Wann habe ich eigentlich angefangen, mich wieder an den Feminismus zu erinnern? Es muss im letzten Jahr gewesen sein, nachdem mir ein Mann enttäuscht mitteilte, er habe sich das mit mir anders vorgestellt, ich sei eine Karrierefrau, warum ich plötzlich von Familiengründung rede? Ich hatte nicht gewusst, dass diese Art von Apartheid noch existiert. Ich hatte geglaubt, es sei mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert, dass Frauen (auf eigene Gefahr) beides zu verbinden versuchen. Das Wort Karrierefrau, ohne Ironie verwendet, hatte ich zuletzt in den achtziger Jahren gehört, bei einem Elternabend, nach dem die versammelten Hausmütter meiner Mitschülerinnen unsere Cosmopolitan lesende, bodybuildende, ständig an ihrem Ehemann nörgelnde Französischlehrerin so bezeichneten. BILD

Als aus der Beziehung nichts wurde, habe ich mich wieder auf die Welt der Karriere und des Berufs konzentriert. Es war das Jahr, in dem ich meinen sechsten männlichen Chef in Folge bekam. Nein, das stimmt nicht, eine hatte es gegeben, eine Stellvertreterin, die kurz darauf in Mutterschaftsurlaub ging. Dann kam sie zurück. Halbtags, wie so ziemlich alle deutschen Mütter.

Es war das Jahr, in dem meine Freundin, eine sehr gut verdienende Investmentbankerin, heulend von einer Betriebsfeier kam, auf der ein neuer Kollege betrunken vor anderen zu ihr gesagt hatte: »ich möchte dich demütigen«, und am nächsten Tag nicht - in Worten: nicht - von seinem Chef gefeuert wurde oder auch nur zur Rede gestellt, obwohl seine Probezeit Tage später ablief. Es war das Jahr, in dem einer anderen Freundin, einer Art-Direktorin, nahe gelegt wurde, denselben Job auf Tagessatzbasis zu machen. Vielleicht war sie einfach nicht gut genug. Vielleicht dachten ihre Vorgesetzten ja auch: Sie hat doch einen Mann, wozu braucht sie das Geld?

Es war das Jahr, in dem ich mir selbst dabei zusah, wie ich mir die Haare wachsen ließ. Das Jahr, in dem eine Sendung namens Desperate Housewives zum Fernsehhit wurde. In dem meiner Freundin ein Teil des Unterhalts für ihre Tochter verweigert wurde, mit der Begründung des Mannes, er bezahle sie nicht dafür, Mutter zu sein.

Vielleicht bin ich auch etwas überspannt in letzter Zeit. Vielleicht hat das alles auch nichts mit den Geschlechterverhältnissen zu tun. Vielleicht ist es bei mir so wie bei meinem schwarzen Mitbewohner, mit dem ich Anfang der neunziger Jahre in Amerika eine Wohnung teilte. Immer wenn ihm etwas Schlechtes widerfuhr, dachte er, es sei wegen seiner Hautfarbe. Wenn er eine Wohnung oder einen Auftrag nicht bekam oder wenn eine Frau ihn nicht toll fand, dann schob er das auf die abstrakte Ebene (Hautfarbe), statt auf der konkreten (seine Person) nach Gründen zu suchen. Das war für ihn weniger verletzend, und kämpfen musste er dann auch nicht. Das war sein Vorteil und gleichzeitig sein Nachteil. Weiße, heterosexuelle Mittelklassemänner können es nur auf sich selbst schieben, wenn sie Probleme kriegen, vielleicht bringen sich deshalb mehr Männer um als Frauen. Wir Angehörige historisch benachteiligter Gruppen können uns notfalls in die Opferecke zurückziehen und uns über die Welt ärgern. Es kann also sein, dass ich etwas verallgemeinere, was in Wirklichkeit nur mein Problem ist. Vielleicht war es einfach nur ein schlechtes Jahr.

Immerhin gibt es jetzt eine Bundeskanzlerin! Ein starkes Signal für die Frauen in Deutschland, wie der Bundestagspräsident nach der Wahl sagte. Damit hat er vermutlich etwas in der Art gemeint wie: Ihr habt's geschafft, alles ist möglich, krempelt euch die Ärmel eurer schultergepolsterten Karrierefrauenblazer hoch. Oder vielleicht wollte er sagen: Seht doch, geht doch, was wollt ihr denn? Jetzt muss aber mal Schluss sein mit dem Klagen.

