Interview Komplizierte GefühlslagenSeite 3/3
Moreau: …war bei Kriegsende nicht in Paris. Das hat mir gepasst. Ich war frei. Ich begann, mich für Jungens zu interessieren, sie erklärten mir die Flugzeugtypen, und während der Fliegeralarme saßen wir im Dunkeln, in den Tunneln der Metro, knutschten herum und machten so Dinge. Aber mein Vater stammte mitsamt seiner Erziehung aus dem 19. Jahrhundert. Er wollte nicht, dass ich Schauspielerin werde. Insofern bin ich ihm dankbar – ich bin an seinem Widerstand gewachsen. Vor ein paar Tagen habe ich einen Filmpreis in Istanbul bekommen und mir gedacht, siehst du, Vater, selbst in der Türkei schätzen sie meine Arbeit.
ZEIT: In Deutschland auch. Hier ist und bleibt Truffauts Jules und Jim Ihr beliebtester Film. Ein zartbitterer Ausblick auf das moderne 20. Jahrhundert: Freie Liebe, eine ménage à trois, wahre Freundschaft über den Rhein hinweg, alles schien möglich – vor dem Ersten Weltkrieg. Das passte sehr schön in die Emanzipationsromantik der sechziger Jahre, nicht wahr?
Moreau: Ach, die meisten Leute, die sich heute an den Film erinnern, haben vergessen, wie die Geschichte endet. Ich fahre im Auto mit Jim über eine Seine-Brücke in den Tod: ein Selbstmord und ein Mord.
ZEIT: Ein moralisches Drehbuchurteil über alle Dreiecksverhältnisse dieser Welt?
Moreau: Nicht ganz. Jules und Jim zeigt einfach nur, dass eine ménage à trois eigentlich unmöglich ist, weil die Gefühlslagen zu kompliziert sind. Manche Leute sagen heute, dass moderne Frauen Sex ohne emotionales Engagement haben können. Aber das Unglück zeigt sich dann in ihren Gesichtern, in ihrer Körpersprache. Wissen Sie, diese Leute, die einfach nur sexuelle Erfahrungen sammeln – die essen, verdauen, essen, verdauen und Ende. Wie Fast Food.
ZEIT:Jules und Jim hat damals für das deutsch-französische Verhältnis mehr getan als das diplomatische Corps beider Länder. Es war in Deutschland die Phase der romantischen Wiederentdeckung Frankreichs. Neben den Filmen die Musik und die Chansons: Georges Brassens, Jacques Prévert, Juliette Gréco, Edith Piaf – und Ihre Platten nicht zu vergessen. Alles perdu, wie man auf Deutsch sagt?
Moreau: Ich hoffe nicht. Ich habe später sehr gerne mit Fassbinder, mit Wenders und Klaus-Michael Grüber gearbeitet. In Grübers Die Erzählung der Magd Zerline von Hermann Broch habe ich 300-mal auf der Bühne gestanden. Hanns Zischler lag die meiste Zeit auf dem Sofa und sagte fast nichts. Das war seine Rolle. Aber er war großartig.
ZEIT: Sie haben den Text mit ihm umgearbeitet…
Moreau: Ja, Brochs Sohn war gestorben, und dann haben wir den Text für die Bühne angepasst. Er konnte nicht mehr protestieren. Und in Japan haben wir Triumphe gefeiert.
ZEIT: Ein anderer Film, Louis Malles mexikanisches Revolutionsepos Viva Maria, hatte eine besondere Fangemeinde in Berlin, die Kommune 1 mit Rainer Langhans, mit Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und einigen anderen – die glaubten, in dem Film, in dem Sie ganz nebenbei den modernen Striptease erfinden, entfalte sich das Modell des wahren Lebens, Sex und Bomben, die Befreiung der Menschheit.
Moreau: Na ja, Revolution und Sex, wenn man jung ist… Ich meine, der Sex-Antrieb ist doch der stärkste im Leben. Er kann auch Revolutionen inspirieren.
ZEIT: Die Studentendemonstrationen im Frankreich dieser Tage haben aber gar nichts Revolutionäres…
Moreau: Die 68er wollten die Gesellschaft verändern, die Demonstranten von heute sind bescheidener, sie wollen an ihr teilhaben, sie wollen dazugehören. Ich meine, diese Chiracs und Villepins – hin und wieder buchstabieren sie das Wort »Demokratie«, aber das heißt doch, dass sie von den Bürgern gewählt worden sind und zuhören sollten. Andererseits – Chirac haben sie ja nur gewählt, weil sie Le Pen nicht haben wollten. Er sollte also dankbar sein, statt sich zu beklagen wie Berlusconi.
Das Gespräch führte Michael Naumann
- Datum 20.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 20.04.2006 Nr.17
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Endlich mal ein Interview mit dieser großartigen Schauspielerin! Und schade, daß Sie nicht noch ein paar Seiten anfügen konnten, besonders hier in der web-Version.
Vorschlag: stellen Sie doch das Interview in der Original-Version ins Netz und gönnen Sie uns den Spaß, Madame Simone in der Original-Diktion lesen zu können!
Bon courage!
Egbert Hoppe
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