Mode Zaghafte Amazonen

In der Mode haben Mädchen immer noch das Nachsehen: Ihre Garderobe ist ein schwacher Abklatsch der Jungen-Klamotten. Und ihre Coolness ist nur geborgt

Die Kleiderindustrie hat neue Kundinnen gewonnen, die mit anderen Maßen zu messen sind als die bisherigen. S – M – L – XL unterscheidet, anders als die Größen 34 bis 48, nur zwischen Klein und Groß und dem unbestimmten Zustand »M«. Die Einteilung ist weniger auf die Körpergröße als auf das Entwicklungsstadium der Kundin bezogen. Diese ist Schülerin, Lehrling, Praktikantin und im Wachsen begriffen. Das Schicksal hat noch nicht entschieden, ob sie eine zierliche Dame mit Größe 34 oder eine Matrone mit Größe 48 werden soll. S – M – L ist der Körperumriss, der sich aus der noch unbestimmteren Einteilung für Kindermoden herauspräpariert hat, die grob nach Alter, für Zweijährige, Fünfjährige, Zehnjährige, unterscheidet, für solche, die langsam wachsen oder in die Höhe schießen. Die Einteilung S – M – L bedeutet also: weniger oder mehr ausgewachsen. Die heutige Mode entsteht auf diesem Markt für Heranwachsende, für alle, die XX-young sind. Wer XX-old ist und genug Geld hat, kann sich bei Chanel umtun oder über Versace die Ideen aus der Jugendkultur teuer vermitteln lassen.

Mädchen macht Mode Spaß, auch heute noch, aber wie eh und je haben sie dabei das Nachsehen, im wörtlichen Sinne: indem sie den Buben nachmachen, was die an Kleidung und kessem Design für ihre Spiele – Motorradfahren, Rocken, Snow- und Skateboarden, Rappen, Raven, HipHoppen – erfunden haben, die freilich als »Streetwear« in einem schwer analysierbaren Mix vermarktet werden. Dennoch ist es für Mädchen das erste Gebot, auf ihre geschlechtliche Markierung zu achten. Mädchen und Knaben unterscheiden sich als schmal und breit, was Almut Carlischek mit dem Titel eines Aufsatzes treffend fasst: XXS trifft XXL. Sie hat Schüler über ihre Einstellung zur Mode befragt. Mädchen definieren ihre Linie ex negativo in der Abgrenzung von den Jungen und sagen: »Jungs ziehen so weite Sachen an. Die meisten haben ja immer die Hose unterm Arsch hängen.« Die Knaben hingegen erfinden sich ihre Kontur im Protest gegen die Väter. Deren teure Kleidung würden sie tragen, aber nur, »wenn es nicht unbedingt so ein super Streberhemd ist, wo man das Hemd in die Hose steckt und die Hose unter den Armen hat«.

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Mädchen müssen attraktiv sein, Jungen dürfen lässig bleiben

»Sexy trifft auf cool« – dieser Slogan bestätigt das traditionelle Erscheinungsbild der Geschlechter auch in der Gegenwart. Mädchen haben attraktiv zu sein, Jünglinge haben keinen Körper, ihr Geschlecht beweist sich in Gelassenheit, Mut, Ausdauer. Gemeinsame Basics wie Jeans und Shirt erwecken zwar den Eindruck, als sei der geschlechtliche Unterschied aufgehoben. Doch kommen neue Akzentuierungen hinzu, die alle Gleichheit wieder rückgängig machen. Ein Beispiel dafür ist die Tätowierung. Für beide Geschlechter ist dieser Körperschmuck ein Mittel, sich von den »langweiligen« Erwachsenen zu unterscheiden. Jeans und Bomberjacken tragen mittlerweile auch die Eltern, tätowieren aber werden sie sich kaum je. Das Bündnis der Jungen und Mädchen nach außen hin kann jedoch auf Unterscheidung und Rangunterschied nicht verzichten. Mädchen lassen sich tätowieren an Steiß und Po, an den Fesseln; junge Männer tragen die Tribals an Oberarm, Wade, Schulterblatt, auf jenen Muskeln also, die sie im Fitness-Center trainieren. Frauen bemühen sich weniger um Kraft als um Schlankheit und Elastizität, um die Festigkeit von Po und Bauch.