Ich kann an der Merkelwahl kein positives Signal finden. Ich glaube, Angela Merkels Erfolg ist eine Spätfolge des antibürgerlichen Frauenbildes in der DDR. Aus dem Westen wird da, ähnlich wie bei den Hundertmeterläuferinnen, nicht mehr viel nachkommen. Die Merkelwahl ist kein Signal für irgendwas, sie ist das Eintreten eines unwahrscheinlichen Falles, eine Laune der Natur. Sie passt nicht zu den anderen Signalen, die man zurzeit so empfängt, zu dem, was Intellektuelle einen Diskurs nennen, ich nenne es: nur so ein Gefühl. So ein eher ungutes Gefühl.

Manchmal frage ich mich, ob wir den Feminismus verschenkt haben. Besonders kämpferisch war meine Generation nun wirklich nicht. Im Gegenteil. Wir haben damit kokettiert, es nicht zu sein. Wenn uns einer die Tür aufhielt, nach dem Essen die Rechnung übernahm, nach drei Gläsern Wein sagte, dass wir schön seien, dann waren wir sogar noch irgendwie stolz darauf, dass wir nicht sofort schlechte Laune kriegten, wie unsere Vorgängergeneration das vermutlich getan hätte, die sich, Moment, wie nannten sie das noch mal, auf ihren Körper reduziert gefühlt hätte. Wir sind mit unseren Push-up-Bras einfach sitzen geblieben. Lächelnd. Es hatte so einen leicht perversen Reiz, nicht so kämpferisch zu sein, nicht so verbiestert. Es ist wieder in Mode gekommen, zu sagen, dass man gern (und ziemlich gut!) koche, am liebsten schwere deutsche Bratengerichte nach den Rezepten der Großmutter. So wie es eben 15 Jahre davor für eine Frau originell war, zu sagen, dass man eine lausige Köchin sei und zudem Vegetarierin. Das muss man nicht überbewerten, vermutlich sind das nur Spielereien, Reaktionen auf das, was vorher war. Aber manchmal kommt es mir jetzt so vor, als hätten wir zusammen mit den Hennahaaren, den Hängebrüsten, den Lederhandtaschen die Gleichberechtigung abgeschafft, das war so eine Idee aus dem 19. Jahrhundert, dass Männer und Frauen dieselben Rechte haben sollen, weil sie dieselben Fähigkeiten haben. Und dass sich daraus ein ähnliches Leben ergeben würde.

Eine Zeit lang sah es auch ganz danach aus.

Aber dann hat sich ganz langsam etwas verändert. Es ging so vor sieben, acht Jahren los, und am Anfang war es noch ganz charmant. Erinnert sich noch jemand an die schlüpfrigen Texte, mit denen Katja Kessler die Busengirls in der Bild umschrieb? Mit diesem kleinen Tabubruch wurde sie berühmt - eine Frau, ausgebildete Zahnärztin, beschreibt verspielt und machohaft die Körper anderer Frauen. Keiner fand das daneben. Ich auch nicht. Es war irgendwie ... erfrischend. Dann kam die Klatschkolumnistin Christiane Hofmann, die es in ihrer Kolumne in der Bild täglich schafft, mit den Augen eines Mannes auf die Welt zu schauen, und andere Frauen so zu beschreiben, als sei sie ein schwer atmender Busenmacho oder als wolle sie sich bei einem solchen einschleimen: »Ihr Gazellen-Body gebräunt, die Augen klar ... Kate Moss (31) is back ... Po raus! Damit Pam nicht nach vorne kippt ... das Oberweiten-Wunder erklärt uns bildlich, wie das mit der Schwerkraft funktioniert: Also, je mehr Silikonkräfte nach vorne wirken, desto doller muss das Hinterteil gegensteuern. Merke: XXL-Mega-Busen x doppelter Po-Stärke = Standkraft.«

Frauen zum Sexobjekt machen, hätte meine Französischlehrerin dazu, glaube ich, gesagt. Und uns sofort einen Aufsatz über das Thema schreiben lassen. Mit vierzehn hätte ich mich über so was richtig aufregen können, später als Studentin, Praktikantin, Redakteurin wäre es mir nicht mehr in den Sinn gekommen. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass der Start ins Berufsleben jungen Frauen nach meiner Beobachtung oft leichter fällt als Männern. All die Eigenschaften, die am Anfang wichtig sind - gute Schulnoten, Wissbegier, Fleiß, Sozialkompetenz, Flirtkompetenz - sind bei 23-jährigen Frauen häufiger vorhanden als bei gleichaltrigen Männern. Durchhaltevermögen, Kampfgeist, die richtige Balance aus Strategie und Opportunismus, bisweilen auch: Brutalität braucht man erst auf der Langstrecke und auf dem Weg nach oben. Und da sind dann (vielleicht, weil die Belohnungen größer sind) die Männer im Vorteil - und bleiben es, bis sie schließlich Generaldirektor der Škoda-Werke geworden sind. Das kapiert man aber erst mit 30, 35. Ich habe lange gedacht, dass Frauen es im Beruf sogar einfacher haben. Süß, oder?

