Mode Zaghafte AmazonenSeite 3/3

Die gegenwärtigen Trends der Mode sind alle aus Bewegungsspielen entstanden. Snow- und Skateboarden, Motorradfahren, Raven, Rocken, Breakdance, Kung-Fu brauchen, wie Sport immer, einen eigenen Dress, und für jedes dieser Spiele hat sich eine Szenekultur mit einer eigenen Mode entwickelt. Je riskanter das Spiel, desto einleuchtender die praktische Absicht der Kleidung, die dann die Gruppe, sozusagen in einem zweiten Schritt, durch ein ausgeklügeltes Design zur Insidermode umgestaltet. Snowboarder etwa brauchen warme und wetterfeste Stoffe, Fleece, Goretex, Comforttex. Ihre Jacken sind, wie die der Rocker auch, oversized und wattiert, die Knie durch Schaumstoffpolster, der Kopf durch Headsocks geschützt, die Fesseln stabilisieren gepolsterte Hardboots.

Sportswear ist das neueste Angebot der jugendbewegten Modeschöpfung, doch bringt sie Frauen in dieselbe Schwierigkeit wie die Protestmode der Punks und Rocker. Je kühner die Spiele, desto geringer die Erfahrung der Frauen damit. Sie blasen das Saxophon nicht wie ein Mann und schlagen keinen Doppelsalto mit dem Skateboard. Männer haben Sport und Mode, Frauen nur Sportmode.

Anzeige

Die kühne Sportswear der Jungen wird zur grauen Streetwear der Alten

Die Ausstattung der jugendlichen Sportakrobaten, der Skifahrer, Radkünstler, Snow- und Skateboarder wurde aber inzwischen zu einer von der gesamten Bevölkerung akzeptierten Kleidung, die nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Fest und Plackerei unterscheidet. Die Erinnyen, die alle Mode verfolgen, reißen den Knaben die Kleider vom Leib und vermachen sie den Vätern. Die Rettungsringe ihrer kühnen Kinder, die gepolsterten Jacken, schützenden Mützen, wärmenden Wristrings, nehmen sie als Polster, in die sie ihre Bequemlichkeit betten. Sobald die Sonne sinkt und ein herbstlicher Luftzug aufkommt, hüllt sich die Welt in Schaumgummi und Daunen, die Stadt versinkt unter Steppdecken. Die Rocker, die ihre martialische Kraft in XX-dicke Bomberjacken hüllen, verschaffen dem Bürger das Recht, seine gesamte Breite, sei sie Muskel, sei sie Fett, durch wattiertes, reißfestes Latex zu verdoppeln. Nun sieht, was in den Szenezeitschriften, in Deutsch, Zoo, Hegmag, Juice, Backspin, muntere Knaben tragen, als Streetwear grau und formlos aus. Ein junges Gesicht interpretiert die Aufschneiderei aus Stoff und Watte eben doch anders als eine gerunzelte Stirn.

Auch das Geschlecht, das die Jugendkultur noch immer deutlich genug markiert, versinkt in den plumpen Adaptionen der Sportkleidung. Selbst ältere Frauen stecken sich in dieselben figurvernichtenden Polster wie Männer. Die Streetwear täuscht deshalb den Eindruck eines »Endes der Mode« vor, einen Zustand, in dem alle, ob Jung oder Alt, ob Knabe oder Mädchen, Mann oder Frau, auf Bequemlichkeit statt auf Aufmerksamkeit, auf den müden Geist statt auf das schaulustige Auge setzen. Als Streetwear ist die Sportswear uralt geworden: XX-young meets XX-old.

 
Leser-Kommentare
  1. Zwei Sätze des Textes kommen der Wahrheit vermutlich sehr nahe. Der erste lautet: „Mädchen macht Mode Spaߓ, der zweite: „Sie kämpften gleichzeitig an zwei Fronten, sowohl gegen die Autorität als auch gegen den Verführer“. Der erste Satz verweist auf die Gegenwart, der zweite auf die Historie.

    Stimmt schon: Mode macht Mädchen Spaß – und zwar fast ausschließlich. Jungen hingegen nehmen sie ernst. So, wie sie viele Dinge ernst nehmen. Die Männerwelt, um einmal beim Klischee zu bleiben, besteht fast ausschließlich aus Ernsthaftigkeiten. Gerade der Sport in allen seinen Varianten (vom Big Buisseness bis zum Skateboardfahren) wird in der Männerwelt zur Frage von Sein oder Nichtsein. Beinahe alles wird Männern zum Selbstzweck. Es wäre also ein Wunder, würden Jungen und Männer ausgerechnet mit der Mode lediglich spielen wollen.