Die Kleidung der Punks sei, so meint Dieter Baacke in einer Studie über Jugendkulturen, »die einzige jugendkulturelle Form, die Geschlechtsunterschiede nicht zum Thema macht oder zum Ausgangspunkt innerer Ordnung nimmt«. Punks gebrauchen in der Tat das Geschlecht für einen Witz, doch gute Witze sind Männerwitze. Die Frauen der Sex Pistols, für die Vivienne Westwood Anfang der siebziger Jahre den Stil entwarf, zeigten sich in Unterhosen, auf die ein Penis aufgemalt war, die Männer in Shirts mit aufgemaltem Busen. Das Crossover der Geschlechter bestimmte die Mode der Punks, doch ist die Grobheit, mit der bei diesem Spiel mit dem Geschlecht umgegangen wurde, eine männliche Attitüde. Westwood, eine Frau, die zugab, dass sie die meisten Anregungen von ihrem damaligen Mann bekam, erfand Kleider für Frauen, so obszön, wie sie sich nur Männer wünschen: Frauen fällt da zum Beispiel aus dem zerfetzten Gewand versehentlich eine Brust mit geschwärzter Brustwarze heraus; ausgerechnet an der Pofalte platzt, zum Vergnügen des Mannes, der Rock. Die Männer dieser frühen Punkgruppe hingegen waren nicht »sexy«, sie zelebrierten Kraft und Frechheit, outeten sich als Rohlinge, als Machos, als Homos und trugen auf dem Shirt »Two naked Cowboys«, zwei erigierte, sich einander zuwendende Mannsbilder.

Die Gehversuche der Frauen an der Hand der Männer waren oft aber auch erfolgreich. Vivienne Westwood machte den Respekt vor dem weiblichen Körper zunichte und verschaffte dadurch jeder Frau die Möglichkeit eines humoristischen Umgangs mit sich selbst. Sie begnügte sich nicht damit, ein paar Verrücktheiten am Kleid anzubringen, sondern verwandelte den Leib selbst in eine Groteske. Der Irokesenschnitt machte aus dem langhaarigen Mädchen einen buntscheckigen Igel. Die Höhe der Taille war unbestimmt, einmal saß der Rock zu hoch, einmal zu tief, meist hing er schief an einem Hüftknochen, der Saum zipfelte, die Nähte schlitzten auf. Das elegante Wiegen der Hüften war bei Sohlen von bis zu 25 Zentimeter Höhe nicht mehr möglich. Wohin auch immer sich sonst die Blicke der Männer gerichtet hatten, war nun alles zerstört: Haare zum Streicheln gab es nicht mehr, der tiefe Seelenblick der Liebenden war durch Kohle geschwärzt, vom schönen Busen höhnte dem Lüsternen ein frecher Smiley entgegen.

Das Ding, das der Mann gern geliebt hätte, war so scheckig und so schäbig, dass es jeder höheren Herzenswallung Hohn sprach. Es ist ein Unterschied, ob eine Frau im Tulpenkleid von Christian Dior oder im Fetzen-Look von Vivienne Westwood auftritt. Das eine Mal zitiert sie Freundlichkeit nach allen Seiten, das andere Mal die Parodie von vielen hundert Jahren Liebesschmus.

