Am 11. April 1945 erreichten Verbände der 3. amerikanischen Armee das Konzentrationslager Buchenwald. General Patton war über das, was er erlebte, so entsetzt, dass er der Militärpolizei befahl, Bürger aus Weimar heranzuschaffen. Sie sollten mit eigenen Augen sehen, was sich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zugetragen hatte. Margaret Bourke-White, Korrespondentin der Illustrierten Life, war unter den Beobachtern: »Frauen fielen in Ohnmacht oder weinten. Männer bedeckten ihr Gesicht und drehten die Köpfe weg. Als die Zivilisten immer wieder riefen: ›Wir haben nichts gewußt! Wir haben nichts gewußt!‹, gerieten die Ex-Häftlinge außer sich vor Wut. ›Ihr habt es gewußt‹, schrien sie. ›Wir haben neben euch in den Fabriken gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan.‹« REISE IN DEN TOD
Deportation von Juden aus Bielefeld BILD

Diese Szene beschreibt beispielhaft, was sich im Frühjahr 1945 überall im besiegten Land ereignete: Konfrontiert mit den Bildern des Grauens, behaupteten die meisten Deutschen, von den Untaten des Regimes, insbesondere vom Massenmord an den Juden, nichts gewusst zu haben. »Wir alle«, erinnerte sich Margaret Bourke-White, »bekamen diese Worte so häufig und monoton zu hören, daß sie uns wie eine deutsche National-Hymne vorkamen.«

Die Massaker der Einsatzgruppen waren weithin bekannt

Was haben sie wirklich gewusst? Um diese Schlüsselfrage hat sich die deutsche Geschichtswissenschaft lange Zeit herumgedrückt. Es gab einige wenige Aufsätze, dazu ein Buch des israelischen Historikers David Bankier von 1995 (Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat), aber bislang keine große Untersuchung eines deutschen Autors. Diese Lücke versucht nun der in London lebende und lehrende Historiker Peter Longerich zu schließen. Sein Buch kann mit großer Aufmerksamkeit rechnen, denn es ist eines der letzten Tabus der deutschen Zeitgeschichtsforschung, das hier angegangen wird.

Longerich hat alle verfügbaren Quellen herangezogen: die geheimen Lage- und Stimmungsberichte des NS-Regimes, die Otto Dov Kulka und Eberhard Jäckel kürzlich in einer Edition erschlossen haben (ZEIT Nr. 48/04); die Protokolle der täglichen Konferenzen des Goebbels-Ministeriums aus den Jahren 1941/42, die im Moskauer Sonderarchiv entdeckt wurden; die regionale und überregionale Presse; Tagebücher und Briefe von Zeitgenossen und anderes mehr. Gestützt auf diese Materialgrundlage, kann der Autor nachweisen, dass Informationen über die Judenvernichtung verbreiteter waren, als immer noch gern angenommen wird. »Nicht die Mehrheit, aber doch ein erheblicher Anteil der Bevölkerung und nicht etwa nur eine kleine, auf eine bestimmte Region, Berufssparte oder auf ein soziales Milieu beschränkte Minderheit« habe vom Holocaust gewusst.

Longerichs Fazit kann eigentlich nicht überraschen. Denn die Deportationen der deutschen Juden, die im Herbst 1941 einsetzten, geschahen ja nicht im Dunkel der Nacht, sondern vor aller Augen, am helllichten Tage. Und sie wurden begleitet von Kommentaren in der Presse, die keinen Zweifel daran ließen, welches Schicksal die Deportierten »im Osten« erwartete. Immer wieder wurde dabei Hitlers Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 zitiert, in welcher der Diktator die »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« im Falle eines neuen Weltkriegs angekündigt hatte. Man erlebe, schrieb etwa Propagandaminister Goebbels in der Berliner Wochenzeitung Das Reich vom 16. November 1941, »eben den Vollzug dieser Prophezeiung«. Zu diesem Zeitpunkt waren Nachrichten über das Wüten der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, verbreitet durch Soldaten auf Urlaub oder über Feldpostbriefe, bereits weithin bekannt. Es gab also keinen Grund, die Ankündigungen der NS-Führung als bloße Rhetorik abzutun. Aus den Berichten der lokalen und regionalen Überwachungsorgane geht hervor, dass die Deportationen Tagesgespräch waren und Beobachter wohl ahnten, dass sie für die meisten Juden eine Reise in den Tod bedeuteten.

Im Vergleich zu den Massenexekutionen in Osteuropa, die nicht verborgen bleiben konnten, war die Kenntnis über die Vernichtungslager und die Art, wie die Juden dort umgebracht wurden, allerdings wesentlich geringer. Doch auch hier funktionierte das System der Geheimhaltung nicht lückenlos, sickerte manches durch, zumeist in Form von Gerüchten über Vergasungen. Auch das kann nicht überraschen. Denn Auschwitz, 1942/43 zum größten Vernichtungskomplex ausgebaut, gehörte seit dem Überfall auf Polen und der Besetzung des Landes zum Deutschen Reich. Die Stadt war nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern auch neuer Wohnort für zahlreiche »Reichsdeutsche«, nicht zuletzt für Tausende von SS-Leuten und deren Familien. Das ständige Ankommen von Menschen-Transporten, die weithin sichtbaren meterhohen Flammen aus den Krematorien, der süßliche Geruch der verbrannten Leichen – all das waren untrügliche Anzeichen dafür, dass etwas Schreckliches geschah.

Freilich, das ganze Ausmaß des Massenmords enthüllte sich nur dem, der wissen wollte, das heißt, der bereit war, Einzelinformationen und Gerüchte als Teile des Ganzen zu sehen und die Bruchstücke wie in einem Puzzle zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Das war, wie Longerich an einigen Beispielen deutlich macht, eher die Ausnahme als die Regel. Verbreiteter war die Neigung, auf die Ungeheuerlichkeit der Nachricht mit instinktiver Abwehr zu reagieren. »Muß ich diesen entsetzlichen Bericht glauben? Er übersteigt die schlimmsten Ahnungen, das kann einfach nicht möglich sein. So viehisch können selbst die brutalsten Fanatiker nicht sein«, notierte zum Beispiel die Journalistin Ursula von Kardorff im Dezember 1944, nachdem sie in einer Schweizer Zeitung gelesen hatte, dass die Juden in Auschwitz »systematisch vergast« worden waren.