Mit Ende zwanzig hat man dann ein bisschen Karriere gemacht, um aus halber Höhe so auf die Welt zu blicken wie früher die doofsten Prolls. Dazu passen auch Frauen wie Verona Feldbusch oder Ariane Sommer oder Cora Schumacher. Sie leben von ihrem Aussehen, sie kokettieren damit, dass sie nicht besonders helle sind, sie zeigen sich gern halb nackt, sie haben große Busen oder sich große Busen machen lassen, und keiner hat sie dazu gezwungen. Sie haben sich selbst zum Sexobjekt gemacht. Und wir, ihre etwas strebsameren älteren Schwestern, haben es ihnen auch noch durchgehen lassen. Nicht etwa, weil wir auf diese Weise gegen den Feminismus rebellieren wollten. Sondern weil wir eine Zeit lang dachten, das sei ironisch gemeint, ein Witz auf unsere Kosten, über den wir gelacht haben, weil es souveräner war. Ein Beweis dafür, dass der Feminismus seine Ziele erreicht hat, dass wir uns nicht länger als Opfer einer großen Ungerechtigkeit fühlten. Aber manchmal denke ich jetzt, dass es vielleicht genau andersherum ist. Vielleicht sind diese Phänomene in Wirklichkeit ein Signal dafür, dass der Feminismus tot ist. Oder wie die amerikanische Journalistin Ariel Levy es in ihrem Buch Female Chauvinist Pigs zuspitzt: »Nur weil wir post- sind, heißt das noch lange nicht, dass wir auch feministisch sind.« Ja. Sieht so aus, als ob wir, während wir noch mit Schuheeinkaufen und Kochkursen beschäftigt waren, die Vorteile verspielt haben, die Feministinnen für uns herausgeholt haben.

Die Beschäftigungsquote von Frauen in Ostdeutschland geht seit der Wende zurück. Frauen verdienen - in denselben Berufen! - immer noch zwischen 30 und 40 Prozent weniger als Männer, je nach Studie. Alle Frauen, die ich kenne, die Kinder bekommen, kommen gar nicht mehr auf die Idee, dass die Erziehung und Arbeit auf beide verteilt werden könnten. Denn immer verdienen die Männer mehr (weil sie meistens vier, fünf Jahre älter sind, das ist in dem Alter entscheidend, oder weil sie besser bezahlte Berufe haben; und wenn das alles immer noch nicht hilft bei der Rollenverteilung, auch in derselben Branche im selben Alter sowieso die statistischen 30 Prozent mehr verdienen). Also bleibt sie zu Hause. Das ist nicht neu, aber vor 20 Jahren, so stelle ich mir das vor, war es zumindest ein bisschen peinlich. Heute muss man es nicht mal mehr erklären, und irgendwann gehen die Kinder in den Kindergarten, und die Frauen sind 35 und nicht mehr in der Situation, sich fest anstellen zu lassen. Mr. Right ist in der Zwischenzeit schon zum Operierenden Thetanen aufgestiegen, klar, dass er da nicht mehr Teilzeit arbeiten kann.

Während wir uns wieder entscheiden müssen. Eine TV-Werbung für Vorwerk-Staubsauger zeigt das sehr schön. Zwei Frauen begegnen sich auf einer Party, die eine gibt, karrierefrauenmäßig, mit ihren Managementaufgaben an, natürlich ist sie ohne Begleitung da. Und was machen Sie so, fragt sie sinngemäß die andere (ihr Mann steht an ihrer Seite). Schnippische Antwort: Ich manage ein sehr erfolgreiches Kleinunternehmen mit drei Kindern, einem Mann und fünf Haustieren.

Warum kriege ich bei dieser Werbung immer - ganz untypisch für eine Postfeministin - schlechte Laune? Nicht weil ich Hausfrauen verachte, ich schwöre, das tue ich nicht. (Manchmal stelle ich mir so ein Leben sogar ganz schön vor.) Aber weil diese Werbung das alte Apartheidssystem wieder aufmacht, als müsste man sich eben entscheiden. Hausfrau (aber um Anerkennung kämpfend) oder Karrierenuss (aber allein).

