Hamburg

Was wäre wohl geschehen, wenn damals die Leiter nicht umgefallen wäre? Wenn sie allein wieder vom Kirschbaum heruntergekommen wäre, wenn nicht die Nachbarin der schreienden 97-Jährigen zu Hilfe hätte eilen müssen? Und wenn diese daraufhin nicht ins Heim eingewiesen worden wäre? Gut möglich, dass Theresa Hansen* dann zu Hause gestorben wäre, an die hundert Jahre wäre sie wohl alt geworden, und bei der Beerdigung hätte es geheißen, dass sie bis zuletzt eine rüstige Frau gewesen sei, wenn auch am Schluss etwas schrullig. Diese Frau hält das Land zusammen: Elvira Pittelkau BILD

Nun liegt Theresa Hansen in einem der zwei Betten von Zimmer 404 im Haus Begonie, einem fünfstöckigen, schlichten Bau, der zum riesigen Gebäudekomplex des Hamburger Hospitals zum Heiligen Geist gehört. 103 Jahre ist sie inzwischen alt und immer noch kerngesund, wenn man von ihrem Gehirn absieht, dessen Verfall sie, so weit sich das von außen beurteilen lässt, auf das geistige Niveau eines Säuglings zurückgeworfen hat.

Manchmal schreit Frau Hansen tagelang, niemand weiß, warum, aber das Schreien verlängert ihr Leben, denn es hält die Atemwege intakt und die Lungenentzündung fern. Nichts spricht dagegen, dass sie auch ihren 104. und 105. Geburtstag in ihrem Bett in Zimmer 404 verbringen wird.

Hier aber soll es nicht um Theresa Hansen gehen, sondern um die Frau, die ihren mageren und verkrümmten Körper wäscht, ihr eine frische Windel umlegt, die ihr das Schmuseschaf in den Arm drückt, die Bettdecke aufschüttelt und bei all dem freundlich auf sie einredet.

Elvira Pittelkau heißt diese Frau. Sie ist 54 Jahre alt, gelernte Krankenschwester, seit fünf Jahren stellvertretende Stationsleiterin im Hospital zum Heiligen Geist. Und sie ist, das sei, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, gleich gesagt, ein glücklicher Mensch. Dafür mag es verschiedene Gründe geben, aber einer davon ist ganz sicher ihre Arbeit.

Frau Krämer scherzt über ihren Kalender mit Männerakten

Wie das geht? Glücklich sein mit einem Beruf, den die meisten zuerst mit Unglück, Einsamkeit und Vernachlässigung verbinden? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Aber unbestreitbar ist sie wichtig. Wer heute, sagen wir, Mitte vierzig ist, hat eine gute Chance, die letzten Jahre seines Lebens so wie Theresa Hansen zu verbringen. Wenn aber unser aller Zukunft so oder ähnlich aussieht wie die Gestalt in Zimmer 404, dann sollte uns im eigenen Interesse am Wohlergehen unserer zukünftigen Pflegerinnen gelegen sein.

Wie also passen Zufriedenheit und Altenpflege zusammen?

Am Geld liegt es nicht. Frau Pittelkau verdient im Monat rund 2200 Euro brutto. Zusammen mit der Rente ihres Mannes, der Kraftfahrer war, reicht das in Hamburg für zweieinhalb Zimmer und kein Auto. Ebenso wenig helfen Stichworte wie Selbstaufopferung und Helfersyndrom in diesem Fall weiter. »Als ob wir es alle mit der Psyche hätten!«, empört sich Elvira Pittelkau. Sie ist eine resolute, sehr klare Frau. Wer länger mit ihr spricht, dem wird jede Sorge um ihre geistige Gesundheit abwegig erscheinen. Allenfalls ein Gewerkschaftsfunktionär könnte das anders sehen. Denn während die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ihren Kampf um achtzehn Minuten Arbeitszeit pro Tag führt, die angeblich den Unterschied zwischen Sozialpartnerschaft und Ausbeutung begründen, wirft Elvira Pittelkaus freiwilliges Arbeitspensum die Frage auf, wozu der Mensch eigentlich Freizeit braucht.

Eine Woche im Leben der Altenpflegerin Elvira Pittelkau, das kann zum Beispiel heißen: Montagabend Osteoporosefortbildung. Dienstagnachmittag ein Treffen zur Konzeption von Fortbildungen des Diakonischen Werks. Mittwoch früh eine Dienstbesprechung über die Einbindung ehrenamtlicher Helfer. Am Nachmittag die Fortbildung in Palliativmedizin, für die sie an den Abenden zuvor einen Leitfaden geschrieben hat. Am Abend das Treffen mit den Ehrenamtlichen, zwischendurch Dienst auf ihrer Station. Die Fortbildung über »basale Stimulation« am Donnerstag findet in der Arbeitszeit statt. Freitag ist frei, das Wochenende nicht.

Vom Arbeitnehmerstandpunkt aus betrachtet, mag es an Klassenverrat grenzen, so zu arbeiten. Für Elvira Pittelkau aber ist ein Wochenendseminar über »Entscheidungskriterien am Lebensende« in der Evangelischen Akademie in Loccum bei Hannover »fast wie Urlaub«, so sagt sie – warum sollte sie darauf verzichten? Und was spricht dagegen, morgens um 5.20 Uhr zur Arbeit zu kommen, obwohl die Frühschicht erst um 5.45 Uhr beginnt? So bleibt ihr mehr Zeit für ein ausführliches Übergabegespräch mit der Nachtwache bei einer Tasse Tee. Ihr gefällt ein solcher Beginn ihres Arbeitstags.

Und ihr Mann? Und die Kinder?

Nun, der Mann kennt es nicht anders, und die Kinder sind inzwischen erwachsen. Als sie klein waren, wurden sie gelegentlich zur Freude der Patienten mit auf die Krankenstation gebracht, vor 30 Jahren war so etwas noch möglich. Später verlegte Schwester Elvira ihre Arbeit in die Nachtschicht, um tags mehr Zeit für ihre Kinder zu haben – und für die Pflege ihrer Mutter, die wiederum erst ihren Vater und dann ihren Mann gepflegt hatte. Vielleicht hat es auch mit diesen Details ihrer Biografie zu tun, dass Elvira Pittelkau ihren eigenen Einsatz für alte Menschen »ziemlich normal« findet.

Wahrscheinlich ist es keine reine Freude, eine solche Frau zur Vorgesetzten zu haben. Gelegentlich scheint im Gespräch ein beträchtliches Maß an Härte gegen sich selbst und andere auf. Krankheit, besonders des Rückens und der Seele, sind in Pflegeberufen weit verbreitet, wie aktuelle Untersuchungen der DAK und der AOK zeigen. Schwester Elvira will davon nichts hören.