Die Jugendkultur der sechziger und siebziger Jahre entsteht, wie wohlbekannt, aus dem Protest der Kinder gegen die Eltern, der Subkultur gegen die Bildungsinstitutionen, der Unterschicht gegen das Establishment. Die Frauen nehmen an dieser ideologischen Auseinandersetzung teil als Moderevolutionärinnen: Die Männer hatten Ideen, die Frauen stellten sie zur Schau. Bis in die Gegenwart verwalten sie die ästhetische Öffentlichkeitsarbeit der Jugendgruppen. Denn ohne Gallionsfigur kommen Männerbünde nicht aus. Als Schönfärberinnen des Protestes verkörpern die Anhängerinnen dieser Gruppen die ganze Problematik der Emanzipation; seit dem zwanzigsten Jahrhundert ist die Emanzipation von einem Modewechsel begleitet, dessen Tendenz Männer vorgeben. Der männliche Aufstand hat einen Gegner, der weibliche zwei. Die männlichen Jugendlichen der Nachkriegszeit etwa richteten ihren Angriff direkt gegen Eltern und Establishment, die Mädchen stürmten mit, mussten aber gleichzeitig aus der Linie ausbrechen. Sie kämpften gleichzeitig an zwei Fronten, sowohl gegen die Autorität als auch gegen den Verführer, und das tun sie bis heute. Der eine Angriff stärkt ihr Selbstbewusstsein, der zweite nicht unbedingt. Deshalb ist weibliche Emanzipation der unselbstständige Kampf um Selbstständigkeit.

Der Wildfang ist Emanze geworden und die Emanze eine nette Kollegin

Das Schwanken zwischen Aggression und Weinerlichkeit spiegelt sich denn auch im Modegebaren der Mädchen. Kein größerer Schock hätte sich 1979 für eine Mutter denken lassen als eine Tochter mit Igelfrisur, in giftgrünem T-Shirt, Lederkleidung, Metallnoppen, Stiefeln. Auf der Straße aber klammerte sich das Kindergesicht, das aus dem Modeschreck hervorsah, an die Jungen-Bande, die es schützend umgab. Nie wäre eine Punkerin allein in einer Bar, in einem Bistro zu sehen gewesen. Ohne den Hintergrund der Männergruppe verliert sie ihre Identität, die der Steigerung des männlichen Triumphs. Auf der Straße und allein können diese »Mariannen« nur abgetakelt, rundum also anständig gekleidet, erscheinen.

Aus solcher Aporie ist die weibliche Alltagsmode geboren, jener Stil, der aufbegehrt, aber so vorsichtig, dass auch die Zaghaftigkeit noch mitkommt. Das T-Shirt, einst männliches Rüstzeug, heute als Tanktop ein Must der weiblichen Ausstattung, zeigt dies. Dieses nichtssagende Unterhemd, in dem auf die Straße zu gehen sich vor dreißig Jahren jede Frau geschämt hätte, war zu Beginn der jugendbewegten Mode die gesprächige Folie des Protestes gewesen. Sie verkündeten, wogegen der männliche Trotz aufbegehrte: »Ich bin Müll, doch ihr seid Dreck«, »Helfen Sie der Polizei und verprügeln Sie sich selbst«, »Den Letzten holt die Bundeswehr, wir sind Asche von Morgen«. Totenköpfe, Phalli, Atompilze, NS-Symbole bestätigten die Dringlichkeit des Aufschreis. Die Hippies malten den Smiley oder das Victory-Zeichen auf ihre Shirts, die links orientierten Redskins schrieben darauf »S.H.A.R.P.« oder drohten mit »Remember the Spirit of 69«, dazu trugen sie Bomberjacken und die Gesundheitsschuhe der Hafenarbeiter, die Docs.

Seit den sechziger Jahren legt das Hemd das Herz frei, Mode braucht Bekennermut. Den politischen Slogan jedoch überschrieb bald der Werbeslogan. Der gute Glaube wurde zur Markenjagd. Noch ehe die Firmen der jugendlichen Weltanschauung ein Warenzeichen unterschieben konnten, kamen ihnen diese schon von sich aus zuvor und erkannten in der Ware die Weltanschauung. So entstand der seltsame Fall, dass die rechten Skinheads den Namen der Firma Lonsdale, deren Boxerhemden sie trugen, nutzten, um ihre Neigung zum NS-Staat anzuzeigen. Auf ihren Shirts trugen sie das Firmenlogo »LO(NSDA)LE«, wobei ihr jugendlicher Übermut es übergehen konnte, dass das »P« verloren ging. Das Hemd der Skinheads war Wappen und Markenzeichen in einem. Mit den Skinheads beginnt der Markenkult in der Jugendmode.

