Rassismus Ein Mordversuch, trotz alledem

Seit Jahren kämpft Brandenburgs Hauptstadt gegen rechte Gewalt. Nun muss Potsdam erkennen: Sie lässt sich nicht immer verhindern

Potsdam

Angeblich ist eine »verfehlte Jugend- und Bildungspolitik« daran schuld, dass am vergangenen Wochenende zwei bislang unbekannte Rechtsextremisten in Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam einen dunkelhäutigen Ingenieur fast totgeschlagen haben. Diese Ansicht vertritt Stefan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Von Potsdams Bürgermeister Jann Jakobs wiederum ist zu hören, dass diese Tat »überraschend« komme und die rechtsradikale Gewalt in Brandenburg nun eine »neue Qualität« erreicht habe – Sätze, die ein beträchtliches Maß an Unkenntnis verraten.

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Seltsamerweise weist niemand darauf hin, dass die Schuld an diesem Verbrechen die Täter tragen. Man käme sonst kaum umhin, zu folgern, dass es in der Großstadt Potsdam mit ihren knapp 150000 Einwohnern mindestens zwei gefährliche rassistisch motivierte Gewalttäter geben müsse – eine Feststellung, die, für sich genommen, noch keinerlei Hinweis auf darüber hinaus gehende Missstände enthält.

Allerdings dürfte es in Potsdam deutlich mehr Rassisten geben als nur diese beiden. 19 rechtsradikale Gewalttaten vermerkte die Polizeistatistik im vergangenen Jahr, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Die private Initiative Opferperspektive zählte noch einige Taten mehr. Knapp zwei Wochen ist es her, da griffen der Chronologie der Organisation zufolge vier Rechtsextremisten zwei Jugendliche aus der Alternativszene an und verprügelten sie. Im Dezember beleidigten Rechtsradikale zwei Inder, einer wurde getreten. Im Sommer hatten nicht weniger als 15 rechte Schläger zwei Linke verdroschen. Sie traten auf die am Boden liegenden Opfer ein, einem der beiden Jugendlichen zerschnitten sie das Gesicht mit einer abgebrochenen Bierflasche.

»Die Gewalttat vom Wochenende kommt keineswegs aus dem Nichts. Die Lage hat sich im vergangenen Jahr deutlich zugespitzt«, sagt Jonas Friedmann vom Verein Opferperspektive. »Potsdam ist nicht besonders stark durch fremdenfeindliche Straftaten gekennzeichnet«, sagt der Sprecher der Polizei.

Wahrscheinlich trifft beides zu. Dabei hat sich Potsdam, die Stadt in der nicht nur Günther Jauch und Wolfgang Joop wohnen, sondern auch eine stark linke Szene zu Hause ist, der Gewalt von rechts schon seit langem entgegengestellt. Seit fünf Jahren gibt es einen »Lokalen Aktionsplan für Toleranz und Demokratie gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit« des Jugendamts. Auch jenseits öffentlicher Stellen existiert ein dichtes Netzwerk von Initiativen, von Unigruppen über den Flüchtlingsrat des Landes bis zur Opferberatung der Diakonie. Staatliche und nichtstaatliche Stellen arbeiten in einer »Sicherheitskonferenz« zusammen. Der Bürgermeister trägt den Titel eines »Lokalen Koordinators gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt«. Und als im vergangenen Jahr Neonazis aus ganz Deutschland in Potsdam aufmarschieren wollten, meldete der Bürgermeister höchstselbst die Gegendemonstration an.

»Wenn ein paar Neonazis demonstrieren, dann kommen schon mal 1000 Gegendemonstranten zusammen«, sagt ein Polizeisprecher.

Jonas Friedmann vom Verein Opferperspektive will darum nichts hören von einer Entwicklung, der sich niemand habe stellen wollen. »Solche Probleme wurden früh diskutiert«, sagt er. »Aber häufig ist es leider so: Selbst wenn man das Problem sieht, kann man es nicht immer abwenden.«

Von einer neuen Qualität rechtsextremistischer Gewalt kann also kaum die Rede sein kann, dafür deutet sich derzeit in Potsdam eine neue Qualität der Ermittlungsarbeit an. Dass, wie nun geschehen, der Generalbundesanwalt nach einem Überfall rechter Schläger die Ermittlungen an sich zieht, ist zumindest ungewöhnlich.

