freigesetzt werden, dass die Hormone bestimmte Bereiche im Gehirn blockieren, dass durch die Blockade der Gedächtnisverlust erklärbar wird. Aber hinter alldem steht, dass sich die Umwelt tatsächlich aufs Gehirn auswirkt, wie Freud es postulierte.

Frank Rösler: Wir haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Hirnforschung gelernt, dass unser Gehirn unheimlich plastisch ist, dass es sich funktionell und strukturell im Laufe des Lebens verändert. Wir gehen aus dieser Diskussion hier nicht mit demselben Gehirn raus, mit dem wir sie begonnen haben. Wir werden Gedächtnisspuren mitnehmen. Die laufen nicht nur als elektrische Erregung weiter, sondern einige davon werden sich wahrscheinlich auch biochemisch einbrennen. Das ist unser Gedächtnis, das ist letztlich unsere Persönlichkeit.

Förstl: Was hat das mit Freud zu tun? Werden jetzt die Thesen Freuds durch die Neurobiologie unterfüttert, nachdem es ihnen vorher an Substanz mangelte? Seine Thesen sind so groß, dass sie kaum falsifizierbar sind.

Rösler: Er war zumindest Katalysator in dieser Zeit. Da liegt für mich die größte Leistung von Freud, seine kulturhistorische Bedeutung.

Förstl: Wir sitzen hier im Leibniz-Saal. Schon Leibniz hat indirekt etwas wie das Unbewusste postuliert. Aber der Psychoanalyse ist es gelungen, den Begriff des Unbewussten für sich zu reservieren und mit Freud zu verknüpfen. Was der Mensch ein Leben lang macht, ist Psychoanalyse. Wir denken ständig darüber nach, was in unseren eigenen Köpfen und in den Köpfen anderer Leute vorgeht. Die Idee, diesen Begriff für sich, für seine eigene Kirche, zu reservieren ist natürlich eine geniale Leistung.