Hinter Markenmoden aber jagten zuerst Knaben her, nicht Mädchen. Knaben waren es gewesen, die sich um ein Bekenntnis geschart und um seine Veröffentlichung auf dem Hemd gekümmert hatten, Knaben bestimmen auch die Streetwear. Für Mädchen blieb das Shirt intellektuell nichtssagend. Text erscheint auf Frauenkleidern erst, seitdem auf Stoff alles sagbar ist, von der angeblichen Universitäts- oder Schulzugehörigkeit bis zum Witz, erst also, seitdem Buchstaben dieselbe Qualität wie Blumen haben. Da ihnen das Bekenntnis auf dem T-Shirt von Anbeginn an versagt war, machten Frauen das Shirt selbst zum Fähnchen der Provokation. Vivienne Westwood hat in der weiblichen Mode das Unterste zuoberst gekehrt. Sie ließ, was schließlich durch Madonna berühmt wurde, den Büstenhalter überm Unterhemd tragen. In den siebziger Jahren waren zudem Unterrockkleider provokativ. Das T-Shirt aber, hervorgegangen aus dem wutstrotzenden Männerhemd, übernimmt seither den Platz des Dekolletees, ist aber keuscher als dieses, praktischer, weil ohne jegliche Unterwäsche zu tragen und schnell zu wechseln. So ist der Wildfang junger Wegelagerer zur Emanze geworden und die Emanze eine anstellige Kollegin.

Die gegenwärtigen Trends der Mode sind alle aus Bewegungsspielen entstanden. Snow- und Skateboarden, Motorradfahren, Raven, Rocken, Breakdance, Kung-Fu brauchen, wie Sport immer, einen eigenen Dress, und für jedes dieser Spiele hat sich eine Szenekultur mit einer eigenen Mode entwickelt. Je riskanter das Spiel, desto einleuchtender die praktische Absicht der Kleidung, die dann die Gruppe, sozusagen in einem zweiten Schritt, durch ein ausgeklügeltes Design zur Insidermode umgestaltet. Snowboarder etwa brauchen warme und wetterfeste Stoffe, Fleece, Goretex, Comforttex. Ihre Jacken sind, wie die der Rocker auch, oversized und wattiert, die Knie durch Schaumstoffpolster, der Kopf durch Headsocks geschützt, die Fesseln stabilisieren gepolsterte Hardboots.

Sportswear ist das neueste Angebot der jugendbewegten Modeschöpfung, doch bringt sie Frauen in dieselbe Schwierigkeit wie die Protestmode der Punks und Rocker. Je kühner die Spiele, desto geringer die Erfahrung der Frauen damit. Sie blasen das Saxophon nicht wie ein Mann und schlagen keinen Doppelsalto mit dem Skateboard. Männer haben Sport und Mode, Frauen nur Sportmode.

Die kühne Sportswear der Jungen wird zur grauen Streetwear der Alten

Die Ausstattung der jugendlichen Sportakrobaten, der Skifahrer, Radkünstler, Snow- und Skateboarder wurde aber inzwischen zu einer von der gesamten Bevölkerung akzeptierten Kleidung, die nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Fest und Plackerei unterscheidet. Die Erinnyen, die alle Mode verfolgen, reißen den Knaben die Kleider vom Leib und vermachen sie den Vätern. Die Rettungsringe ihrer kühnen Kinder, die gepolsterten Jacken, schützenden Mützen, wärmenden Wristrings, nehmen sie als Polster, in die sie ihre Bequemlichkeit betten. Sobald die Sonne sinkt und ein herbstlicher Luftzug aufkommt, hüllt sich die Welt in Schaumgummi und Daunen, die Stadt versinkt unter Steppdecken. Die Rocker, die ihre martialische Kraft in XX-dicke Bomberjacken hüllen, verschaffen dem Bürger das Recht, seine gesamte Breite, sei sie Muskel, sei sie Fett, durch wattiertes, reißfestes Latex zu verdoppeln. Nun sieht, was in den Szenezeitschriften, in Deutsch, Zoo, Hegmag, Juice, Backspin, muntere Knaben tragen, als Streetwear grau und formlos aus. Ein junges Gesicht interpretiert die Aufschneiderei aus Stoff und Watte eben doch anders als eine gerunzelte Stirn.

