Eigentlich gibt es keinen bestimmten Grund, über Ayfer zu schreiben, oder besser gesagt: Es gibt viele Gründe. Türkische Frauen werden meistens interviewt, weil sie ein Beispiel für ein bestimmtes Phänomen abgeben sollen, als Unterdrückte oder als Rebellinnen, oder wenn eine von ihnen einen internationalen Filmpreis gewonnen hat; Friseure wiederum kommen fast nur als schwule Promi-Friseure vor. Mit Ayfer sprach ich, weil ich alle paar Wochen einen Termin bei ihr hatte. Und alle paar Wochen einen Termin bei ihr hatte ich, weil sie eine gute Friseurin ist, jedenfalls: eine gute Friseurin für mich. Wie viele Leute habe ich Jahre gebraucht, um die Richtige zu finden. Mehr als einmal musste ich mir ein Lächeln abringen, wenn nach dem Schnitt mein Hinterkopf bespiegelt wurde. Mal sah ich überraschend schlecht aus, dann wieder überraschend gut. Ich vermutete das Problem bei mir selbst, bei meinen Haaren, ohne den Grund benennen zu können. Vielleicht waren sie zu dünn oder zu gerade, vielleicht war irgendwas mit meiner Kopfform. Doch wie den meisten Leuten fehlen mir die richtigen Worte. Wie bringt man seiner Friseurin bei, dass man möchte, dass die Haare in subtilen Stufen nach unten fallen, und warum sieht man danach manchmal aus wie ein Altrocker? Oder liegt das gar nicht am Schnitt, können andere Frauen einfach nur besser föhnen?

Vor Jahren dachte ich einmal, ausgerechnet der billige Friseur im Münchner Hauptbahnhof hätte das richtige Händchen, aber beim nächsten Mal sah es dann wieder scheiße aus. Erst als ich es mir leisten konnte, 100 Mark bei Vidal Sassoon auszugeben, wurde es besser, aber meistens gingen die Friseurinnen, kaum hatten wir uns aneinander gewöhnt. So kam ich schließlich zu Ayfer, bei der von Anfang an alles passte. Nicht dass sie mir besonders spektakuläre Frisuren geschnitten hätte, aber sie entsprachen auf magische Weise meinen Vorstellungen. Vielleicht weil sie zuhören kann, vielleicht weil sie technisch besonders gut ist. Seit vier Jahren komme ich alle paar Monate, sie schneidet und redet, und ich halte den Kopf gerade und höre gerne zu.

Vielleicht, weil sie so gut erzählen kann, beschreibend, mit vielen Beispielen, ohne die Interpretation gleich mitzuliefern, in ihrer ganz speziellen Sprache, die eine Mischung ist aus intellektuellen Ausdrücken, Wortneuschöpfungen und Anfängerfehlern. »Ich will die Haar eben fügbar machen« ist so ein typischer Ayfer-Satz. Oder vielleicht erwartet man auch so wenig von einer Friseurin, dass die Tatsache, dass jemand so ehrgeizig und erfolgreich ist wie Ayfer, schon ausreicht, um einen neugierig zu machen. Es mag auch Sozialvoyeurismus dabei sein, weil man an Ayfer so schön beobachten kann, was passiert, wenn eine sehr intelligente und sehr ehrgeizige Frau, die es wahrscheinlich in jeder Branche weit gebracht hätte, weiter wahrscheinlich, als die meisten Absolventen jenes Münchner Gymnasiums, dessen Klo ihre Mutter putzte, auf die Friseurschiene gesetzt wird. Was so jemand dann daraus macht.

