»Mein Bruder mischt sich nicht in unsere Sachen ein. Er toleriert alles, einfach so. Mein Bruder hat sogar meinen Laden mitfinanziert. Meine ganze Familie hat sich beteiligt. Ich habe kein Existenzgründerdarlehen bekommen, weil die Banken mein Konzept zu qualitätsbewusst fanden. Ich habe gesagt, ich will meine Haarschnitte genießen und nicht einen nach dem anderen abfertigen. Deshalb habe ich mich ja selbstständig gemacht. Meine Familie musste ich nicht überzeugen, die wissen ja, dass ich von meiner Arbeit besessen bin. Wenn ich mich wo reinsteigere, dann schaffe ich das auch, dann gibt es keine Grenzen für mich.«

Egal, wie man anfängt, man endet fast immer bei ihrem Lieblingsthema. Wie sie eine immer bessere Friseurin wurde. Es ist, als betrachte sie ihr Leben als eine einzige lange Friseurlehre, die vor 22 Jahren begonnen hat und die noch immer nicht abgeschlossen ist.

Es kostet 56 Euro, sich von Ayfer die Haare schneiden zu lassen. Das ist etwas billiger als bei einer ranghohen Sassoon-Friseurin und viel, viel teurer als bei den Schnellfriseuren, die in der letzten Zeit in Berlin-Mitte ihre Filialen eröffnet haben. Es heißt in der Branche, dass auf dem Markt ein Umbruch stattfindet, vergleichbar mit dem vor 20 Jahren in der Lebensmittelbranche. Dass die Schere immer weiter aufginge und von den 60000 Friseurläden in Deutschland am Ende nur noch die ganz billigen (wie die Kette SuperCut, die von der Essanelle-Gruppe betrieben wird) und die ganz teuren (wie Sassoon oder Ayfer) übrig bleiben werden. Ruiniert werden dabei die imagelosen, mittelteueren Salons Sabine (deren Besitzerinnen darauf ausweichen, privat und schwarz die Haare zu schneiden – die Steuerhinterziehung in der Branche ist krass gestiegen, sagt ein Unternehmensberater für Friseure). Für zehn Euro, das ist billiger als vor 30 Jahren, gibt es heute einen Schnitt im Akkord, der 20 Minuten dauern darf. Wer seine Friseurin kennen möchte, wer will, dass seine uneloquenten Anweisungen richtig verstanden und umgesetzt werden, der wird dafür in Zukunft zum Luxusfriseur gehen müssen. Dafür sehen die Haare auch nach ein paar Wochen noch gut aus und manchmal sogar immer besser. Ayfer hat Kunden, die extra nach Berlin fliegen, damit sie diese Sache tut, für die Haareschneiden vielleicht ein zu banaler Begriff ist. Auch ich kam nach meinem ersten Schnitt wieder, Monate später. »Deine Haare sind lang geworden. Hattest du anderes im Kopf?«

Ich habe Ayfer nie viel von mir erzählt, ohne besonderen Grund, außer vielleicht, dass es sich eben irgendwann so etabliert hat: Sie schneidet, ich höre zu. An dem Abend, ich war monatelang nicht bei ihr gewesen, ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Haare bis über die Schultern, fragte ich sie, ob sie an die Liebe glaube. Ich war neugierig darauf, weil ich gar nicht wusste, ob sie eigentlich noch etwas anderes als ihren Beruf im Kopf hatte, ob sie eine weichere Seite hatte, ob sie eher zum westlich-romantischen Modell neigte oder zum Pragmatismus. Und wie der Mann sein müsste, der ihr gefällt: ob er ein Handwerker wäre oder ein Künstler, Türke oder Deutscher… Ich war die Letzte im Laden, in der Tür steckte bereits der Schlüssel, draußen, hinter der Milchglasfolie, wurde es schon dunkelblau. Ayfer stellte die Popmusik aus, die den ganzen Tag in ihrem Laden läuft, schloss die Tür, öffnete die Kasse, 700 Euro, ein guter Tag. »Er ist erst 24«, sagte sie, ein wenig peinlich berührt, »ich habe ihm gesagt, dass er zu jung für mich ist. Aber er will nicht, dass es vorbei ist. Er hat gesagt, dass er mich in ein paar Monaten um eine endgültige Entscheidung bitten wird.« Sie hing noch an der Sache, wenn sie abends um acht nach Hause kam, und die Füße taten ihr weh vom langen Stehen, und die Fingerkuppen schmerzten, weil sie beim Färben nie Handschuhe trägt, dann war er meistens da und wartete auf sie und hörte ihr zu. »Denn, weißt du, es gibt ja immer unendlich viel zu erzählen. Das ist ja schon ein aufregender Beruf: Friseur.«