Fußball Die Klinsmann-Debatte (3)

Haben wir den richtigen Bundestrainer? Unsere beiden Autoren sind sich auch nach der Torwartentscheidung nicht einig.

Das Pro von Moritz Müller-Wirth

Kurz nach seinem Amtsantritt verkündete Bundestrainer Jürgen Klinsmann folgende Entscheidung. Sie bestand, im Kern, aus zwei Punkten: Es wird einen sportlichen Wettkampf zwischen Oliver Kahn (»Die Nummer eins«) und Jens Lehmann (»Der Herausforderer«) geben. Zweitens, das Ergebnis dieses Duells wird rechtzeitig vor der WM verkündet. Die »Torwartfrage« war geboren.

Niemand wird bestreiten, dass ein Bundestrainer das Recht zu einer solchen Maßnahme hat, blickt man in die Nachbarschaft (Frankreich) und in die deutsche Fußballgeschichte, stellt man zudem fest, dass derlei durchaus branchenüblich ist. Bleiben die wichtigen Fragen nach dem Verfahren und dem Zeitpunkt der Entscheidung. Beim ersten Punkt kann man feststellen, dass Klinsmann sich, bis zum Tag der Nominierung von Jens Lehmann als Nummer eins, penibel wie ein Notar an die Buchstaben seiner Ankündigung gehalten hat. Dennoch tönt es, vornehmlich aus dem Süden der Republik: Intrige!

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Bis Redaktionsschluss lag für diese Verschwörungstheorie nicht der geringste Beleg vor. Sollte sich das ändern, wird die Wiederaufnahme des Verfahrens zugesichert. Beim zweiten Punkt hat Klinsmann abermals seine Widersacher überrascht – und sich als sehr lernfähig erwiesen, für manchen Münchner vermutlich zu schnell. Kaum hatten die Vertreter des FC Bayern den Bundestrainer wegen der leistungsmindernden Nebenwirkungen des Duells bei Oliver Kahn aufgefordert, »so schnell wie möglich« eine Entscheidung zu treffen, schwups, schon war sie da, so schnell wie möglich, die Entscheidung. »Verzockt« nennt man so was. Oliver Kahn hingegen ist, nach kurzer, heftiger Trauerarbeit, in Klinsmanns Lager übergelaufen. Eine kluge Entscheidung, denn aus der wohlmeinenden Lobbyarbeit drohte eine Art Vormundschaft durch die drängelnde Dreifaltigkeit (Bayern–Beckenbauer –Bild) zu werden: So wäre wohl eine Entscheidung zu Kahns Gunsten weniger seinen überragenden Paraden, sondern dem Einfluss der Interventionisten zugeschrieben worden. Kahn würde dazu sagen: Ein Oliver Kahn hat bessere Freunde verdient.

Das Contra von Stephan Lebert

Oliver Kahn hätte einen besseren Feind verdient gehabt. Da war zum Beispiel Klinsmanns Auftritt im Aktuellen Sportstudio: Warum hat er (und sein Jogi Löw) nicht einfach gesagt, ja, stimmt, er habe immer schon eine gewisse Präferenz für Lehmann gehabt und, ja, die Fehler von Kahn im Spiel gegen Köln hätten nun den letzten Ausschlag gegeben. Wäre das so schwer gewesen?

Stattdessen sagte Klinsmann allen Ernstes, er sei vom FC Bayern zu dieser Entscheidung in diesem Moment getrieben worden, und nannte als Beweis eine zufällige, einminütige Begegnung mit Karl-Heinz Rummenigge am Flughafen. Peinlicherweise hat Rummenigge sogar diese Version inzwischen dementiert. Da saß also ein Mann im Sportstudio, immerhin ein Bundestrainer, kurz vor der Weltmeisterschaft, der nicht die Wahrheit sagte. Der Zeitpunkt der Entscheidung hat Klinsmann verraten. Er glaubte, die Fehler von Oliver Kahn zu brauchen, um ihn öffentlich abzuservieren. Wie gesagt, hätte er das gesagt, wäre es hart, aber offen gewesen. Aber die Ausrede via FC Bayern war erbärmlich.

Klinsmann hatte schon als Spieler verschiedene Gesichter, für die Kameras gab er den ewigen, unkomplizierten Sonnyboy, der einfach gern Fußball spielte, in Wahrheit war er immer ein unnahbarer Einzelgänger und harter Geschäftsmann. Das war auch völlig in Ordnung, das Produzieren von passenden Bildern gehört zum Geschäft. Für sich allein konnte er das gut, als Egoist. Als Trainer muss er aber ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen. Dabei versagt er.

Auch Bundestrainer wie Helmut Schön, Franz Beckenbauer, Berti Vogts, Rudi Völler mussten schwierige Personalentscheidungen treffen. Sie taten das auf eine Weise, dass kein Makel an ihnen selbst haften blieb. Diesmal wird das anders sein. Wörns hat es zum ersten Mal gesagt. Jetzt wird es geglaubt: Klinsmann spielt falsch. Diesen Satz wird er von nun an nicht mehr los.

Der falsche Trainer auf der Bank: Noch ist allerdings nicht ganz auszuschließen, dass man auch auf diese Art Fußballweltmeister werden kann.

 
Leser-Kommentare
  1. Blicken wir doch einmal zurück auf die Zeit als Klinsmann die DNM übernahm.

    Eine seiner ersten Amtshandlungen, nachdem er kundgetan hatte, den ganzen Laden auseinander nehmen zu wollen, war, Oliver Kahn von seinem Kapitänsamt zu entbinden, den Torwarttrainer Sepp Maier hinauszuwerfen und anzukündigen, dass er zum Zwecke der Leistungsförderung künftig die Nationaltorhüter Kahn (1a) und Lehmann (1b) im Wechsel spielen lassen würde.

