Riedesser: Der Härtetest, ob wir Therapeuten Unsinn reden oder nicht, sind im Zweifel Kinder und Jugendliche. Die sagen: »Das ist Quatsch, was du da sagst.« Wir würden uns wahrscheinlich viel einiger sein, wenn wir jetzt über einen konkreten Jugendlichen sprechen würden, einen 18-Jährigen etwa, der einen Selbstmordversuch unternommen hat. Wie können wir ihm helfen? Was hat er für ein Selbstwertproblem? Warum kriegt er keinen Wutanfall, sondern schluckt Tabletten? Wir müssen doch verstehen, was in Menschen, in Gruppen, in Familien abläuft. Tolstoj, Dostojewskij und alle Dichter sind uns doch um Längen voraus. Da müssen wir als Psychiater oder Psychoanalytiker uns noch wahnsinnig anstrengen, um differenzierte Konfliktkonstellationen so formulieren zu können. Das sind doch die hervorragendsten Psychologen. Sie haben die Maßstäbe gesetzt.

Förstl: Die Psychoanalyse ist also ein Kondensat der Literatur, angefangen bei den Mythen der Griechen. Natürlich werden in der Literatur grundlegende menschliche Probleme beschrieben, die Freud versucht hat, in seine Lehre zu integrieren. Aber was hat er uns an prüfbaren Hypothesen hinterlassen, die zu erfolgreichen Therapieansätzen führen? Ich glaube nicht, dass das Zuhören, das Sie pflegen, und das Einigen auf ein gemeinsames Mantra nach Wochen, Monaten, vielleicht Jahren der Therapie, wirklich etwas Innovatives haben. Es ist eine grundsätzliche Eigenschaft eines menschlichen Dialogs.

Riedesser: Freud hat gegenüber dem psychotherapeutischen Nihilismus der traditionellen Psychiatrie eine Psychologie der mitmenschlichen Zusammenhänge, der intrapsychischen Konflikte, der Fantasien entwickelt. Das ergibt ein Bild davon, was die psychische Welt im Innersten zusammenhält. Das muss weiterentwickelt werden, selbstverständlich.

Leuzinger-Bohleber: Freud war auch ein Kulturtheoretiker. Wenn wir versuchen, Menschen zu verstehen, nehmen wir natürlich die biografisch-individuelle Perspektive ein, aber wir haben immer auch einen Blick auf die Kultur. Die Zunahme der Depressionen ist im Moment nicht nur ein individuelles Problem, sie zeigt eine gesellschaftliche Schattenseite der Prozesse, in denen wir stecken, der Beschleunigung, der Orientierungslosigkeit im Wertebereich. Wir diskutieren im Moment sehr intensiv, ob uns die depressiv Erkrankten nicht auch einen Spiegel vorhalten.

Die Teilnehmer

Hans Förstl: Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum rechts der Isar der TU München

Marianne Leuzinger-Bohleber: Psycho- und Lehranalytikerin an der Universität Kassel, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main

Hans J. Markowitsch: Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld, Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Forschung

Peter Riedesser: Ärztlicher Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Frank Rösler: Professor für Allgemeine und Biologische Psychologie an der Philipps-Universität Marburg und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Das Forum ist eine gemeinsame Veranstaltung von ZEIT und ZEIT-Stiftung. Das vollständige Transkript des Gesprächs können Sie hier als pdf-Datei herunterladen

Das Gespräch führten Andreas Sentker (DIE ZEIT) und Ulrich Blumenthal (Deutschlandfunk)