Gottvater hinter Gittern

Die Politiker zittern, der Staatsanwalt schweigt, und eine neue Generation von Mafiosi greift nach der Macht: Die Verhaftung von Bernardo Provenzano, dem Oberhaupt der Cosa Nostra, erschüttert Italien

Palermo

Als er von der Verhaftung des Gottvaters erfuhr, saß Salvo Palazzolo in einem Gerichtssaal des Justizpalastes und wartete darauf, dass die Mikrofone wieder funktionierten. Es gibt keinen Prozesstag in Palermo, an dem die Mikrofone nicht versagen. An diesem Morgen verfolgte der Gerichtsreporter der italienischen Zeitung La Repubblica den so genannten Maulwurf-Prozess, in dem der sizilianische Regionalpräsident Salvatore Cuffaro angeklagt ist, Amtsgeheimnisse an die Cosa Nostra weitergegeben zu haben, um die Festnahme ihres Oberhauptes Bernardo Provenzano zu vereiteln. Salvo Palazzolo rechnete damit, dass die Redaktion in Rom mal wieder beschließen würde, seine Gerichtsreportage zu streichen. Denn die Mafia interessierte schon lange niemanden mehr in Italien.

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In den vergangenen Jahren wurden alle Staatsanwälte der politischen Mafiaprozesse ausgetauscht, auch die Polizisten, die nach Bernardo Provenzano suchten, ein abtrünniger Mafioso wurde kurz nach seiner Aussage über die Verstecke Provenzanos umgebracht. Dies alles hat der Chronist Palazzolo akribisch dokumentiert, er hat Bücher über Bernardo Provenzano verfasst und Dossiers, er hat eine interaktive Web-Seite mit den misslungenen Verhaftungen gestaltet und eine Ausstellung mit Provenzanos Phantom-Fotos. Und er war dennoch überrascht, als er am Dienstag der vergangenen Woche im Fernsehen das Gesicht eines alten Mannes sah, der nach seiner Verhaftung unsicher lächelte.

Jetzt kann Italien gar nicht genug kriegen von ihm, von der Cosa Nostra, von Geschichten über Mittelsmänner und Verstecke. Und Salvo Palazzolo schreibt. Tag und Nacht. Darüber, dass der »Capo di tutti capi«, der Boss aller Mafia-Bosse, seit mehr als zwanzig Tagen in diesem Bauernhaus des Schäfers Bernardo Riina unweit von Corleone vermutet wurde, dass man dort alle verdächtigen Bewegungen mit Mikrokameras aufgenommen hat, dass Provenzano letztendlich ein Wäschepaket zum Verhängnis wurde, welches von einem seiner Boten überbracht wurde, dass sich der 73-Jährige vermutlich seit Ende vergangenen Jahres in Corleone aufhielt, um in der Nähe seiner Familie zu sein, weil sein ältester Sohn Angelo Mitte Mai heiratet, dass man ihn inmitten seiner Zettel fand – eine ganze Schublade voller Botschaften für Mafiosi, Politiker und Unternehmer, geschrieben auf einer mechanischen Olivetti Lettera 32 –, dass er 10000Euro in der Unterhose versteckt hatte und dass auf dem Tisch des Bauernhauses Faxe mit Wahlpropaganda des sizilianischen Regionalpräsidenten Salvatore Cuffaro lagen. Und fünf Bibeln mit Merkzetteln und unterstrichenen Stellen, die nicht nur die Gottesfurcht des Mafia-Bosses belegen, sondern auch seine Verschlüsselungstechnik: Die Cosa Nostra dechiffriert ihre Botschaften mit Hilfe von Gottes Wort.

