Ausstellung Für immer Disco
Die Jugend ist umstellt vom Jugendwahn der Alten. Was heißt da noch Jungsein? Eine Abgrenzung aus Anlass der Frankfurter Ausstellung »Die Jugend von heute«
Die Wirklichkeit will wieder einmal keiner sehen. Dabei ist sie da draußen, ganz ungeschminkt: Sie ist verpickelt und maskiert, blondiert, gesträhnt und unfrisiert, trägt teure Sneakers oder genau die eben nicht, sie glaubt das alles oder schon längst nichts mehr, hört über weiße Ohrstöpsel Unplugged-Musik genauso wie New Yorker HipHop, Rio Reiser und Tokio Hotel. Man sieht sie im Internet virtualisiert, aus der Politik pulverisiert und vergisst dabei fast, dass sie vor allem ganz real pubertiert. Egal, wie man sich die Jugend von heute vorstellt: In Wirklichkeit sieht sie anders aus. Ein Bild von ihr zu zeichnen gelingt natürlich nicht.
In der Frankfurter Schirn wird derzeit eine Ausstellung gezeigt, die den Titel Die Jugend von heute trägt. Zu sehen sind Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Videos und Skulpturen, 160 Werke insgesamt, zusammengesetzt zu einer Lebenswelt aus kaputtem Pomp und Punk, saturiertem Nihilismus und verblassenden Graffiti. Da ist das abgerockte Schlagzeug und viel abgefucktes Fleisch. Magersüchtige Knochen ragen hervor, Che Guevaras Pumpgun und der ausgestreckte Mittelfinger des besprühten Affen, der auf den planetarischen Aufstand im Film verweist. Es ist ein kaleidoskopischer Katalog jugendkultureller Insignien; wer ihn durchstreift, schleicht gleichsam durch die Hallen der eigenen Erinnerung. Man wird das Gefühl nicht los, das alles bereits gesehen zu haben, vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren.
Die Ausstellung ist ein Spiegelkabinett voller Wiedererkennen – vorausgesetzt, dass man den ihr zugrunde liegenden Gedanken bestätigt wissen will. Matthias Ulrich, 36 Jahre alt und ihr Kurator, sagt, er habe die Idee zu der Ausstellung gehabt, weil er Teil einer Generation sei, die die Jugendphase ausgedehnt habe. Jener »Jugend von heute«, die auch mit 30, 40 und 50 Jahren nicht aufhören will, Turnschuhe zu tragen und abends in Clubs rumzustehen, ein fröhliches Pils an den Lippen und die angesagtesten Platten im Ohr. Die einfach nicht den Schopf aus dem Trockeneis-Nebel ziehen will.
Jugend als eigenständige Lebensphase entstand erst durch die verlängerten Ausbildungszeiten. Mit ihnen poppte ein Freiraum auf, ein Freizeitraum, für den es keine kulturelle Vorprägung gab. Je weiter sich der Eintritt in das Erwerbs- und Ehe- und eben ernste Leben nach hinten verschiebt, umso länger kann dieser Raum mit dem gefüllt werden, was sich Jugendkultur nennt. Heute dürfen Menschen auch weit über die 40 hinaus Schlumpf-Techno hören, statt Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Dass viele scheinbar ewig bei H&M einkaufen, in WGs leben, Praktika machen und nichts für die Altersvorsorge tun, hat natürlich nicht nur mit Berufsjugendlichkeit zu tun. Keine Anstellung auf Lebenszeit zu finden ist kein Monopol der Jugend, und Flexibilität wird heute von allen verlangt. Aber wer glaubt, die Grenze zum Erwachsensein sei ein Gummiband, das sich immer weiter dehnen lässt, sitzt einem Missverständnis auf.
Vielleicht ist es nur konsequent, dass von den 50 Künstlern, deren Werke die Schirn zeigt, drei über 50 sind, aber nur einer jünger als 25 ist. Denn die Jugend selbst macht sich kein Bild von sich: Sie beobachtet sich in ihrem Jugendlichsein nicht. Jugend ist ein täglich neues Vermessen des Selbst, ein unbekanntes Land der ersten Male.
- Datum 20.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 20.04.2006 Nr.17
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eine große leere breitet sich in meinem kopf aus. bevor ich mich angemeldet habe wusste ich genau was ich schreiben wollte. aber nachdem ich 15 min drüber nachgedacht habe fiel mir mal wieder auf, dass mein kopf ein schwamm ist der blaues wasser aufnimmt und rotes abgibt. die unmöglichkeit der objektivität macht mich bewegungsunfähig wenn es darum geht meine meinung zu sagen. ich bitte also um nachsicht in den folgenden zeilen. es sind nur eindrücke eines menschen der sich subjektiv als dinosaurier fühlt obwohl er erst 24 ist.
