Österreich Freuds CouchSeite 3/3
Viel mehr ist in den Schriften Freuds und der Fachliteratur nicht über die Frau bekannt, die den Begründer der Psychoanalyse und seine Couch zusammenbrachte und der die Welt ein mittlerweile globales Symbol verdankt. Ihre Identität verliert sich im schwarzen Loch der Zeitgeschichte.
In den Jahrzehnten nach dem Tod von Sigmund Freud verzichtete die psychoanalytische Diaspora lange Zeit darauf, über die Ausgangssituation der Analyse zu debattieren. Der Analytiker W. C. Mangabeira sprach sogar von einem »Black-Box-Effekt«. Erst eine neue Generation von Freud-Nachfolgern widmet sich erneut den unterschiedlichen Aspekten der Couch-Therapie. In einer umfangreichen Studie (Die Couch in der Psychoanalyse) meint etwa die Psychologin Claudia Guderian, möglicherweise habe Freud auch der katholische Beichtstuhl als »unbewusstes Modell« für sein Setting gedient: »Rechtwinkelig sitzt der Beichtvater zum Beichtkind; der Blickkontakt ist durch das Gitter nicht möglich.«
Ein anderer Analytiker, der Kalifornier James Grotstein, behauptet, Freud habe, indem er sich dazu entschied, nur liegende Patienten zu analysieren, eine Entdeckung vorweggenommen, die erst heute mit EEG-Messungen hirnphysiologisch nachgewiesen werden kann: die unterschiedliche Funktion der Hirnhälften. Auf der Analytikercouch werde jene Hälfte aktiviert, die mehr für Emotionen, Fantasien und Illusionen und weniger für Logik und Kontinuität zuständig ist als die andere. Dadurch werde eine weniger kontrollierte, frei fließende Art zu denken begünstigt.
Dem berühmten Symbol widmet daher konsequenterweise auch das Wiener Freud-Museum seine Ausstellung anlässlich des 150.Geburtstages des Seelenpioniers (Vom Denken im Liegen; 5. Mai bis 5. November). Das Originalobjekt aus London wird allerdings auch aus diesem Anlass nicht in die historischen Räume in der Berggasse zurückkehren. Seit 1938 hat es nur ein einziges Mal das Gartenzimmer von Maresfield Gardens für einige Wochen verlassen – für einen kurzen Ausstellungsbesuch im nahe gelegenen Gebäude der Tate Modern. »Wir verleihen die Couch prinzipiell nicht«, erklärt Michael Molnar. »Wir wollen unsere Besucher nicht enttäuschen, die vor allem kommen, um die Couch zu sehen.« Sie hat im Exil ihre Heimat gefunden.
- Datum 27.04.2006 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18
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