China Links hat Vorfahrt
Mit dem Fahrrad durch Shanghai
Mein Fahrrad ist grau und von der Firma Giant und kostet 568 Yuan. Das sind 60 Euro. Es hat keine Gangschaltung, einen nach hinten gebogenen Lenker, zwei Handbremsen und einen geschlossenen Kettenkasten, was schlecht ist, wenn die Kette rausspringt. Das Grau ist matt und edel, das Fahrrad heißt Khan und ist so einfach und stabil, wie es sein muss für diese Stadt. Wenn Shanghai die Zukunft ist, dann ist jeder, der mit einem Fahrrad durch die Stadt fährt, hoffnungslos Vergangenheit.
Vor dem Giant-Laden in der Jianguo Xilu stehen Pappeln. Es gibt hier im Französischen Viertel niedrige Häuser und die engen Straßen, auf denen die verrückten Shanghaier Autofahrer und Radler unterwegs sind. Reiseführer warnen davor, sich diesem Verkehr auszusetzen. Ich will es trotzdem versuchen.
Es ist der Drache, den man reitet; das wird schon nach ein paar Metern klar. Aber darum geht es natürlich: die chinesische Dynamik zu erfühlen und zu erfahren; den westlichen Blick gegen die östlichen Radregeln zu stellen; einen absurden Versuch von Nähe zu wagen, der nur scheitern kann.
Also los. Meine Route führt einmal quer durch den älteren Teil der Stadt, vom Französischen Viertel, wo das koloniale Erbe Shanghais spürbar ist, hinüber zum Huangpu, von wo aus man auf das stetig wachsende Hochhausviertel am anderen Flussufer blickt, und über den Platz des Volkes wieder zurück. Der neue Teil der Stadt mit seinen Highways und Brücken und Tunnels ist nur etwas für Fortgeschrittene, für Leute, die wissen wollen, wie es sich anfühlt, buchstäblich unter die Räder der Globalisierung zu geraten.
Der Mann an der Ampel wedelt gut gelaunt mit seinem Strafzettel
Daran gemessen, ist die Jianguo Xilu eine ruhige Straße – eine Einbahnstraße allerdings, wie fast überall im Französischen Viertel. Die Autos sind fast alle von VW, sie heißen Santana, und in Deutschland habe ich dieses merkwürdig kantige Modell noch nie gesehen. Die Fahrräder sind fast alle uralt, die Chinesen fahren sehr langsam. Dafür nehmen sie das mit der Einbahnstraße nicht so ernst.
Sie strampeln also den Autos entgegen, obwohl sie doch wissen, dass an der nächsten Kreuzung einer dieser Verkehrspolizisten steht: im braunen Anzug, der wie immer extrem schlecht sitzt, mit einer leuchtend gelben Weste um die Schultern und einer wackeligen Mütze auf dem Kopf. Meistens sind es vier, an jeder Ecke der Kreuzung einer, eine Trillerpfeife im Mund und den Ernst des Kommunismus im Gesicht: Sie verteilen Strafzettel für den Fortschritt, denn alles in China dient ja dem Fortschritt. Mein Freund Finn, der mit mir reist, hat irgendwo gelesen, dass sie nur deshalb so viele Strafzettel an Radfahrer verteilen, weil sie mehr Autos verkaufen wollen und so den Druck erhöhen. Mein Freund Finn ist allerdings auch Schweizer und gläubiger Kapitalist. Und er hat sich nicht getraut, mit mir durch Shanghai zu radeln. Er geht lieber shoppen.
Die Chinesen vor mir biegen alle in die Jianguo Xilu nach rechts ein, in Richtung Fluss, und das ist verboten. Auch ich fahre den Autos entgegen, die etwas schwanken, wenn sie in letzter Minute ausweichen. Der Mann vor mir hat einen bösen Achter, er schaut sich um und grinst mich so breit an, dass ich schon vom Anblick Zahnweh bekomme. An der nächsten Kreuzung wird er von der Trillerpfeife aufgestört, er steigt vom Rad und nimmt brav seinen Strafzettel entgegen. Warum gerade er? Es ist reine Willkür, aber Widerstand ist in China nichts, das man auf dem Fahrrad trainiert. Ich interessiere die Polizisten jedenfalls nicht, also biege ich schnell rechts ab, bevor sie es sich anders überlegen. An der nächsten Ampel halte ich an. Der Mann mit dem Achter wackelt langsam vorbei und wedelt gut gelaunt mit seinem Strafzettel. Ich lächele zurück.