    Jetzt muss man sich fragen, was er da noch an Leistung steigern wollte. Oliver Kahn galt als einer der weltbesten Torhüter wenn nicht gar als der Weltbeste. Dass man ihn jemals besonders hätte motivieren müssen, war nicht bekannt, galt er doch jeher als überehrgeizig, trainingsbesessen und mit einem kaum zu stillenden Erfolgshunger gesegnet.

    Klinsmanns Leistungsförderungsmaßnahme konnte also nur Jens Lehmann gelten. Er sollte sein Leistungspotenzial voll ausschöpfen, zu Kahn aufschließen und damit zu einer echten Konkurrenz heranreifen, weil, … ja warum eigentlich?

    Wenn ihm dieser Tage vorgeworfen wird, er habe Kahns Demission von Anfang an betrieben, kontert er gerne, er habe doch als "junger unerfahrener Trainer" noch gar nicht wissen können, wie sich die Mannschaft und damit auch das Spielsystem, das zu ihr passen würde und in das sich dann auch ein Torhüter einfügen müsste, entwickeln würde.

    Kann man ihm da glauben? Nur wenn man gutgläubig und klinsmannfreundlich gesonnen ist.

    Die deutsche Nationalmannschaft war vor zwei Jahren ein Trümmerhaufen. Es gab nur eine Position, auf der kein Notstand war – und das war die des Torhüters. Kahn, trotz mancher Fehlgriffe (die noch jeder exzellente Torwart in seiner Karriere tat) war stets ein Fels in der Brandung für eine vom Untergehen bedrohten Mannschaft.

    Hat da ein "junger unerfahrener Trainer" wirklich nichts anderes zu tun, als gleich als erstes diesen Eckpfosten , das Symbol für Einsatzwillen und Kampfgeist, für bedingungslosen Siegeswillen umzureißen und zu demontieren? Macht das irgendeinen Sinn, es sei denn, er hätte schon zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass er bei gleicher Leistungsstärke unbedingt Lehmann den Vorzug geben würde, weil dieser eben eher in seine Vorstellung von einem modernen Spielsystem passen würde.

    Nein, es hätte keinen Sinn gemacht. Und deshalb ist Klinsmann auch nicht glaubwürdig und folglich sein Verhalten unredlich und von schlechtem Charakter zeugend.

    Dass sein mieser Stil nicht nur auf alte Rivalitäten mit den Bayern gemünzt ist, zeigt sich an seinem Umgang mit Wörns, dem Dortmunder, den er auch bis aufs Blut reizte, bis er sich quasi selbst aus der Mannschaft quasselte. Kahn war da cleverer. Wer ihm das jetzt ankreidet, ist ähnlich geartet wie der Bundestrainer, der natürlich darauf gehofft hatte, dass Kahn sich nicht auf die Bank setzen würde.

    Und by the way: warum beendet der Bundestrainer den angeblich so leistungsfördernden Konkurrenzkampf eigentlich vor dem Turnier, in dem es darauf ankommt, die absolute Spitzenleistung zu erbringen? Die Feldspieler haben doch auch keine Stammplatzgarantie.

    Also: der Kampf möge weitergehen, im Tor stehen, wer im Training den besseren Eindruck hinterlässt und wer besser zur taktischen Ausrichtung für den nächsten Gegner passt.

    Das kann Lehmann sein, wenn bedingungsloser Angriffsfußball angesagt ist. Das kann aber Kahn sein, wenn man, aus der Italienpleite klug geworden, gegen eine Mannschaft italienischen Formats, doch eher etwas defensiv verhalten spielen wird.

  2. Klinsmann hat viele Fehler gemacht. Keine Frage. Die Torwartfrage hat er aber korrekt gelöst.
    Bis 2002 war Oliver Kahn der beste Torwart der Welt. Dann hat er aber das schöne Leben entdeckt und seine privaten Eskapaden waren immer für eine Titel-Schlagzeile in der Bild gut. Parallel dazu wurden seine sportliche Leistungen immer mäßiger. Fehlgriffe bei harmlosen Weitschüssen, Fehler beim Herauslaufen. Kahn ist schon lange nicht mehr der beste Torwart der Welt, er ist nicht einmal mehr der beste Torwart Deutschlands. Rost, Enke, Weidenfeller (um nur drei zu nennen) sind momentan besser.
    Bleibt noch der Motivator Kahn, der Antreiber Kahn. Spieler, die zuviele individuelle Fehler machen, fallen auch für diese Funktionen aus.
    Die Entscheidung, Lehmann zu nehmen, ist richtig.

    Man sollte nicht vergessen, dass Klinsmann der einzige war, der die Verantortung für die Nationalmannschaft auf sich genommen hat. Niemand von den üblichen Lautsprechern war dazu bereit.
    Der deutsche Fußball gehört schon seit zehn Jahren nicht mehr zur Weltspitze. Zufallserfolge wie die Vize-Weltmeisterschaft 2002 haben nur darüber hinweggetäuscht.
    Kaum Nachwuchs, technische Mängel der deutschen Spieler, verkrustete Strukturen in den Verbänden: es wird noch einige Zeit brauchen, bis wir wieder oben mitmischen können.
    Bei der ZDF-Sendung "Frontal 21" wurde letztens nach- gewiesen, dass die Fitness deutscher Fußballprofis nur knapp über der von Freizeitsportlern liegt.
    Vor diesem Hintergrund sollte man die Ansprüche etwas zurücknehmen und mit Kritik an Klinsmann etwas vorsichtiger sein.
    Im übrigen sollte man abwarten, wie sich die DNM bei der WM schlägt. Soviel Zeit hat man bislang jedem Bundestrainer eingeräumt.

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