Eigentlich wollte ich mir nur die Haare schneiden lassen, als ich mich das erste Mal in Ayfers Hände begab, ich hatte zu der Zeit mittellange Haare und war mir nicht sicher, wie es weitergehen sollte, lange Haare machen mein Gesicht zu schmal, kurze sehen zu jungenhaft aus, kinnlange zu streng, und zum Föhnen habe ich sowieso nie Zeit. So kam ich zu Ayfer, vor vier Jahren war das, in ihr Friseurgeschäft, das damals gerade in der Alten Schönhauser Straße in Berlin-Mitte aufgemacht hatte, zwischen Cappuccino-Bars und Klamottenläden. Es war mir aufgefallen, weil es im Vorbeigehen aussieht wie eine Galerie, das Schaufenster überzogen mit Milchglasfolie, aus der in Klarschrift das Wort Ayfer ausgestanzt ist. Dahinter schimmerte es weiß und kühl, und noch bevor ich sie kennen lernte, bevor sie mir ihre Geschichte erzählte, die von einer erfolgreichen Friseurkarriere handelt und von einer erfolgreichen Integration, stellte ich mir Ayfer als eine dieser jungen Deutschtürken vor. Eine von denen, die nicht nur ökonomisch erfolgreich sind, sondern auch kulturelle Avantgarde. Ayfer über ihre Kunden: »Nur der Kopf ist, was mich interessiert« BILD

Dann stand sie hinter mir, eine Frau Mitte 30, sah mich prüfend im Spiegel an, hob mit den kühlen Fingerkuppen die ein oder andere Strähne aus der Stirn und schlug schließlich etwas »Geometrisches« vor: Die Haare sollten nach vorne fallen, die Stirn auf halber Höhe freigeben, an der Seite halblang bleiben. Das klang gut, und dann hatte ich schon den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen und hörte noch, wie lauwarmes Wasser durch meine Haare strahlte, und so fing es an.

Ayfer begann zu schneiden und zu erzählen, beides kann sie gut, denn sie achtet nicht nur auf die Konturen, sondern auch auf den Aufbau, und sie legt Wert auf Details. »Ich hab ein paarmal schon gehört von Kunden: ›Dein Blick macht mir Angst. Du guckst nicht auf die Person, du siehst nur die Haare.‹ Und das stimmt. Ich blende im ersten Moment die Person aus, der Kopf ist, was mich interessiert, nur der Kopf und die Haare sind für uns Friseure wichtig und natürlich das Gesicht, die Proportionen.«

Da hatte sie mich bereits mit Klammern in einzelne Zonen aufgeteilt und zog zwischen Daumen und Zeigefinger meine Haare lang, bevor sie die Schere parallel zu den Fingern anlegte.

»Manchmal kommen Kunden zu mir, die wollen Schnitte, die absolut nicht zu ihnen passen oder zu ihren Haaren. Die versuche ich dann davon zu überzeugen, dass das nicht so aussehen wird wie in der Modezeitschrift. Es geht auch um uns. Ich sage immer zu meinen Lehrlingen: Unsere Haarschnitte sind unsere Visitenkarte.«

Die ersten Haarspitzen ringelten sich nass am Boden.

»Am schwierigsten ist es, wenn eine Frau mit langen Haaren reinkommt und die ganz abschneiden lassen will. Ich frage dann immer: Wie lange hast du schon darüber nachgedacht? Und wenn ich merke, sie zögert, dann sage ich ihr, sie soll in ein paar Tagen wiederkommen. Überleg’s dir: Willst du dich drauf einlassen? Es ist eine feine Linie. Denn manchmal wollen die Leute auch jemanden, der sie an die Hand nimmt, der ihnen sagt: Wir machen das jetzt, wir säbeln das jetzt ab.«

Und schon war ich mittendrin in der Welt der Friseure, ein Beruf, von dem viele meinen, er sei gar keiner. Sondern eine Bühne für exaltierte Selbstdarsteller oder eine Ausrede für Mädchen mit schlechtem Hauptschulabschluss, die ein paar Jahre überbrücken müssen, bis sie sich in die Arme eines Mannes sinken lassen können, der sie vom stundenlangen Stehen im Salon erlöst. Und wenn die Kinder da sind, kann man zu Hause weiterarbeiten, schwarz. Man nennt sie Friseusen, und eigentlich hätte aus Ayfer auch eine werden sollen. Aber aus irgendeinem Grund nahm sie ihren Beruf ernst und wurde Friseurin. Ayfer Durer ist jetzt 37 Jahre alt, sie schneidet seit 22 Jahren Haare, und sie sagt: »Ich kann noch viel lernen.«

Ayfers Gesicht ist rund, fast wie zusammengepresst, als würde von außen ein Druck auf sie wirken. Sie lächelt selten. Mit 15 hat sie ihre Lehre angefangen, ein paar Monate nachdem sie die Hauptschule mit einem Notendurchschnitt mit »irgendwas zwischen Drei und Vier« abgeschlossen hatte, in der Hochhausstadt München-Hasenbergl. 1983 war das, eine ähnliche Zeit wie heute, Weltuntergangsstimmung, ein amerikanischer Präsident, der vielen etwas verrückt vorkam, die Arbeitslosenkurve auf dem höchsten Punkt seit Jahren. Selbst Friseurlehrstellen waren damals knapp. Und Ayfer, die mit zwölf von ihren Eltern nach München geholt worden war, konnte nach drei Jahren in Deutschland noch immer besser Türkisch als Deutsch. Aber dann kam sie doch unter, bei einer Billigkette in einem Münchner Einkaufszentrum. Sie lernte, wie man Strähnchen macht und wie man Haar so übers Ohr föhnt, dass es aussah wie bei Lady Diana. Sie lernte, wie man dünnes deutsches Altweiberhaar um Lockenwickler legt. Und sie lernte von ihren Kundinnen die deutsche Bedeutung ihres Namens.

Eifer. Das würde so gut zu ihr passen, hieß es oft. Und Ayfer fand, der neue Beruf passe so gut zu ihr. BILD