Schon vor Jahren hatte SalvoPalazzolo darüber berichtet, dass Bernardo Provenzanos Frau Saveria sonntags stets die Frühmesse besucht. In Corleone ist sie eine Signora. Geachtet von allen, eine First Lady, der man beim Ricottakauf den Vortritt lässt. Ihr Mann? Ehrbar und arbeitsam, ein Opfer der italienischen Justiz. Ich habe mich nur Gott gegenüber zu verantworten, sagte Signora Provenzano, nur er wird uns beurteilen, und er wird es unvoreingenommen tun. 15Jahre lang lebte sie mit ihrem Mann im Untergrund – eins mit der Mafia und dem lieben Gott. 1992 kehrte sie nach Corleone zurück, zeitgleich mit Totò Riinas Ehefrau Antonietta und deren vier Kindern. Riina, bis dahin der oberste Mafioso Siziliens, war verhaftet worden, und Bernardo Provenzano hatte die Geschäfte der Cosa Nostra übernommen: der neue Padrino. Die beiden Frauen kamen mit dem Taxi aus dem Nichts. Corleone nahm sie wieder auf, ohne dass jemand in der Stadt eine Miene verzogen hätte. Damals glaubte man, dass Provenzano tot sei, sagt Salvo Palazzolo. Erst als abtrünnige Mafiosi darüber berichteten, dass Provenzano die Herrschaft der Cosa Nostra übernommen habe, begann man, nach ihm zu suchen.

Dass seine Flucht nach 42 Jahren, elf Monaten und zwei Tagen schließlich in Corleone endete, genau dort, wo sie begonnen hatte, und das ausgerechnet am Tag nach den Parlamentswahlen, ist für Sizilianer kein Zufall. Hier glaubt man an den göttlichen Plan und an die Dringlichkeiten des Schicksals.

Und die sahen vor, bis nach den Wahlen zu warten. Was geschehen wäre, wenn man den Gottvater, den Boss der Bosse, den »Professor« am Tag zuvor verhaftet hätte? Ob die Cosa Nostra auch dann ihre Stimmzettel für Forza Italia ausgefüllt hätte? So wie sie es seit jenem Tag tut, an dem sich die Berlusconi-Partei zum ersten Mal zur Wahl stellte?

Palermo liegt hinter verspiegelten Scheiben, der Staatsanwalt sitzt in seinem gepanzerten Fiat Croma und sagt: nichts. Sizilianer sprechen, indem sie schweigen. Indem sie Pausen setzen. Einen Satz beginnen und ihn nicht zu Ende führen. Und in Sizilien weiß jedes Kind, dass Bernardo Provenzano 1993, nach den Attentaten auf die Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und nach der Verhaftung seines Vorgängers Totò Riina, mit Forza Italia einen Pakt ausgehandelt hat. Der Mafiaboss bot seine Unterstützung und einen Verzicht auf weitere Gewalt an – und forderte dafür Garantien: das Ende der Strafverfolgung und des politischen Drucks auf die Mafia, das Ende der Beschlagnahme von Mafiagütern und die Abschaffung der Kronzeugenregelung für abtrünnige Mafiosi. Aktenkundig ist dies seit dem Mafiaprozess gegen Marcello Dell’Utri, der Berlusconis rechte Hand war. Dell’Utri, Gründer von Forza Italia, Europaparlamentarier und Senator, wurde wegen Unterstützung einer mafiosen Vereinigung im Dezember 2004 in erster Instanz zu neun Jahren Haft verurteilt.

Wenn Provenzano ungeachtet seiner Verbindungen festgenommen wird, dann kann das eigentlich nur eines bedeuten: dass er nicht mehr gebraucht wird – nicht von der Mafia und nicht von seinen politischen Freunden. Nun droht ein Kampf um die Macht in der Mafia, ein Krieg zwischen Draußen und Drinnen: Draußen ist die junge, aufstrebende Generation, und im Gefängnis sitzen die alten Mafiosi um Totò Riina, die seit Jahren auf eine Revision ihrer Prozesse hoffen.

Leser-Kommentare
  1. Neben der genannten Stilblüte mit der weißen Schrotflinte erstaunt mich auch immer wieder, wieso der englische Begriff "Godfather", korrekt übersetzt als "Pate" immer wieder mit "Gottvater" übersetzt wird. Eine Übersetzung, die falscher nicht sein könnte, denn Gottvater ist höchstens das väterliche Element der christlichen Trinität ("Gott Vater, Sohn u. heiliger Geist").

    Provenzano mag ein mächtiger Mann (gewesen) sein, aber dieser Titel erscheint mir doch ein wenig zu hoch gegriffen.