    Seit Frauen zumindest auf dem Papier gleiche Rechte haben, seit sie gut ausgebildet und auf dem Arbeitsmarkt bedingt konkurrenzfähig sind, ist der einzige ernsthafte „Sinn“ der frühen Damenmode, die Attraktivitätssteigerung, abhanden gekommen. Frauen sind nicht länger darauf angewiesen, einen Ernährer zu suchen. Sie können es allerdings, wenn sie denn wollen, noch immer mit einiger Aussicht auf Erfolg tun. Sie sind gleichzeitig frei und unfrei, mit ihrer Bekleidung zu spielen. Sie schauen sich um, probieren aus, ahmen nach, verändern und eignen sich auf diese Art Dinge an, ohne gleichzeitig deren ursprüngliche Bedeutung zu übernehmen. Ist das keine Kreativität? Die mit dem Beitrag von Hannelore Schlaffer implizierte Unfähigkeit der Frauen zum eigenständigen Schöpfertum lässt sich jedenfalls so nicht belegen. Es sei denn, man würde Kreativität männlich-ernst nehmen und ausschließlich nach Macho-Vorgaben übersetzen.

    Dass Frauen seit „eh und je“ „das Nachsehen“ hätten, kann man übrigens nicht behaupten. Es hat Jahrtausende gedauert, bevor sich Frauen an männlicher Kleidung orientiert haben. Sie haben erst in dem Moment damit begonnen, in dem sie die „Jungenspiele“ für sich entdeckt haben. Für die Männer steht diese „Revolution“ bislang aus. Männer orientieren sich noch heute ausschließlich an Männern. Der Faltenrock für den Herren hat sich – von Schottland abgesehen, bislang nicht wirklich durchgesetzt. Jungen sind sich nach wie vor zu schade für Mädchenspiele. Sie haben Angst, in einem einzigen Augenblick mangelnder Konzentration bei den (tod-)ernsten Männerspielen zu versagen – ein Drama, wenn man seinen Lebenssinn darin sieht, zu gewinnen.

    Seit die erste Frau in Hosen in die Öffentlichkeit gegangen ist, sind kaum 100 Jahre vergangen. Wenn die gegenwärtigen Modetrends also aus den Bewegungsspielen der Jungen entstehen, dann zeigt das lediglich eines: Die Mädchen stecken noch immer in einer Orientierungsphase. Und dabei kämpfen sie tatsächlich an zwei Fronten gleichzeitig: gegen die Angst vor dem Diktat der Tradition und gegen die Verlockungen der Sicherheit, die das Altbekannte verspricht. Sie stellen sich Fragen wie: „Will ich gleich sein oder doch ganz anders? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? Wo will ich mich abgrenzen und was brauche ich dafür? Was macht meine „neue“ Freiheit aus und wozu will ich sie nutzen?“

    Weil sie nun einmal Frauen sind, weil sie als Geschlecht eine Geschichte hinter sich haben, stellen sich Frauen all diese Fragen anders, als Männer es tun würden. Weniger absolut, weniger rational, ein wenig spielerischer, etwas vorsichtiger auch. Es wird dauern, bis sie die Antworten auf ihre Fragen gefunden haben. Sie müssen schließlich nicht nur ihre Mode, sondern sich selbst neu erfinden – und zwar in einer Zeit, die nicht eben besonders innovationsfreundlich ist. Bei allem Respekt vor den männlichen Modemachern der letzten hundert Jahre: DAS sollen die Jungen ihnen erst einmal nachmachen!

    Ganz am Rande: Dass die Skinheads die Erfinder der Markenkult in der Jugendmode sein sollen, ist dann wohl doch ein wenig zu viel der Ehre.

    • RobR
    • 25.04.2006 um 11:49 Uhr

    Und dwiedr einmal sind die Mädchen benachteiligt!
    Zwar schreiben sie schon in der Grundschule die besseren Noten, wechseln in Scharen aufs Gymnasium während Jungs viel öfter in der Hauptschule nachsitzen dürfen.
    Später dürfen sie dann zum "Girls Day", für Jungs gibt es so etwas nicht. Die müssen dann allerdings zur Bundeswehr, die Mädchen dürfen, müssen tun sie nicht.
    Aber die haben dann die Wahl: Kinder oder Karriere, wenn es geht sogar beides. Männer dürfen das nicht, die müssen Karriere machen und Geld heranschaffen. Sonst sucht die Frau sich einen Neuen. Alimente zahlen darf er dann allerdings während sie sich selbst verwirklicht.
    Später darf der Mann dann sogar um Jahre früher ins Grab steigen, denn die Lebenserwartung der Frauen ist bekanntlich um einiges höher.
    Aber Hannelore Schlaffer hat wieder etwas gefunden: die Klamotten. Und die Mädchen haben wieder einmal das nachsehen. Wie schön musss es sein in so einer Opferrolle zu schlüpfen!
    Immer diese arme Mädchen!
    Übrigens: Jungs dürfen keine Röcke tragen, es sei denn sie wollen sich lächerlich machen, Mädchen haben die Wahl.
    Fragt sich welches Geschlecht nun wirklich benachteiligt ist...