Es ist eigentlich nicht besonders heiß, das Frühlingswetter in Shanghai, der übliche Smog natürlich – auf jeden Fall brennt es mir schon etwas in der Lunge. Ich stehe an der Ecke Taikang Lu, also fahre ich ein paar hundert Meter in die Straße hinein, schiebe das Rad an den schicken Boutiquen und den Web-Designerläden und den Galerien vorbei, die es hier in den kleinen Seitengassen gibt, ich stelle mein Rad vor dem Café Kommune ab, wo sich die schönen Chinesinnen von Shanghai treffen. »Lovers Rock« hat eine auf ihrem Pulli stehen, die Musik kommt von den Doors, und im Innenhof gibt es hervorragenden Ice Tea in großen Karaffen – und ich fühle mich wie ein Gewinner.
Es ist der erste, widersinnige Schwall von Adrenalin, der mir in den Kopf schießt. Yin und Yang, denke ich, vormittäglich wirr, Bambus und Beton, schon klar: Westliche Vorstellungen von Vernunft können hier nur zu Verletzungen führen. So simplifizierende Konzepte wie links oder rechts, Rot oder Grün, Recht oder Unrecht, stop oder go, all das spielt keine Rolle in dem ewigen Gleiten, Rollen, Radfahren, das dieses Land seit ein paar Jahrtausenden praktiziert. Auch Kapitalismus und Kommunismus schließen sich hier nicht aus.
- Datum 21.02.2008 - 03:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 20.04.2006 Nr.17
- Kommentare 6
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Hat der Verfasser denn vor lauter Chinesisch schon seine Muttersprache vergessen? Oder schert ihn die Sprache der Einheimischen gar nicht, weil mit Englisch ja eh alles viel besser klappt. Uns Zeit-Lesern allerdings Ice Tea und Dumplings zuzumuten, das klappt leider nicht.
Ihr Artikel "Links hat Vorfahrt" ist nicht nur schlecht geschrieben, er ist auch voll falscher Information. Dazu kommen komplett schwachsinnige Forumlierungen ("er grinst micht so stark an, dass ich schon vom Anblick Zahnweh bekomme") ???
Einige Beispiele für falsche Information oder einfach nur schwachsinnige Aussagen:
"Verkehrspolizisten mit braunen Anzügen .. sie verteilen Strafzettel für den Fortschritt". Tun sie nicht, es sind nur Verkehrsassistenten die keine Strafzettel verteilen, das macht nur die Polizei.
"Sie verteilen mehr Strafzettel damit mehr Autos verkauft werden". So ein kompletter Schwachsinn. Shanghai versucht mit allen Mitteln und Wegen die Anzahl der Autos zu begrenzen, in Peking werden Nummernschilder schon teuer versteigert weil die Anzahl der Neuanmeldungen start begrenzt ist. Und glaubt der Autor wirklich, weil jemand ein Fahrrad-Strafzettel bekommt, kauft er sich jetzt ein Auto ??
"er steigt vom Rad und nimmt brav seinen Strafzettel entgegen". Ganz offensichtlich einfach nur ausgedacht, vollkommen idiotisch. Ausserdem gibt es immer laute Diskussionen wenn Verkehrspolizisten Strafzettel verteilen.
"Web-Designerläden". Was ist das denn ? Schönes Wort, passt irgendwie zum psoydo-futuristischen Shanghai dachte sich hier der Autor wohl ?
"Kommune Cafe, wo sich die schönen Chinesinnen von Shanghai treffen". Kommune ist vermutlich das kleinste Cafe in Shanghai, und hier gehen die Mitarbeiter der benachbarten Werbeagenturen zum Mitagessen, mehr nicht ( [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ] ).
"Ich fühle mich wie ein Gewinner". Wieso, weil er im Cafe Kommune sitzt ??
"Rot oder Grün, Recht oder Unrecht, stop oder go, all das spielt keine Rolle in dem ewigen Gleiten, Rollen, Radfahren, das dieses Land seit ein paar Jahrtausenden praktiziert". Was wird seit tausenden Jahren praktiziert, Radfahren ??