Auch das Geschlecht, das die Jugendkultur noch immer deutlich genug markiert, versinkt in den plumpen Adaptionen der Sportkleidung. Selbst ältere Frauen stecken sich in dieselben figurvernichtenden Polster wie Männer. Die Streetwear täuscht deshalb den Eindruck eines »Endes der Mode« vor, einen Zustand, in dem alle, ob Jung oder Alt, ob Knabe oder Mädchen, Mann oder Frau, auf Bequemlichkeit statt auf Aufmerksamkeit, auf den müden Geist statt auf das schaulustige Auge setzen. Als Streetwear ist die Sportswear uralt geworden: XX-young meets XX-old.

 
Leser-Kommentare
  1. Zwei Sätze des Textes kommen der Wahrheit vermutlich sehr nahe. Der erste lautet: „Mädchen macht Mode Spaߓ, der zweite: „Sie kämpften gleichzeitig an zwei Fronten, sowohl gegen die Autorität als auch gegen den Verführer“. Der erste Satz verweist auf die Gegenwart, der zweite auf die Historie.

    Stimmt schon: Mode macht Mädchen Spaß – und zwar fast ausschließlich. Jungen hingegen nehmen sie ernst. So, wie sie viele Dinge ernst nehmen. Die Männerwelt, um einmal beim Klischee zu bleiben, besteht fast ausschließlich aus Ernsthaftigkeiten. Gerade der Sport in allen seinen Varianten (vom Big Buisseness bis zum Skateboardfahren) wird in der Männerwelt zur Frage von Sein oder Nichtsein. Beinahe alles wird Männern zum Selbstzweck. Es wäre also ein Wunder, würden Jungen und Männer ausgerechnet mit der Mode lediglich spielen wollen.

    Seit Frauen zumindest auf dem Papier gleiche Rechte haben, seit sie gut ausgebildet und auf dem Arbeitsmarkt bedingt konkurrenzfähig sind, ist der einzige ernsthafte „Sinn“ der frühen Damenmode, die Attraktivitätssteigerung, abhanden gekommen. Frauen sind nicht länger darauf angewiesen, einen Ernährer zu suchen. Sie können es allerdings, wenn sie denn wollen, noch immer mit einiger Aussicht auf Erfolg tun. Sie sind gleichzeitig frei und unfrei, mit ihrer Bekleidung zu spielen. Sie schauen sich um, probieren aus, ahmen nach, verändern und eignen sich auf diese Art Dinge an, ohne gleichzeitig deren ursprüngliche Bedeutung zu übernehmen. Ist das keine Kreativität? Die mit dem Beitrag von Hannelore Schlaffer implizierte Unfähigkeit der Frauen zum eigenständigen Schöpfertum lässt sich jedenfalls so nicht belegen. Es sei denn, man würde Kreativität männlich-ernst nehmen und ausschließlich nach Macho-Vorgaben übersetzen.

    Dass Frauen seit „eh und je“ „das Nachsehen“ hätten, kann man übrigens nicht behaupten. Es hat Jahrtausende gedauert, bevor sich Frauen an männlicher Kleidung orientiert haben. Sie haben erst in dem Moment damit begonnen, in dem sie die „Jungenspiele“ für sich entdeckt haben. Für die Männer steht diese „Revolution“ bislang aus. Männer orientieren sich noch heute ausschließlich an Männern. Der Faltenrock für den Herren hat sich – von Schottland abgesehen, bislang nicht wirklich durchgesetzt. Jungen sind sich nach wie vor zu schade für Mädchenspiele. Sie haben Angst, in einem einzigen Augenblick mangelnder Konzentration bei den (tod-)ernsten Männerspielen zu versagen – ein Drama, wenn man seinen Lebenssinn darin sieht, zu gewinnen.

