Oper Wagner wird Voodoo

Entrückter geht’s nicht: »Tristan und Isolde« an der Berliner Lindenoper

Es geht auf Karfreitag zu, und alles ist Leiden und Sühne und Tod. Ein Kelch steht da, allein auf offener Bühne. Steht da im zweiten Akt und noch im dritten. Es ist der Kelch, der nicht vorübergeht (Mt 26,39) – nicht an Tristan und Isolde und nicht an uns, die wir den Leidensweg mit ihnen teilen. Sechs Stunden Wagner liegen vor uns, sechs Stunden großes Sterben, gewaltige Passion. Die Oper wird Opferstätte, ein Gottesdienst ohne Gott. Es geht auf Karfreitag.

Tristan als religiöses Weihespiel? So wirkt die neue Inszenierung an der Lindenoper in Berlin. Nur dreimal wurde sie gezeigt, dreimal vor Ostern – eine Geschichte, in der alle auf den Tod hoffen, weil nur der Tod neues Leben in der Liebe möglich macht. So stürben wir, um ungetrennt, …ganz uns selbst gegeben, der Liebe nur zu leben! Das singt Held Tristan, und Held Daniel Barenboim macht daraus ein vorösterliches Epos für die Wagner-Gemeinde.

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Er lässt die Staatskapelle so durchdringend, so kraftversessen aufspielen, dass die kleine Lindenoper schier zu bersten scheint. Der Stuck bröckelt eh schon und erzittert vor der hohen Phonzahl; dazu noch die scharfen Temperaturwechsel, mal eisig ins Dissonante gleitend, dann wieder hoch entflammt. Alles scheint diese Musik erfassen, durchrütteln, erhitzen zu wollen.

Auf der Bühne jedoch ist nichts davon zu spüren. Sie wirkt wie eine Klimakiste, in der teure Kunstwerke rund um die Welt geschickt werden, gut isoliert gegen Hitze und Frost, geschützt vor jeder Zumutung des Lebens. Entwickelt wurde sie vom Büro der Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die sonst gern das Allergrößte bauen, ganze Stadien wie die Arena in München oder Philharmonien wie in Hamburg. Hier haben sie etwas sehr Beengtes aufgestellt: eine Bühne auf der Bühne, die aus der Oper ein Kino macht. Danach sieht es jedenfalls aus: unten ein schwarzer Sockelstreifen, zwei Meter hoch, darüber Tristan im Superbreitwandformat, und oben wieder schwarzer Streifen.

So wird Wagner, der Entrücker, seinerseits entrückt, hier fehlt ihm alle Mythenschwere und auch jeder Spielraum. Die Architekten rauben ihrer Bühne das Räumliche und den Sängern die Bewegungsfreiheit. Ihnen bleibt für den Auftritt nur ein schmaler Weg entlang der Bühnenkante, denn gleich dahinter spannt sich eine weiße Gummihaut.

Die sieht aus wie ein Verhüterli und wirkt auch so: verhütet Pathos und Lust. Nichts befruchtet sich auf dieser Bühne, und das Wirkliche bleibt draußen. Allenfalls drängt es sich heran an die Haut, ein paar Taue zeichnen sich dahinter ab oder ein Fensterbogen, einmal auch ein Gesicht. Doch es bleibt bei der Andeutung, nie platzt die Blase, nichts wird real.

Auch die Sänger, aufgestellt von Stefan Bachmann, sind wie entleibt, steif und ungerührt stehen sie da. Es gibt hier nur Fernbeziehungen, selbst getötet wird wie im Voodoo. Links außen zückt Melot sein Schwert, rechts außen sackt Tristan zusammen.

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