    • Akaer
    • 30.04.2006 um 15:13 Uhr
    3. \N

    Was ist das eigentlich, dass so viele Männer und Jungen (Knaben ist übrigens, soweit ich weiß, der übliche Ausdruck für "Jungen" in Süddeutschland, und dort auch mitnichten veraltet) dazu treibt, sobald irgendwo scheinbar oder wirlich etwas gegen das eigene Geschlecht gesagt wird, sofort aufs aggressivste und vor allem vulgärste loszuschreien - denn als nichts anderes kann ich Ausdrücke wie "frustrierte Emanze" verstehen. Was - soll - das. Verstehen Sie das als kritischen Kommentar? Als angemessenes Niveau? Das von erwachsenen Menschen, ZEIT-Lesern, Gegenwartsbewohnern. "Frustrierte Emanze" - ehrlich, wie kann man sowas noch schreiben, und vor allem meinen. Wenn Sie ein Problem mit dem Artikel haben, ihn sexistisch finden, dann liegt es hoffentlich in ihrem Vermögen, ihn zu kritiseren ohne persönlich und ausfallend zu werden - mit solchen Schlägen unter die Gürtellinie disqualifizieren Sie sich jedenfalls nur selbst als beachtenswerter und respektwürdiger Kommentator.
    Im übrigen, Jungen sind nach wie vor meist Wort- und Meinungsführer in jugendlichen Guppen - zumindest soweit ich als langjährige Jugendgruppenbetreuerin beurteilen kann, und nicht allein durch mein unglaublich hohes Alter (25) und meine allgemeine Voreingenommenheit als potentiell (gestatten Sie mir das) frustrierte Emanze vollkommen ungeeignet bin, mir darüber eine Meinung zu bilden.
    Tach die Herren

  2. entweder kommt die autorin aus buxtehude oder sie ist schlicht und einfach eine verbitterte emanze. theoretisch hört sich die argumentation von ihnen ja logisch an, praktisch hat sie aber nicht mit der realität zu tun. sehen sie sich doch mal auf der straße um! der junge ist längst nicht mehr das führende geschlecht unter jugendlichen! frauen sind viel selbstständiger als sie es vielleicht glauben wollen, bzw. ihr freiefrauenfürfrauenrechte e.V. es sehen will. ihre scheinbeobachtugnen sind völlig weltfremd.
    vermutlich reden sie in diesem artikel über eine generation, von der sie keine ahnung haben. spätestens wenn sie jungs "knaben" nennen wird klar, dass sie von dem teil der gesselschaftskultur isoliert sind, über den sie schreiben - dass sie aus einer anderen generation stammen. sie sind nicht teilnehmer sonder beobachter, und dazu noch ein schlechter, was ihre emanzenmeinung unglaublich willkürlich macht.
    ein blinder der über farbe redet.

    mfg oliver (18)

  3. Als Theorie-Gedankenspiel bin ich dem Text gern gefolgt, allerdings zunehmend kopfschüttelnd. Nicht ohne Grund stammen die aktuellesten Beispiele wohl aus den 1970er Jahren. Wie kommt Frau Professor Schlaffer denn auf so etwas:

    "Je kühner die Spiele, desto geringer die Erfahrung der Frauen damit. Sie blasen das Saxophon nicht wie ein Mann und schlagen keinen Doppelsalto mit dem Skateboard. Männer haben Sport und Mode, Frauen nur Sportmode."

    Das gilt längst nicht mehr. Abgesehen davon, daß ich gerne wüßte, wie genau man "das Saxophon wie ein Mann bläst", stimmt es nicht, daß sich nur die "Knaben" (huch) den "wilden" Sportarten widmen. Nebenbei: Viele Typen tragen ihre "Sportmode", ohne jemals in den Verdacht zu geraten, sich wirklich sportlich zu betätigen. Schlaue junge Frauen registrieren das amüsiert und halten sie nicht allein deswegen kuhäugig für Helden.

    Das spielerische Element, das das Tragen von Shirts mit falschen College-Slogans etc. hat, wird von der Autorin komplett ignoriert. Viele junge Frauen meiner (bzw.inzwischen selbstverständlich auch der nachfolgenden)Generation hat Spaß an Mode und wenig Interesse, durch Kleidung ein wandelndes Statement zur Veränderung der Gesellschaft zu sein. Wir leisten uns Zitate, tragen Cargopants ebensogern wie das kleine Schwarze oder das große Geblümte.

    Bleibt die praktische Frage, was Frau Professor Schlaffer als die geeignete, auf Geschlechtermißstände hinweisende und zugleich im Alltag gut tragbare Mode für Frauen vorschlagen würde.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service