Heute sehen die Frauen wieder aus wie 1955

Man sieht das auch in der Mode. Die Werbeflächen sind tapeziert mit nackten Brüsten. Vor dieser Fotowand bewegen sich Frauen, die sehen aus wie aus dem Jahr 1955. Sie tragen Halstüchlein, knielange Röcke, Blusen und die Haare wieder lang. Das ist natürlich kein Zufall. Der Subtext ist, halb im Ernst, halb im Spiel: Ich bleibe zu Hause, versprochen, und wenn's in Neu-Ulm ist. Und kochen kann ich auch. Wenn der Chef meines Mannes zum Essen kommt, verblüffe ich ihn mit Toast Hawaii! In den fünfziger Jahren hatten diese Frauen immerhin noch ein Privatleben. Heute verkleiden sie sich nur noch so als seien sie jemandes Ehefrau, als gäbe es im Hintergrund einen Mann, der nicht will, dass sie arbeiten muss. Im Zweifelsfall haben sie weder die Karriere noch die Familie. Harald Schmidt hat das in einem ZEIT-Interview sehr brutal auf den Punkt gebracht: »Ach, nehmen Sie doch nur mal die meisten der kinderlosen Frauen in meiner Branche, dieses sexuelle Medienproletariat. Die haben mit Glück einen One-Night-Stand mit einem Beleuchter, sozusagen Last Minute in Sachen Kinderwunsch. Da rücken jetzt die 25-Jährigen nach, und es wird ganz bitter. Das ist die Wahrheit - und die wird gerade von Frauen, die früh Kinder bekommen haben, unverblümt ausgesprochen.«

Aua. Da erwachen sogar Postfeministinnen aus ihrem 15-jährigen Wachkoma. Die Frage ist nur, was fieser ist, die Verhältnisse oder der Ton, in dem sie beschrieben werden.

Ach so: Wie in jedem ordentlichen Diskurs gibt es jetzt sogar ein intellektuelles Fundament für das alles, damit die Kittelschürzenfantasien nicht allzu haltlos wirken. Biologistische Erklärungen für geschlechtsspezifisches Verhalten sind schon seit Jahren wieder in Mode. Bislang ging es dabei aber eher um Unterschiede beim Einparken oder Fremdgehen. Im vergangenen Jahr sagte dann Larry Summers, der damalige Präsident von Harvard (also, symbolisch betrachtet, das Gehirn der Welt), dass er sich langsam Gedanken mache, ob es nicht vielleicht doch auch einen angeborenen Unterschied zwischen Männern und Frauen geben könnte, der verhindere, dass Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern Spitzenleistungen brächten. Denn schließlich habe jahrzehntelange Frauenförderung seiner Eliteuni keine Spitzenkräfte hervorgebracht. Natürlich ist es erlaubt, über alles nachzudenken, es ist auch interessant, sich die alte Frage nach den biologischen (und deshalb: schwer oder gar nicht veränderbaren) Unterschieden neu vorzulegen (den Afroamerikanern passiert gerade dasselbe). Aber ist es ein Zufall, dass es in einem Moment geschehen ist, in dem die Postfeministinnen den Feminismus aus den Augen verloren haben?

Vielleicht müsste man sich wieder - wie war das Wort? - engagieren

Davon abgesehen, was soll man erwarten? Larry Summers hat gerade seinen Job verloren, was auch damit zusammenhängt, dass zumindest an amerikanischen Universitäten der Feminismus in der Ausprägung old school & deeply unsexy nie ausgestorben ist. Man kann es Summers auch nur begrenzt vorwerfen, auch er will ab und zu was Neues sagen, das ist wahrscheinlich das akademische Äquivalent zum Revival der knielangen Röcke. Und er ist Wissenschaftler und kein Aktivist. Er muss sich für die Wahrheit einsetzen, nicht für die Frauen.

Aber vielleicht ist es eine gute Gelegenheit, als Frau noch mal zu überdenken, ob es wirklich so eine gute Zeit ist, um Neue Bürgerlichkeit zu spielen oder bei der Hochzeit den Familiennamen des Mannes anzunehmen. Und ob man sich nicht vielleicht langsam mal wieder, Sekunde, wie hieß das noch mal, für die Gleichberechtigung engagieren müsste.

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