  2. In Ihrem hochinteressanten Artikel steckt ein kleiner, aber jedenfalls für Sizilianer deutlicher Fehler :
    die "lupara bianca" wird als "weisses Jagdgewehr mit abgesägten Läufen" bezeichnet. Tatsächlich bedeutet der Ausdruck jedoch "spurloses Verschwinden" ,allerdings nicht als Lebender sondern ermordet und,zum Beispiel,im Säurebad aufgelöst und so tatsächlich "verschwunden".Die Bezeichnung der "lupara" als Jagdgewehr mit abgesägten Läufen ist aber korrekt.

    Mit freundlichen Grüssen

    • vdh
    • 23.04.2006 um 12:04 Uhr

    Ach, wenn Signore Bernardo Provenzano doch nicht so harmlos provenziell aussehen würde, sondern eher wie Brando oder Pacino(:-).
    Die Mafia, Cosa Nostra, ehrwürdige Familie, sie wird noch bestehen, wenn Atomkraftwerke wieder die mehrheitlichen Energiebeschaffer der Menschheit geworden sind.
    Denn über diese Vereinigung menschlicher Schwerstkriminalität ist wohl nur - à la Gertrude Stein - zu sagen: Das Böse ist das Böse ist das Böse.
    Enjoy your Sunday!

  3. 4. \N

    Die "lupara bianca", ist das nicht das Synonym für einen Mord, dessen Opfer nie gefunden wird?
    Vielleicht weiß Frau Reski mehr als ich, aber ich glaube, sie hat hier lax bzw. überhaupt nicht recherchiert und einfach wortwörtlich übersetzt.
    Ein weißes Gewehr? Die Metapher springt doch schon ins Auge, nicht?

  4. Es ist schon alarmierend, wenn das nebenstehende (kürzere!) Interview mit Giuseppe Carlo Marino wesentlich mehr Fakten und Informationen bringt als der Hauptartikel von Petra Reski. Gerade bei einem brennend aktuellem Thema wie der Mafia sollte man etwas mehr Tiefgang und weniger simple Stimmungsbilder und Trivialitäten erwarten (beziehungsweise, dass die ZEIT schlicht profiliertere Journalisten darauf ansetzt).

    Ein extremes Beispiel im Artikel:

    "die lupara bianca, das weiße Jagdgewehr mit den abgesägten Läufen" - hat das Zeug zu einer historischen Stilblüte.

    Die Lupara ist zwar wirklich eine abgesägte Schrotflinte, mit der früher Leute beseitigt wurden (der Schuss machte das Gesicht des Opfers zu blutigem Matsch und verhinderte so die traditionelle sizilianische Aufbewahrung - in der dortigen Gesellschaft eine zusätzliche Schmach), aber "weiss" ist es nun wirklich nicht.
    Das "bianca" bezieht sich im Gegensatz zum schmutzigen Schrotschuss auf das Verfahren, die Opfer spurlos verschwinden zu lassen - historisch wurde "lupara bianca" zuerst als Umschreibung für die "Betonschuhe" verwendet (d.h. die man versenkte die beschwerten, z.T. eingegossenen, Leichen im Meer).

  5. …im Netz, und man findet diese Erklärung:

    Lupara ist das «klassische» Gewehr auf Sizilien: ein Stutzen, das heißt eine abgesägte Schrotflinte, mit der ursprünglich Wölfe gejagt wurden. «Lupara Bianca» ist die spurlose Beseitigung eines Mafia-Opfers, so daß der Familie des Getöteten nicht einmal der Trost eines Grabes zuteil wird. Vergießt das Opfer sein Blut öffentlich, so heißt das «Lupara Rossa».

  6. Der Mensch lernt (wie auch der Affe und andere Tiere) in erster Linie durch Nachahmen. Deshalb sucht er sich seine Vorbildern, denen er nacheifern möchte.

    Anstatt die eigenen Qualitäten in sich selbst zu erschließen, die ihn tatsächlich Gott/Allah/Manitu/... ähnlicher machen könnten läuft der gerne den (Ver)Führern hinterher.

    (Wer kennt noch die Geschichte von Mose und dem goldenen Kalb?)

    .

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