zuvor sollten jedoch einige informationen zu meiner person nicht fehlen. ich studiere amerikanistik, politikwissenschaft und rechtswissenschaft im achten semester an der uni mainz. ich höre fiel und gerne musik, reise sehr gerne mit dem rucksack durch die welt, mag lange gespräche bei grünem tee und ab und an wird auch mal auf die kacke gehauen.
in meiner einschätzung der heutigen jugendkultur möchte ich primär auf musik fokusieren.
als jemand, der im rock/grunge/punk und folk zu hause ist, ist die musikentwiclkung der letzten 10 jahre sehr fragwürdig. wenn wir annehmen, das musik und ihre videos wünsche und träume symbolosieren (vgl. mitroff und bennis ” the unreality industry”) ist die entwicklung eine katastrophe. nicht nur kinder/teenager/junge erwachsene sondern erschreckender weise auch deren eltern laufen dem popwahn hinterher. es entwickeln sich eine unerträgliche oberflächlichkeit in vielen dingen.
wahrheit kann es nicht geben, allerdings kann ein grad an wahrheit durchaus gemessen werden. fraglich bleibt wie tief die wahrheit im massenwahn gesunken ist. ich denke, speziell musik ist ein medium, was es schaffen kann menschen selbstkritisch zu machen. Guthrie, Ochs, Morrison, Dylan, Lennon und Wilson waren künstler die es verstanden einen spiegel aufzustellen und der gemeinschaft identität zu geben. eine gewisse reflektion des seins. dies hatte zur folge, dass sich viele menschen mit sich beschäftig haben und selbstkritisch wurden, später folgte z.b. nirvana und kurdt kobain sang verweifelt „come as you are“. dieses aufforderung ist einfach zugleich jedoch genial. sie impliziert die frage: who am I?. durch diese frage bleibt einem wenig anderes übrig als selbstkritisch zu werden.
diese bands aus den den sechzigern und den neunzigern haben einiges gemeinsam: sie waren alle dem massenmarkt zugänglich und wurden auch noch verkauft (Nevermind: ca. 900.0000 mal weltweit). die bands kamen alle aus dem untergrund. sie hatten eine gewisse authenzität. sie waren auch alle „schlüsselbands“. sie drückten den menschen einen schlüssel in die hand und sagten:: nutze ihn oder laß es“ und genug benutzten ihn.
wenn man sich die popwelt der heutigen zeit anschaut treibt es mir die tränen in die augen. wo ist noch musik die real ist? wir sind dort angekommen was morrision als „plastic L.A.“ bezeichnet hat. eine fiktive welt. ist doch nur logisch, dass unsere generation künstlich ist. künstlich erschaffen und von einer pseudo-professionalität getrieben. zudem getrieben von einem irrglauben, dass man nur mit dieser art von musik geldverdienen kann (falsch! siehe Nevermind). es gibt allerdings auch heute noch gute künstler im massenmarkt wie z.b. jack johnson. der steht dann barfuß in der messehalle in ffm und weiß nicht so recht was er von kreischenden teenies halten soll. die wahrheit über die er singt wird zur fiktion und fiktion zur wahrheit? komisch ist all dies.
die menschen sollten die wahl haben und nicht mono-diktiert werden. aber am schnellsten endet das wohl wenn wir es tun wie die mediengruppe die verlangt: „mehr pop, pop – bis zum erbrechen schreien.“
oha zeit für mich zum schluss zu kommen gerade läuft der song „where is my mind“ von den pixies im shuffle. solche zeichen sollte man ernstnehmen.
Wenn diese Definition von Jugendlichkeit stimmt, ich finde sie nicht schlecht, ja dann braucht man heute schon eine längere Zeit um all das, was andere vor uns und neben uns schon so an Gewichtigem gedacht, gefühlt und gemacht haben, das erste Mal selbst auch zu sehen und nachzuempfinden. Erst dann ist man ja sozusagen auf der Höhe der Zeit, der Realität gewachsen, also erwachsen. (So, im Sinne des Erreichens eines allumfassenden ersten Reif-seins, erscheint mir die Definition der Jugendlichkeit aber sinnvoller. Sicher kann man dann noch voll ausreifen...).
Früher konnten sich viele all diese Reflektionen auch wegen eigener Kinder nicht ausreichend leisten, konnten so selbst Vieles also nicht (ausreichend) nachvollziehen, auch deshalb kam es dann zu den großen Katastrophen in Form der Weltkriege. Das erste Kind war und ist hier insofern (aber nur) auch das Ende der Jugend - man führt hier dann ja einen anderen, einen neuen Menschen, in den Bereich der Jugend. Nur wenn man dazu nicht nur körperlich reif ist, ist man hier eben erwachsen, aber eben auch wenn man bewusst kinderlos bleibt.
Man kann dann aber gemeinsam mit seinem Kind sozial-kulturelle nachreifen...
Es gibt sicher keine Alternative zum auch inneren Erwachsenwerden...!