    Seit die erste Frau in Hosen in die Öffentlichkeit gegangen ist, sind kaum 100 Jahre vergangen. Wenn die gegenwärtigen Modetrends also aus den Bewegungsspielen der Jungen entstehen, dann zeigt das lediglich eines: Die Mädchen stecken noch immer in einer Orientierungsphase. Und dabei kämpfen sie tatsächlich an zwei Fronten gleichzeitig: gegen die Angst vor dem Diktat der Tradition und gegen die Verlockungen der Sicherheit, die das Altbekannte verspricht. Sie stellen sich Fragen wie: „Will ich gleich sein oder doch ganz anders? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Wo will ich mich abgrenzen und was brauche ich dafür? Was macht meine „neue“ Freiheit aus und wozu will ich sie nutzen?“

    Weil sie nun einmal Frauen sind, weil sie als Geschlecht eine Geschichte hinter sich haben, stellen sich Frauen all diese Fragen anders, als Männer es tun würden. Weniger absolut, weniger rational, ein wenig spielerischer, etwas vorsichtiger auch. Es wird dauern, bis sie die Antworten auf ihre Fragen gefunden haben. Sie müssen schließlich nicht nur ihre Mode, sondern sich selbst neu erfinden – und zwar in einer Zeit, die nicht eben besonders innovationsfreundlich ist. Bei allem Respekt vor den männlichen Modemachern der letzten hundert Jahre: DAS sollen die Jungen ihnen erst einmal nachmachen!

    Ganz am Rande: Dass die Skinheads die Erfinder der Markenkult in der Jugendmode sein sollen, ist dann wohl doch ein wenig zu viel der Ehre.

    • RobR
    • 25.04.2006 um 11:49 Uhr

    Und dwiedr einmal sind die Mädchen benachteiligt!
    Zwar schreiben sie schon in der Grundschule die besseren Noten, wechseln in Scharen aufs Gymnasium während Jungs viel öfter in der Hauptschule nachsitzen dürfen.
    Später dürfen sie dann zum "Girls Day", für Jungs gibt es so etwas nicht. Die müssen dann allerdings zur Bundeswehr, die Mädchen dürfen, müssen tun sie nicht.
    Aber die haben dann die Wahl: Kinder oder Karriere, wenn es geht sogar beides. Männer dürfen das nicht, die müssen Karriere machen und Geld heranschaffen. Sonst sucht die Frau sich einen Neuen. Alimente zahlen darf er dann allerdings während sie sich selbst verwirklicht.
    Später darf der Mann dann sogar um Jahre früher ins Grab steigen, denn die Lebenserwartung der Frauen ist bekanntlich um einiges höher.
    Aber Hannelore Schlaffer hat wieder etwas gefunden: die Klamotten. Und die Mädchen haben wieder einmal das nachsehen. Wie schön musss es sein in so einer Opferrolle zu schlüpfen!
    Immer diese arme Mädchen!
    Übrigens: Jungs dürfen keine Röcke tragen, es sei denn sie wollen sich lächerlich machen, Mädchen haben die Wahl.
    Fragt sich welches Geschlecht nun wirklich benachteiligt ist...