Und vielleicht hat ja sogar die rot- schwarze Landesregierung ein Einsehen und verzichtet darauf, dem Verein Opferperspektive wie geplant die Zuschüsse zu kürzen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich hoffe, dass keiner dem Spendenaufruf von Nutzer station25 ohne vorherige Pruefung der Angaben nachkommen wird. Kontonummer, BLZ ohne Angabe von Namen, Adressen, Telefonnummern bei einem Spendenaufruf, den jeder ins Netz stellen koennte? "Brandenburg gegen rechts"? Google: Es gibt eine Website, offensichtlich eine im Jahre 2000 gegruendete Initiative, aber es fehlt ein Impressum.

    • FGAlte
    • 19.04.2006 um 11:29 Uhr

    In Dresden wurde ein "weisser", kein Obdachloser, womöglich aber heruntergekommen wirkender und angetrunkener Mann um die 50 von mehreren Jugendlichen nachts an einer Straßenbahnhaltestelle zusammengetreten. Nachdem sie schon weg waren, kamen sie noch einmal zurück, um ihm den Rest zu geben und traten ihn tot. Kein Politiker, kein Journalist regte sich öffentlich darüber auf, kein Generalbundesanwalt ermittelte. Soweit ich weiss, wurde einer von ihnen wegen "Körperverletzung mit Todesfolge" zu einer eher lächerlichen Strafe verurteilt. Das gilt als normal, er war offenbar ein Opfer zweiter Klasse. Wegen ihm wurden keine Ärztekongresse abgesagt, es gab keinen Imageschaden für die Stadt. In diesem Lichte grenzt der jetzige öffentliche Aufschrei an Heuchelei.

  2. Rasse, Glaube, Nationalität, die Reihenfplge ist egal, immer, egal in welchem Zusammenhang wird gewertet. Diesmal waren es "einheimische" Rechtsradikale. Es wurde wieder gewertet, es schickt sich in diesem Fall nicht, die grosse Glocke zu läuten. Für mich versuche ich seit geraumer Zeit nur nach einem Kriterium meine Mitmenschen zu betrachten: Verhält er sich mir und anderen gegenüber korrekt oder nicht. Müßig ist darüber zu streiten, was korrekt und was nicht korrekt. Falls dann noch Akzeptanz und Toleranz, von allen Seiten, gezeigt würde, gäbe es sicher ein Miteinander statt dem vorherrschenden Gegeneinander. Aber momentan möchte bloß jeder der Erste sein, in allem belange, die anderen gängeln und beherrschen. Traurig.

  3. Auch wenn ich das amerikanische System in sich für falsch halte, muss ich sagen, dass die Amerikaner uns in einem vorraus sind, es ist die sogenannte Nächstenliebe, die man in Deutschland kaum bzw. gar nicht vorhanden ist.
    Diese zeichnet sich dadurch aus, dass die amerikanischen Bürger sich untereinander verbunden fühlen und sich daher in schweren Zeiten immer beistehen.
    Wenn in einer Nachbarschaft eine Person einer Gewalttat, einem Autounfall, oder gar einer wirtschaftlichen Schieflage zum Opfer fällt, dann wird der Familie sofortige Hilfe geleistet und ihr wird die volle Unterstützung zugesichert. Beileid ist ein Schlagwort, was wir Deutschen innerhalb unserer Gesellschaft stark verdrängt haben.
    Wir spenden zwar gut und gerne für afrikanische Kinder, die Hunger leiden oder gar Erdbeben- und Flutopfern im Iran, in Thailand oder sonst wo. Aber viele von uns haben verlernt den Leuten zu helfen, die unmittelbar unter uns leben. Dies beinhaltet nicht nur die Hilfe für Obdachlose, die psyschich Kranke, vergewaltigte und misshandelte Frauen oder vergewaltigte Kinder, sondern wie in diesem Fall, die Opfer von Gewalttaten ob mit oder ohne rechtsradikalem Hintergrund. Ich erinnere mich noch an die Bilder von vor etwa 10-15 Jahren, wo die "Asylantenheime" wie sie in den Nachrichten oft genannt wurden, von rechtsradikalen abgebrannt wurden, und sich weder eine Stimme in der Politik regte noch in der Bevölkerung. Wir müssen einsehen, dass Deutschlands nach 68 Generation sehr anfällig für rechtsradikales Gedankengut und das dieses Gedankengut dadurch geschürt wird, dass die Politiker ihre Stimmen laut zu Ehrenmorden erheben können, aber nicht zu Gewalttaten, die von rchts kommen. Bisher zumindest habe ich keine ernstzunehmende Meinung aus ihren Reihen vernommen.