Morgens, in ihrem Laden, steht sie gerüstet wie zu einem Kampf. Sie trägt Boxerstiefel von adidas, weil Absätze mörderisch wehtun. Im Halfter an ihrer Hüfte steckt ihr Werkzeug: ein Männerkamm, ein Frauenkamm, eine 600-Euro-Schere von Matsusaki. Frisch geschliffen ist eine Schere so scharf wie ein Messer, und manchmal trifft es ihre Hände. Die kleine Schnittwunde im linken Mittelfinger ist frisch. Im linken Daumen hat sie sich vor 13 Jahren ein Stück Nerv durchtrennt. Aus ihrem linken Zeigefinger hat sie sich mal ein kreisrundes Stück herausgeschnitten. Ihre folgenreichste Verletzung aber zog sie sich auf der Meisterschule zu, 1990 war das, als ihre Mitschüler nichts mit ihr zu tun haben wollten, weil sie von einer Billigkette kam. Damals beschloss sie, dass sie irgendwann auf die anderen herunterblicken würde, und bewarb sich bei dem Friseur, von dem sie wusste, dass es der angesehenste ist. Sie ging zu Vidal Sassoon. Was sie zu dem Zeitpunkt nicht wusste: dass Vidal Sassoon nicht einfach nur eine internationale und teure Friseurkette ist, sondern eine Weltanschauung mit strikten Regeln und einer fein gestuften Hierarchie, wie man es eher bei einer Unternehmensberatung erwarten würde. Und ähnlich wie McKinsey es mit einem Belohnungssystem geschafft hat, Elitestudenten anzuziehen, bewerben sich bei Vidal Sassoon nur die Ehrgeizigsten ihrer Branche. Erst nach einer monatelangen Weiterbildung nach den Regeln und Techniken von Sassoon dürfen sie Haare schneiden. Ayfer hält sich bis heute daran, sie würde zum Beispiel niemals ein Messer benutzen, weil Messer so ungleichmäßig ausdünnen, dass die Haare nach zwei Wochen so frisselig aussehen, als müsste man dringend mal wieder zum Friseur. Ein Haarschnitt von Ayfer hält Monate, und oft kommt es vor, dass man gerade wieder einen Termin machen wollte und eine angenehme Überraschung erlebt: dass sich die Frisur plötzlich in eine andere verwandelt hat, dass die Haare, wie man sagt, gut rauswachsen. Das liegt daran, dass bei der Technik nach Vidal Sassoon eine Frisur tatsächlich durch den Schnitt – und nicht etwas durch Föhnen und Sprayen – entsteht. Mit »Graduierung«, feinen Abstufungen, wird Volumen aufgebaut, mit Stufungen wird Struktur ins Haaresinnere gebracht. Die meisten Friseure arbeiten heute mehr oder weniger nach dieser Technik, aber als Vidal Sassoon sie in den sechziger Jahren in seinem Londoner Laden erfand, emanzipierte er die Frauen damit von der Kunst ihrer Friseure und vom stundenlangen Sitzen unter der Trockenhaube.

Von all diesen Dingen wusste Ayfer nichts, als sie 1991 zur ihrem ersten Arbeitstag bei Sassoon am Odeonsplatz in der Münchner Innenstadt erschien. Da war sie 24 Jahre alt, »eine Türkentussi mit Strähnchen und langen Haaren in einem Kostüm von C&A«. Beim Probeschneiden war sie eine der Schlechteren gewesen, aber sie hatte ihre Chefin überzeugt mit dem Satz: »Zeigt’s mir, ich kann’s dann.«

Zu Hause teilte sie mit ihren Eltern und fünf Geschwistern eine Dreizimmerwohnung, und ihr Vater wollte, dass sie zum Abendessen am Tisch saß. Als sie sechs Jahre später bei Vidal Sassoon aufhörte, hatte sie in München, Berlin, New York und London gearbeitet. Sie konnte referieren, was die Sassoon-Schnitte mit der Architektur des Bauhauses gemeinsam haben; sie hatte einen besten Freund, der schwul war; sie hatte Franz Beckenbauer die Haare gewaschen und sich dabei ganz locker mit ihm unterhalten, und sie trug ihre Haare raspelkurz und grün mit rosa Strähnen. Bei Vidal durfte sie sich »Master Stylist« nennen, und ihre Eltern hatten keine Ahnung mehr, wer sie eigentlich war.

Man kann Ayfers Leben auch als Migrationsgeschichte lesen: die mit dem Bild einer 15-Jährigen auf dem Boden der Gymnasiumstoilette beginnt. Und die damit endet, wie sie zwei Jahrzehnte später im coolsten Friseurladen in Berlin-Mitte steht, in komplizierten Designerkleidern, vor weißen Wänden, wie eine Künstlerin bei ihrer Vernissage. So sieht es im Vorbeigehen aus. Aber was ist zwischen den beiden Bildern passiert, welche Verwandlungen und Höhenflüge, welche Wachstumsschmerzen haben sie zu der Person gemacht, die man heute durch die Milchglasscheibe ihres Ladens zu erkennen glaubt? Vielleicht ist Ayfer auch ein Beispiel dafür, was dieses Wort eigentlich bedeutet: »Integration.«

»Um das auch richtig zu deuten: Du meinst, ob ich mich in Deutschland eingefügt habe? Heimisch fühle? Fuß gefasst habe?«

»Hast du ja ganz offensichtlich. Aber dazu musstest du dich irgendwann mal… integrieren.«