Nicht dass sie wirklich die Wahl gehabt hätte. Oder du gehst putzen wie ich und deine älteren Schwestern, hatte ihre Mutter gesagt und sie einen Nachmittag lang mitgenommen. Die Entscheidung fiel, als Ayfer sich beim Reinigen eines Münchner Gymnasiumsklos beinahe übergeben musste.

Nach zwei Jahren Lehrzeit, in denen sie alles gelernt hatte, was vor und nach dem Haareschneiden passiert, kam die Frage ihrer Chefin, auf die sie gewartet hatte: »Ayfer, willst du heute schneiden?«

»Ich wusste, wenn sie fragt: Du sagst ja.«

Sie war nervös. Bis dahin hatte sie nur ihrer Familie die Haare geschnitten, ihrem kleinen Bruder, ihren Verwandten in der Türkei. Im Sommer zuvor war sie in die westtürkische Kleinstadt zurückgekommen mit der Ankündigung: »Ich will allen die Haare schneiden, und wenn keiner will, dann schneide ich den Hunden die Haare.« Als sie am Ende des Sommers wegfuhr, winkten ihr 25 frisch geschnittene Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel hinterher. Und alle sahen, auf eigenen Wunsch, ein wenig so aus wie die türkischen Popidole jener Zeit, mit Dauerwellen und Strähnchen, und manche Tanten trugen sogar kurzes Haar.

An diesem Tag hatte sie zum ersten Mal lange blonde Haare vor sich.

»Ich wusste ganz genau, dass es einfach keinen Sinn hat, ich wusste ja nicht, wie ich Stufen erstellen sollte. Ich habe einfach geschnitten, um eine Veränderung hinzuschneiden, es stimmte hinten und vorne nicht. Es war sicherlich der schlimmste Haarschnitt meines Lebens.« Die Erinnerung daran ist mit der Zeit nicht verblasst, im Gegenteil: Je mehr sie seither über das Haareschneiden gelernt hat hat, desto mehr ist ihr klar geworden, wie viel sie damals falsch gemacht hat.

Und was sie richtig gemacht hat.

»Ich bin sehr froh, dass ich damals diese Worte gesagt habe: Ja, ich will. Ja, ich kann.«

So fing es an mit Ayfers Leidenschaft für das Haareschneiden. Das ist jetzt 20 Jahre her. Seither hat sie ungefähr 45000 Köpfen eine neue Frisur verpasst, also einem ganzen Fußballstadion voller Leute.