...nur der vollständigkeit halber und speziell fuers Legoland:
Surfbretter werden in der Regel eingewachst, nicht eingeölt. Auf eingeölten Surfbrettern die Balance zu halten duerfte sich etwas schwierig gestalten.
der jugendliche Surfer (36)
Als ich begann, diesen Artikel zu lesen, dachte ich zuerst: Na, schon wieder so ein blitzgescheiter Aufsatz von einem "ewig Jugendlichen". Ich merkte aber schnell, dass hier jemand geschrieben hat, der genauer hinschaut und auch noch näher an dieser Lebensphase dran oder drin ist. Liebe Harriet Köhler, ich bin Geburtsjahr 1958, und ich mag auch keine Erwachsenen, die jung sein, mit sich jung fühlen verwechseln. Laßt der Jugend ihre Jugend und den Erwachsenen (bzw. denen, die zwar alt, aber nie erwachsen geworden sind), ihre Erinnerungen! Zur Unterscheidung zwischen Jugend und Erwachsenenalter ist es immer hilfreich, ein Blick auf das Geburtsjahr zu werfen. Das läßt sich nicht "wegliften", weder durch Musik noch Sprache (auch Körpersprache).
Auf die lässige, coole und szenetypische Art äußerst Du Dich
abfällig über jemand, der tiefer und kritischer über Jugend
und Popkultur reflektiert. Das schreit nach einer Antwort!
Hier ist sie: Typen, die Chucks stilvoll finden und sich Legoland nennen, haben zuviel Nutella im Hirn!
danke circuit. man lernt ja bekanntlich nie aus. jetzt weiss ich endlich, warum ich es nie auf ein surfbrett geschafft habe! aber man soll die hoffnung ja nie aufgeben. wie sagte doch meine bereits verstorbene grossmutter immer so treffend... man ist so alt, wie man sich ... aber lassen wir den anderen egos ihre langweilige musik, ihre langweiligen schuhe und ihre langweiligen "meinungen". sie haben schliesslich nichts anderes! ob daraus in 20 jahren eine sozialkulturell relevante ausstellung zusammengeschustert werden kann, wage ich allerdings zu bezweifeln. das scheint ja selbst schon heute kaum moeglich.
Liebe Harriet, in Wirklichkeit ist es doch alles halb so schlimm. Auch wenn wir als junggebliebene Alte durchs Leben gehen und weiterhin in Rockkneipen oder Szenepinten verkehren, dem jeweiligen Nachwuchs kümmert es nicht. Wenn der Vater auf Rock steht und die Mutter auf DSDS, dann hört Sohnemann eben Hip-hop oder Rap.
Musikstile gibts wie Sand am Meer, wie clanzen schreibt ist da zwar vieles austauschbar und wenig originell aber das scheint wohl nicht übermäßig zu stören. Auch in den Sechzigern und Siebzigern war nicht alles toll oder habt ihr die Monkees und Middle-of-the-road vergessen...
Die Jugend von damals hatte Eltern die ihren Lebensstil für alleinseligmachend hielten und neue Trends pauschal ablehnten. Die Jugend von damals hatte sich dem anzupassen und basta.
Die Jugend von jetzt hat Eltern die nicht schon mitte Dreißig das probesitzen im Altersheim mitmachen sondern selbst weiterhin Spaß haben möchten und deshalb neue Trend akzeptieren und mitmachen. Wenn sie gefallen.
Die weitaus größere und schlimmere Verunsicherung ist doch das wir damals in eine Welt lebten in der alles besser werden sollte, es gab nur einen Weg und der führte nach oben. The "Age of Aquarius" eben, in der alles noch besser und schöner werden sollte. Jobs und Lehrstellen gab es genug, die hohen Inflationsraten ermöglichten auch vielen Kleinverdienern das Eigenheim und - die Cubakrise überstanden - der kalte Krieg war nicht wirklich bedrohend.
Die Jugend jetzt schreibt fünfzig Bewerbungen und bekommt fünfzig Absagen, wenn sie Glück hat erbt sie irgendwann mal aber wer das Pech hat nicht zur Erbengeneration zu gehören hat ein wirkliches Problem.
Ob der Alte denselben Sender hört ist da nicht wirkklich das Thema.
Auch hier ist es modern, Kommentare in Kleinschreibung zu verfassen. Kleiner Hinweis: damit erreicht Ihr vor allen Dingen, daß man Eure Texte weniger liest und weniger ernstnimmt.
Es gibt eine Menge leute, die - wie ich - solche Texte bewußt ignorieren, also gar nicht erst lesen. Nicht nur, weil sich hinter dem notorischen Kleinschrieb eine dümmliche Besserwisserei verbirgt, die Rückschlüsse auf die Qualität des Textes und des Autors erlaubt -- sondern vor allem, weil das Lesen solcher Texte schlicht anstrengender ist. Ich lasse mir meine Zeit nicht gern stehlen (Achtung Doppelbedeutung).
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