    Naja ich glaube wir sollte endlich lernen unseren Mitmenschen mehr beizustehen und ihr Leid stückweise nachzuempfinden. Daher lobe ich mir Kommentare wie von Station25 die zeigen, dass es doch noch einige vernünftige Menschen gibt, die sich um das Wohlergehen anderer sorgen und versuchen ihnen ihre Bestmögliche Hilfe anzubiten.

    Vielleicht sollten wir, was mich als nichtreligiöser Mensch eben etwas verwundert hat, wirklich auf religiösen Werte, ob christlich, buddhistisch oder islamisch zurückgreifen, denn diese Werte, wie die schon erwähnte Nächstenliebe haben doch unserer aller Gesellschaften geprägt.

    • Deta
    • 19.04.2006 um 11:05 Uhr

    Wenn es um fehlgeschlagene Integration oder ein paar ungestüme Jungentliche mit auf Neudeutsch "Migrationshintergrund" geht, kommen Sie alle aus ihren Löchern gekrochen, um Stammtischparolen los zu werden und Stimmung zu machen gegen Ausländer.

    Wo bleiben diese Stimmen bei solche ein Artikel? Warum beklagt sich keiner dieser Leute über solche Zustände? Warum versagt die ach so zivilisierte deutsche Gesellschaft bei solchen Problemen? Ein "Ehrenmord" wie kürzliche in Berlin wird gerne als Anlass genommen pauschal über andere Kulturen herzuziehen und den eigenen angeblichen kulturellen Vorsprung zu verdeutlichen (Stichwort: Leitkultur), anstatt solch ein Problem differenziert zu berachten und vorbeugende Maßnahmen zu treffen.

    Keiner wird je von Rechtsradikalen einen Gesinnungstest verlangen, fragen wie er zur Meinungsfreiheit steht, ob er Homosexuelle akzeptiert und ob er das Grundgesetzt achtet. Aber ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Bürger mit islamischen Glauben, der sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, soll präventiv die Fahnentreue schwören wenn er Deutscher werden will. Ein gutes Beispiel, was Deutschland unter Integration vetsteht. Nämlich gar nichts!

  4. Ein 37-jähriger Deutscher, äthiopischer Herkunft, wurde in den frühen Morgenstunden des 16.04.2006 in Potsdam an der Straßenbahnhaltestelle Charlottenhof durch zwei noch unbekannte Täter angegriffen und lebensgefährlich verletzt.
    Der Schrecken, den dieses abscheuliche Verbrechen verbreitete machte uns sprachlos, aber nicht teilnahmslos. Wir wollen als ein Teil der Potsdamer Bevölkerung unserer Anteilnahme Ausdruck verleihen, indem wir die betroffene Familie des Opfers mit Spenden unterstützen, um die abzusehenden hohen Kosten tragen zu können:
    - Krankenhauskosten
    - Rehabilitation
    - Unterstützung der Familie
    - Rechtsbeistand
    Wir möchten uns schon jetzt an dieser Stelle für alle Zusprüche, Hilfe und Unterstützungen bedanken, auch im Namen der Familie.
    Freunde
    Kto-Inhaber: Brandenburg gegen Rechts e. V.
    Kto: 350 201 97 55
    Blz: 160 500 00

    Stichwort Löwenherz

  5. "Seltsamerweise weist niemand darauf hin, dass die Schuld an diesem Verbrechen die Täter tragen.", schreibt der Autor. Recht hat er!

    Nur leider wird man dieser zutreffenden Erkennis nur gewahr, wenn es sich um rechtsradikale Täter handelt. Bei allen anderen Tätergruppen, wie Linksradikale, religiös motivierte Fanatiker, in - und ausländische Kapitalverbrecher, usw., usf. schafft man es leider seltsamerweise ebenfalls auch nie auf derartige Einsichten hinzuweisen.

    Stattdessen wird die Öffentlichkeit dann aber gebetmühlenartig mit immer und immer den gleichen, sozialpädagogischen 68ziger Platitüden zugesch.....rieben, die verkünden, dass ganz-ganz alleine immer nur die böse Gesellschaft und die böse Politik an allem Schuld ist und NIEMALS die Täter selber, weil die ja bekanntermaßen immer eine schwere Kindheit hatten und sowieso Opfer der kapitalistischen Verhältnisse bei uns sind, von wegen "Perspektivlosigkeit" a'la Rütli-Schule, und so.

    Doppelmoral allethalben.

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