Sie ist 186 Zentimeter lang und 83 Zentimeter breit. Die Liegefläche misst 46 mal 75 Zentimeter. Der weiße Leinenbezug ist bereits etwas schäbig. Sonderlich ansehnlich war er wohl nie. Seitdem die Couch in Gebrauch ist, war sie jedoch, soweit man weiß, von einem wertvollen Teppich in Rottönen bedeckt – geknüpft von einer nomadisierenden Volksgruppe im Südiran, den Ghaschghai. Auf dem Perser liegen noch immer die Samtkissen, einige davon mit Stickerei verziert. "Es ist eben ein ausgesprochen durchschnittliches Möbelstück", meint Michael Molnar. Uninteressant für eine nähere kunsthistorische Betrachtung, stummer Zeuge des überladenen Einrichtungsstils eines bürgerlichen Haushalts im Wien der Jahrhundertwende. Michael Molnar ist Forschungsdirektor des Londoner Freud-Museums – und er wundert sich, wie dürr die Angaben sind, die sich über das kostbarste Objekt seines Hauses in seiner Datenbank finden lassen. Nicht einmal das Gewicht des Möbels oder die verwendeten Holzarten wurden – wie sonst in Museen üblich – bestimmt. Nicht einmal die Werkstatt, aus der es stammt, ist bekannt.

Dennoch ist es eine Ikone. Die meisten Besucher, die die Pilgerstätte der Psychoanalyse in London aufsuchen, wollen nur einige Augenblicke lang andächtig vor der Couch im Gartenzimmer des Gebäudes 20 Maresfield Gardens verharren. Manche schaffen es sogar, sich auf einem Erinnerungsfoto mit dieser säkularen Reliquie zu verewigen – in liegender Position. Immerhin handelt es sich um das berühmteste Möbelstück der modernen Geistesgeschichte. Sein Wert ist unschätzbar.

Als Freuds Couch Mitte September 1938 gemeinsam mit dem übrigen Übersiedlungsgut der vertriebenen Familie in 20 Maresfield Gardens eintraf, verfügte sie bereits über eine nahezu mythische Bedeutung. Sie galt als das unangefochtene Zentrum der psychoanalytischen Bewegung. Auf ihr hatte Sigmund Freud fast ein halbes Jahrhundert lang seine Behandlungsmethode entwickelt. Sie war das einzige therapeutische Werkzeug, dessen sich der Seelenarzt jemals bediente. Nun wurde sie zum Synonym der Wissenschaft und zu deren Symbol. Ohne Couch auch keine Psychoanalyse. Vor allem ihre Verwendung unterscheidet nach Ansicht vieler Freudianer die orthodoxe Analyse von den übrigen psychotherapeutischen Schulen.

Selbst die zahlreichen Witze, in denen die analytische Praxis verspottet wird, kommen in der Regel nicht ohne die berühmte Liegestatt aus. Mal liegt der bärtige Gründervater selbst auf ihr, mal ein Tonband oder eine unbekleidete Dame oder einfach nur ein dicker Bleistift – da kennt, ganz im Sinne der Freudschen Erkenntnis, die Fantasie keine Grenzen. "Ich liege nicht gerne auf der Couch, man kommt sich angesichts dieser Karikaturen wie ein Idiot vor", beichtete einmal ein Patient dem amerikanischen Analytiker Harold Stern, der das Standardwerk über die Werkbank der Seelenforschung verfasst hat (Die Couch – ihre Bedeutung für die Psychotherapie).

"Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich angestarrt zu werden"

Die überragende Bedeutung verdankt der schlichte Diwan dem Vater der Psychoanalyse selbst. Nach seiner Rückkehr von seinem Studienaufenthalt in Paris eröffnete der 31-jährige Nervenarzt in Wien eine Privatpraxis, in der er die Patienten nach dem Vorbild seines französischen Lehrmeisters Jean Martin Charcot in liegender Position hypnotisierte. "Als er diese Technik aufgab, behielt er die Verwendung der Couch bei und machte das Liegen zu seinem Markenzeichen", erzählt Stern in seiner Couch-Bibel. "Das war nicht seine Absicht, ihr Gebrauch war vielmehr zurückzuführen auf die Neigung seiner Schüler, ihm nachzueifern."