Ich kann an der Merkelwahl kein positives Signal finden. Ich glaube, Angela Merkels Erfolg ist eine Spätfolge des antibürgerlichen Frauenbildes in der DDR. Aus dem Westen wird da, ähnlich wie bei den Hundertmeterläuferinnen, nicht mehr viel nachkommen. Die Merkelwahl ist kein Signal für irgendwas, sie ist das Eintreten eines unwahrscheinlichen Falles, eine Laune der Natur. Sie passt nicht zu den anderen Signalen, die man zurzeit so empfängt, zu dem, was Intellektuelle einen Diskurs nennen, ich nenne es: nur so ein Gefühl. So ein eher ungutes Gefühl.

Manchmal frage ich mich, ob wir den Feminismus verschenkt haben. Besonders kämpferisch war meine Generation nun wirklich nicht. Im Gegenteil. Wir haben damit kokettiert, es nicht zu sein. Wenn uns einer die Tür aufhielt, nach dem Essen die Rechnung übernahm, nach drei Gläsern Wein sagte, dass wir schön seien, dann waren wir sogar noch irgendwie stolz darauf, dass wir nicht sofort schlechte Laune kriegten, wie unsere Vorgängergeneration das vermutlich getan hätte, die sich, Moment, wie nannten sie das noch mal, auf ihren Körper reduziert gefühlt hätte. Wir sind mit unseren Push-up-Bras einfach sitzen geblieben. Lächelnd. Es hatte so einen leicht perversen Reiz, nicht so kämpferisch zu sein, nicht so verbiestert. Es ist wieder in Mode gekommen, zu sagen, dass man gern (und ziemlich gut!) koche, am liebsten schwere deutsche Bratengerichte nach den Rezepten der Großmutter. So wie es eben 15 Jahre davor für eine Frau originell war, zu sagen, dass man eine lausige Köchin sei und zudem Vegetarierin. Das muss man nicht überbewerten, vermutlich sind das nur Spielereien, Reaktionen auf das, was vorher war. Aber manchmal kommt es mir jetzt so vor, als hätten wir zusammen mit den Hennahaaren, den Hängebrüsten, den Lederhandtaschen die Gleichberechtigung abgeschafft, das war so eine Idee aus dem 19. Jahrhundert, dass Männer und Frauen dieselben Rechte haben sollen, weil sie dieselben Fähigkeiten haben. Und dass sich daraus ein ähnliches Leben ergeben würde.

Eine Zeit lang sah es auch ganz danach aus.

Aber dann hat sich ganz langsam etwas verändert. Es ging so vor sieben, acht Jahren los, und am Anfang war es noch ganz charmant. Erinnert sich noch jemand an die schlüpfrigen Texte, mit denen Katja Kessler die Busengirls in der Bild umschrieb? Mit diesem kleinen Tabubruch wurde sie berühmt - eine Frau, ausgebildete Zahnärztin, beschreibt verspielt und machohaft die Körper anderer Frauen. Keiner fand das daneben. Ich auch nicht. Es war irgendwie ... erfrischend. Dann kam die Klatschkolumnistin Christiane Hofmann, die es in ihrer Kolumne in der Bild täglich schafft, mit den Augen eines Mannes auf die Welt zu schauen, und andere Frauen so zu beschreiben, als sei sie ein schwer atmender Busenmacho oder als wolle sie sich bei einem solchen einschleimen: »Ihr Gazellen-Body gebräunt, die Augen klar ... Kate Moss (31) is back ... Po raus! Damit Pam nicht nach vorne kippt ... das Oberweiten-Wunder erklärt uns bildlich, wie das mit der Schwerkraft funktioniert: Also, je mehr Silikonkräfte nach vorne wirken, desto doller muss das Hinterteil gegensteuern. Merke: XXL-Mega-Busen x doppelter Po-Stärke = Standkraft.«

Frauen zum Sexobjekt machen, hätte meine Französischlehrerin dazu, glaube ich, gesagt. Und uns sofort einen Aufsatz über das Thema schreiben lassen. Mit vierzehn hätte ich mich über so was richtig aufregen können, später als Studentin, Praktikantin, Redakteurin wäre es mir nicht mehr in den Sinn gekommen. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass der Start ins Berufsleben jungen Frauen nach meiner Beobachtung oft leichter fällt als Männern. All die Eigenschaften, die am Anfang wichtig sind - gute Schulnoten, Wissbegier, Fleiß, Sozialkompetenz, Flirtkompetenz - sind bei 23-jährigen Frauen häufiger vorhanden als bei gleichaltrigen Männern. Durchhaltevermögen, Kampfgeist, die richtige Balance aus Strategie und Opportunismus, bisweilen auch: Brutalität braucht man erst auf der Langstrecke und auf dem Weg nach oben. Und da sind dann (vielleicht, weil die Belohnungen größer sind) die Männer im Vorteil - und bleiben es, bis sie schließlich Generaldirektor der Škoda-Werke geworden sind. Das kapiert man aber erst mit 30, 35. Ich habe lange gedacht, dass Frauen es im Beruf sogar einfacher haben. Süß, oder?

Mit Ende zwanzig hat man dann ein bisschen Karriere gemacht, um aus halber Höhe so auf die Welt zu blicken wie früher die doofsten Prolls. Dazu passen auch Frauen wie Verona Feldbusch oder Ariane Sommer oder Cora Schumacher. Sie leben von ihrem Aussehen, sie kokettieren damit, dass sie nicht besonders helle sind, sie zeigen sich gern halb nackt, sie haben große Busen oder sich große Busen machen lassen, und keiner hat sie dazu gezwungen. Sie haben sich selbst zum Sexobjekt gemacht. Und wir, ihre etwas strebsameren älteren Schwestern, haben es ihnen auch noch durchgehen lassen. Nicht etwa, weil wir auf diese Weise gegen den Feminismus rebellieren wollten. Sondern weil wir eine Zeit lang dachten, das sei ironisch gemeint, ein Witz auf unsere Kosten, über den wir gelacht haben, weil es souveräner war. Ein Beweis dafür, dass der Feminismus seine Ziele erreicht hat, dass wir uns nicht länger als Opfer einer großen Ungerechtigkeit fühlten. Aber manchmal denke ich jetzt, dass es vielleicht genau andersherum ist. Vielleicht sind diese Phänomene in Wirklichkeit ein Signal dafür, dass der Feminismus tot ist. Oder wie die amerikanische Journalistin Ariel Levy es in ihrem Buch Female Chauvinist Pigs zuspitzt: »Nur weil wir post- sind, heißt das noch lange nicht, dass wir auch feministisch sind.« Ja. Sieht so aus, als ob wir, während wir noch mit Schuheeinkaufen und Kochkursen beschäftigt waren, die Vorteile verspielt haben, die Feministinnen für uns herausgeholt haben.