    • Akaer
    • 30.04.2006 um 15:13 Uhr
    3. \N

    Was ist das eigentlich, dass so viele Männer und Jungen (Knaben ist übrigens, soweit ich weiß, der übliche Ausdruck für "Jungen" in Süddeutschland, und dort auch mitnichten veraltet) dazu treibt, sobald irgendwo scheinbar oder wirlich etwas gegen das eigene Geschlecht gesagt wird, sofort aufs aggressivste und vor allem vulgärste loszuschreien - denn als nichts anderes kann ich Ausdrücke wie "frustrierte Emanze" verstehen. Was - soll - das. Verstehen Sie das als kritischen Kommentar? Als angemessenes Niveau? Das von erwachsenen Menschen, ZEIT-Lesern, Gegenwartsbewohnern. "Frustrierte Emanze" - ehrlich, wie kann man sowas noch schreiben, und vor allem meinen. Wenn Sie ein Problem mit dem Artikel haben, ihn sexistisch finden, dann liegt es hoffentlich in ihrem Vermögen, ihn zu kritiseren ohne persönlich und ausfallend zu werden - mit solchen Schlägen unter die Gürtellinie disqualifizieren Sie sich jedenfalls nur selbst als beachtenswerter und respektwürdiger Kommentator.
    Im übrigen, Jungen sind nach wie vor meist Wort- und Meinungsführer in jugendlichen Guppen - zumindest soweit ich als langjährige Jugendgruppenbetreuerin beurteilen kann, und nicht allein durch mein unglaublich hohes Alter (25) und meine allgemeine Voreingenommenheit als potentiell (gestatten Sie mir das) frustrierte Emanze vollkommen ungeeignet bin, mir darüber eine Meinung zu bilden.
    Tach die Herren

  2. entweder kommt die autorin aus buxtehude oder sie ist schlicht und einfach eine verbitterte emanze. theoretisch hört sich die argumentation von ihnen ja logisch an, praktisch hat sie aber nicht mit der realität zu tun. sehen sie sich doch mal auf der straße um! der junge ist längst nicht mehr das führende geschlecht unter jugendlichen! frauen sind viel selbstständiger als sie es vielleicht glauben wollen, bzw. ihr freiefrauenfürfrauenrechte e.V. es sehen will. ihre scheinbeobachtugnen sind völlig weltfremd.
    vermutlich reden sie in diesem artikel über eine generation, von der sie keine ahnung haben. spätestens wenn sie jungs "knaben" nennen wird klar, dass sie von dem teil der gesselschaftskultur isoliert sind, über den sie schreiben - dass sie aus einer anderen generation stammen. sie sind nicht teilnehmer sonder beobachter, und dazu noch ein schlechter, was ihre emanzenmeinung unglaublich willkürlich macht.
    ein blinder der über farbe redet.

    mfg oliver (18)

  3. Als Theorie-Gedankenspiel bin ich dem Text gern gefolgt, allerdings zunehmend kopfschüttelnd. Nicht ohne Grund stammen die aktuellesten Beispiele wohl aus den 1970er Jahren. Wie kommt Frau Professor Schlaffer denn auf so etwas:

    "Je kühner die Spiele, desto geringer die Erfahrung der Frauen damit. Sie blasen das Saxophon nicht wie ein Mann und schlagen keinen Doppelsalto mit dem Skateboard. Männer haben Sport und Mode, Frauen nur Sportmode."

    Das gilt längst nicht mehr. Abgesehen davon, daß ich gerne wüßte, wie genau man "das Saxophon wie ein Mann bläst", stimmt es nicht, daß sich nur die "Knaben" (huch) den "wilden" Sportarten widmen. Nebenbei: Viele Typen tragen ihre "Sportmode", ohne jemals in den Verdacht zu geraten, sich wirklich sportlich zu betätigen. Schlaue junge Frauen registrieren das amüsiert und halten sie nicht allein deswegen kuhäugig für Helden.

    Das spielerische Element, das das Tragen von Shirts mit falschen College-Slogans etc. hat, wird von der Autorin komplett ignoriert. Viele junge Frauen meiner (bzw.inzwischen selbstverständlich auch der nachfolgenden)Generation hat Spaß an Mode und wenig Interesse, durch Kleidung ein wandelndes Statement zur Veränderung der Gesellschaft zu sein. Wir leisten uns Zitate, tragen Cargopants ebensogern wie das kleine Schwarze oder das große Geblümte.

    Bleibt die praktische Frage, was Frau Professor Schlaffer als die geeignete, auf Geschlechtermißstände hinweisende und zugleich im Alltag gut tragbare Mode für Frauen vorschlagen würde.

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