"Zur Huaihai ZhongLu, dem Shopping Viertel". Achso, hier ist also das EINE shopping viertel von Shanghai...
"Die Pappeln sind immer noch deutlich in der Überzahl". Überzahl zu was ? Menschen ? Wohl kaum
"Der Verkehr ist 3spurig und tatäslich Lebensgefährlich". So ein quatsch. Der Autor versuch um jeden Preis Shanghai als fremd und mysteriös darzustellen. Der Verkehr auf der Huaihai Rd ist genauso gefährlich wie in jeder anderen Großstadt dieser Welt !
... das war jetzt nur die erste Spalte. Geht genauso weiter. Aber egal, wer will denn schon in Deutschland die Wahrheit über China lesen, ist ja so weit weg, da kann man sich ja schon mal ein bisschen Schwachsinn ausdenken und den Mythos Shanghai am leben halten.
Es ist unter dem Niveau der Zeit, solche schiefen und von Fehlern durchsetzten Touristen-Geschichten zu drucken. Gut fuer den Stammtisch, aber keine Information ueber Shanghai!
Wenn jeder Shanghai-Besucher sich so auffuehren wuerde, koennte bald keine Chinesin mehr Zitronen nach Hause bringen.
Ui, immer diese schlauen Schlaubischlumpf-Kommentare. Schlimme Sachen sind offenbar zu lesen: die Farbe der Uniform ist falsch beschrieben, die Jianguolu kreuzt die Taikanglu garnicht. Ja, da wird mir doch mal wieder deutlich warum ich gerade auch lieber in dieser Gegend herumradle und nicht in Deutschland. Mir hat der Artikel gut gefallen, ich fühle mich ähnlich beschwingt mit dem Rad hier effektiv und systematisch dem Chaos zu folgen. Mein Tip: Nie umdrehen, keine scharfen Kurven (geht mit den alten Chinesischen Rädern auch garnicht).
finde den artikel von der schreibweise doch ganz ansprechend. aber wie schon einige kommentatoren vorher geschrieben, sind doch viel fehler zu finden. dies lässt den verdacht aufkommen, dass der autor niemals in shanghai war, zumindest nicht mit dem fahrrad auf beschriebener strecke. wohl eher mit dem finger auf einem online-stadtplan...
leider lassen die vielen fehler (nur einer hier: shanghai ist nicht die grösste stadt chinas, sondern chongqing) generell an der vertrauenswürdigkeit anderer artikel in der 'zeit' zweifeln... wenn schon die einfachsten dinge, die leicht zu recherieren wären, nicht stimmen, wie steht es dann mit anderen daten, die nicht leicht zugänglich sind, hier aber, journalistisch aufgearbeitet, präsentiert werden?
Es list aengst nichts besonderes mehr, auch als Langnase mit dem Fahrrad, dem Elektroroller oder einem LPG-Motorrad durch Shanghai zu fahren - der Verfasser haette merken muessen, dass er nicht nur unter Chinesen unterwegs ist.
Aber abgesehen davon waere es schoen gewesen, zumindest die oertlichen Angaben sorgfaeltiger zu machen:
Die in Ost-West-Richtung verlaufende Jianguo Xi Lu ist fuer Autos eine zweispurige Einbahnstrasse Richtung Osten, fuer Zweiraeder aber auf einer Extra-Fahrspur eine Einbahnstrasse Richtung Westen. Somit ist der Verfasser zwar von West nach Ost mit seinem Fahrrad entgegen der vorgeschrieben Fahrradrichtung gefahren - ihm koennen ihmaber niemals wie im Text behauptet Autos entgegen gekommen sein.
Die Taikang Lu ist eine Parallelstrasse zur Jianguo Lu - es verwundert daher, dass der Verfasser "an der Ecke" dieser beiden Strassen halt gemacht hat (Das Cafe "Kommune" befindet sich auf einer Verbindungsgasse der beiden Strassen).
Die Huahai Lu ist ist vierspurig (zwei pro Richtung), der Verfasser hate allerdings anders gezaehlt
"Green Massage" wiederum befindet sich in der Taicang Lu (sprich "taizang"), nicht in der Taikang Lu wie beschrieben (dort war das "Kommune", s.o....)....
Gruesse aus Shanghai
TS
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